Der Graf von Habsburg.

 
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1.
Zu Aachen in seiner Kaiserpracht,   
im altertümlichen Saal
saß König Rudolfs heilige Macht
beim festlichen Krönungsmahle.
Die Speisen trug der Pfalzgraf des Rheins,
es schenkte der Böhme des perlenden Weins
und alle die Wähler, die sieben,
wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt,
umstanden geschäftig den Herrscher der Welt,
die Würde des Amtes zu üben.

2.
Und rings erfüllte den hohen Balkon
das Volk in freud'gem Gedränge,
laut mischte sich in der Posaunen Ton
das jauchzende Rufen der Menge;
denn geendet nach langem verderblichen Streit
war die kaiserlose, die schreckliche Zeit
und ein Richter war wieder auf Erden.
Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer,
nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr,
des Mächtigen Beute zu werden.

3.

Und der Kaiser ergreift den goldenen Pokal
und spricht mit zufriedenen Blicken:
"Wohl glänzet das Fest, wohl prangert das Mahl,
mein königlich Herz zu entzücken;
doch den Sänger vermiss' ich, den Bringer der Lust,
der mit süßem Klang mir bewege die Brust
und mit göttlich erhabenen Lehren.
So hab' ich's gehalten von Jugend an,
und was ich als Ritter gepflegt und getan,
nicht will ich's als Kaiser entbehren."

4.

Und sieh! In der Fürsten umgebenden Kreis
trat ein Sänger im langen Talare;
ihm glänzte die Locke silberweiß,
gebleicht von der Fülle der Jahre.
"Süßer Wohllaut schläft in der Saiten Gold,
der Sänger singt von der Minne Sold,
er preiset das Höchste, das Beste,
was das Herz sich wünscht, was der Sinn begehrt;
doch sage, was ist des Kaisers wert
an seinem herrlichsten Feste?" -

5.
"Nicht gebieten werd' ich dem Sänger," spricht
der Herrscher mit lächendem Munde,
er steht in des größeren Herren Pflicht,
er gehorcht der gebietenden Stunde.
Wie in den Lüften der Sturmwind saust
- man weiß nicht, von wannen er kommt und braust-
wie der Quell aus verborgenen Tiefen,
so des Sängers Lied aus dem Inneren schallt
und wecket der dunklen Gefühle Gewalt,
die im Herzen wunderbar schliefen."

6.
Und der Sänger rasch in die Saiten fällt
und beginnt sie mächtig zu schlagen:
"Aufs Weidwerk hinaus ritt ein edler Held,
den flüchtigen Gemsbock zu jagen.
Ihm folgte der Knapp' mit dem Jägergeschoß,
und als er auf seinem stattlichen Roß
in eine Au kommt geritten,
ein Glöcklein hört er erklingen fern;
ein Priester war's mit dem Leib des Herrn,
voran kam der Mesner geschritten.

7.
Und der Graf zur Erde sich neiget hin,
das Haupt mit Demut entblößet,
zu verehren mit gläubigen Christensinn,
was alle Menschen erlöset.
Ein Bächlein aber rauschte durchs Feld,
von des Gießbachs reißenden Fluten geschwellt,
das hemmte der Wanderer Tritte;
und beiseit’ legt jener das Sakrament,
von den Füßen zieht er die Schuhe behend’,
damit er das Bächlein durchschritte.

8.
"Was schaffst du?" redet der Graf ihn an,
der ihn verwundert betrachtet.
"Herr, ich walle zu einem sterbenden Mann,
der nach der Himmelskost schmachtet;
und da ich mich nahe des Baches Steg,
da hat ihn der strömende Gießbach hinweg
im Strudel der Wellen gerissen.
Drum, daß dem Lechzenden werde sein Heil,
so will ich das Wässerlein jetzt in Eil'
durchwaten mit nackenden Füßen."

9.
und reicht ihm die prächtigen Zäume,
daß er labe den Kranken, der sein begehrt,
und die heilige Pflicht nicht versäume.
Und er selber auf seines Knappen Tier
vergnüget noch weiter des Jagens Begier,
der andre die Reise vollführet;
und am nächsten Morgen mit dankendem Blick,
da bringt er dem Grafen sein Roß zurück,
bescheiden am Zügel geführet.

