Der letzte Postillion

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Bald ist, soweit die Menschheit haust,
der Schienenweg gespannt;
es keucht und schnaubt und stampft und saust
das Dampfroß rings durchs Land.

Und wiederum in fünfhundert Jahr
weiß der Gelahrtste nicht
zu sagen, was ein Haudrer war,
was Fuhrmanns Recht und Pflicht.

Nur in der Nacht der Sonnenwend,
wo dunkle Schemen gehen,
wird zwischen Erd' und Firmament
ein fremd Gespann geseh’n.

Der Schimmel trabt, die Peitsche schwirrt,
laut schmettert Posthornton;
als Geist kommt durch die Luft kutschiert
ein greiser Postillion.

Fahl glänzt am gelben Sperlingsfrack
Thurn-Taxis' Wappenknopf;
er raucht uralten Rauchtabak
aus braunem Ulmerkopf.

Er raucht und spricht: "O Erdenball,
wie anders schaust du drein,
seit ich mit Sang und Peitschenschall
einst Postdienst tat am Rhein.

Jetzt rennt der Dampf, jetzt brennt der Wind,
jetzt gilt kein Fruh und Spat;
die Sonne malt und blitzgeschwind
briefschreibt der Kupferdraht."

Scheffel.

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Alte Wörter:

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Gelahrtste = der Gelehrteste, - altertümliche Form mit Rückumlaut

Hauderer = Mietsfuhrmann, ein Wort aus der fränkischen Mundart;
auch Goethe verwendet es in "Dichtung und Wahrheit."

Schemen = leeres Schattenbild, Geistererscheinung. -

Thurn-Taxis = 1495 wurde ein Graf Taxis zum Reichspostminister
ernannt; das Amt ging auf seine Erben über; so trugen
die Postillione das Wappen des Geschlechts auf den Knöpfen.

Ulmerkopf = eine besonders in Ulm erzeugte Gattung von Pfeifen,
aus Holz geschnitzt.


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