10.
"Nicht wolle das Gott," rief mit Demutsinn
der Graf, "daß zum Streiten und Jagen
das Roß ich beschritte fürderhin,
das meinen Schöpfer getragen!
Und magst du's nicht haben zu eignem Gewinnst,
so bleib' es gewidmet dem göttlichen Dienst!
Denn ich hab' es dem ja gegeben,
von dem ich Ehre und irdisches Gut
zu Lehen trage und Leib und Blut
und Seele und Atem und Leben." -

11.
"So mög' Euch Gott, der allmächtige Hort,
der das Flehen der Schwachen erhöret,
zu Ehren Euch bringen hier und dort,
so wie Ihr jetzt ihn geehret!
Ihr seid ein mächtiger Graf, bekannt
durch ritterlich Walten im Schweizerland.
Euch blüh'n sechs liebliche Töchter;
so mögen sie," rief er begeistert aus,
"sechs Kronen Euch bringen in Euer Haus
und glänzen die spät'sten Geschlechter !"-

12.
Und mit sinnendem Haupt saß der Kaiser da,
als dächt' er vergangener Zeiten;
Jetzt, da er dem Sänger ins Auge sah,
da ergreift ihn der Worte Bedeuten.
Die Züge des Priesters erkennt er schnell
und verbirgt der Tränen stürzenden Quell
in des Mantels purpurnen Falten.
Und alles blickte den Kaiser an
und erkannte den Grafen, der das getan,
und verehrte das göttliche Walten.

Schiller

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Grundlage:

Das hier Erzählte ist teilweise Sage, teilweise Erfindung
des Dichters. Alte Schweizer Chronisten berichten, daß
Rudolf von Habsburg einst einem Priester auf dem
Versehgang sein Pferd geliehen und es dann nicht mehr
zurückgenommen habe; dieser Priester sei später Kaplan
des Erzbischofes von Mainz geworden und habe die
Aufmerksamkeit dieses Kurfürsten auf Rudolf von
Habsburg gelenkt. Daß der Priester aber beim
Krönungsmahl als Sänger aufgetreten sei, ist Erfindung
des Dichters.

Strophe 1: Beim Krönungsmahle der deutschen Könige in Aachen übten die vornehmsten weltlichen Fürsten die vier Erzämter aus. Bei der Wahl Rudolf von Habsburg hielt sich in Wahrheit der König von Böhmen, Premysl Ottokar II., dem das Mundschenkamt zukam, fern; an seine Stelle trat als siebenter Kurfürst der Herzog von Bayern.

Zeile 7: die Wähler die sieben: die sieben Kurfürsten.

Zeile 9: Herrscher der Welt: Redefigur (Hyperbel, Übertreibung); in gewissem Sinne auch tatsächlich zu fassen: der in Rom gekrönte Kaiser galt allerdings als vornehmster Fürst der Christenheit und als Nachfolger der römischen Kaiser, die das Imperium, die Weltherrschaft ausübten.

Strophe 2:

Zeile 6: die kaiserlose, die schreckliche Zeit: das sogenannte Interregnum, 1254(56) - 1273, während dessen kein König allgemein anerkannt war.

Strophe 4:

Zeile 6: der Minne Sold: der Lohn der Liebe, ein Zug aus dem Minnesang.

Strophe 8:

Zeile 4: Himmelskost: die letzte Wegzehrung, das allerheiligste Altarsakrament.

Str.: 10:

Zeile 9: zu Lehen trage: die Vorstellung des Lehensverhältnisses, nachdem der Vasall von seinem Herrn ein Gut nur auf Lebenszeit und gegen bestimmte Verpflichtungen übertragen erhielt, wurden im Mittelalter vielfach auch auf das Verhältnis des Menschen gegenüber Gott angewendet.

Str.: 11

Z.: 7-10 Rudolf hatte tatsächlich sechs Töchter, die sich sämtliche mit Fürsten vermählten. Von Rudolf von Habsburg singen zeitgenössische Dichter. Er war ein großer Freund von Gesang und Saitenspiel; trotzdem war er durch seine Kargheit gegen die Spielleute bekannt; er hatte ja auch keine großen Besitzungen.


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