Reisefreuden anno dazumal.

Nach Paul Cserna und Adolf Glaßbrenner.

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Zu den unzerstörbaren Wahnbildern von der Schönheit der sagenhaften guten alten Zeit gehört auch die Vorstellung vom Reiz, der in den Tagen unserer Urgroßväter dem Reisen innewohnte. Vor allem dem Postkutschenfahren, dem wichtigsten, ja fast ausschließlichem Reisemittel von anno dazumal. Das Märchen von dessen Zauber ist noch immer lebendig, ist uns nachgerade in Fleisch und Blut übergegangen: das lustige ungebundene Postkutschenfahren, mit vier Schimmeln, in bauchiger, altväterischer - bequemer Kalesche, der braven Schwager auf dem Bock, diesen alle Weile fröhlichen, munteren Gesellen, der so feine Lieder blies und seine mutigen Gäule stets in schärfsten Trab hielt, zur Nachtzeit, ganz dem Mondlichtzauber hingegeben, wie das Lenau in seinem "Postillion" so wundervoll besungen hat.

Das war doch Poesie? Nun, die Wirklichkeit, die zeigte sich anders. Weder poetisch noch poesiefördernd; und angenehm schon gar nicht.

Des Postkutschenfahrens Romantik, die bei der Abfahrt, vor der Post begonnen, nahm oft schon eine Meile hinter der Stadt ein garstiges Ende. Der anfangs gute Weg wurde schlecht und immer schlechter. Die Kutsche neigte sich jetzt auf die eine und gleich nachher auf die andere Seite, drohte wohl auch umzustürzen (zuweilen tat sie das), die Pferde wollten dann nicht mehr weiter, blieben ermüdet stehen, der Schwager fluchte, die Fahrgäste seufzten, murrten und schimpften und führten dann noch lange nach Beendigung der Fahrt bewegte Klagen über gehabte Müh' und Gefahr.

War's ein Wunder? Schlecht, vernachlässigt wie die Straßen, Brücken und Stege in deutschen Landen, waren auch die alten Postwagen. In der ersten Zeit der regelmäßigen Postfahrten gab es noch keine Federwagen; gewöhnliche schüttelnde, oft nicht einmal überdachte Leiterwagen, Rollwägelchen genannt, verkehrten auch auf langen Strecken.

Auch als die Kutschen aufkamen, blieben sie noch lange in Gebrauch. Aber auch, als die besseren Postwagen schon mit Lederdächern ( um 1750) versehen waren, fanden die Fahrgäste im Inneren gegen die Unbilden des Wetters nicht immer genügend Schutz. Und wenn ja, so war's an heißen Sommertagen unter dem engen Zelt wiederum nicht zum Aushalten. -

Diese zu wenig, aber auch zuviel verdeckten Wagen hatten aber auch noch andere Fehler. An manchen vermißte man die Türen und die Fahrgäste mußten, nachdem sie mit Mühe den Kutschbock erklettert - eiserne Wagentritte waren dazumal nicht in Verwendung -, von dort aus über Sitzplätze und Gepäckstücke sich ins Wageninnere zwängen. Ursprünglich saßen die Wagenkasten unmittelbar auf der Achse, später schwangen sie frei in eisernen Ketten, welche die Federung ermöglichten, noch später wurden die Ketten durch geschmeidige Lederriemen ersetzt - und das Stoßen und Knarren durch böses Schaukeln. So war der gewöhnliche Postwagen beschaffen. Als "Ordinari" beherrschte er die deutschen Lande.

Er bildete die niedrigste Stufe der "ärarischen Vehikel", die "Extrapost" deren höchste. Mit der Extrapost zu fahren, war der Wunsch aller, die sich auf Landreisen begeben mußten. Freilich kostete sie sehr viel, und die ehrsamen Bürger von einst suchten, bevor sie ihren Platz in der "Extra" belegten, wohl gern einen Reisegefährten, mit dem sich die Unkosten halbieren ließen.

Schnell war die Beförderung in der "Ordinari" nicht - alle Stunden, wenn nichts geschah, eine halbe Meile! Brauchte doch der österreichische Minister Beust im Jahre 1833 noch mit vierspänniger Extrapost fünf volle Tage, um von Dresden nach München zu gelangen.

Postwagen am Anfang d. 19. Jhdt.

Postwagen Anfang 19.Jhdt.

Vor allem aber quälten den Reisenden von anno dazumal drei finstere Mächte: die verschiedenen Paß-, Zoll-, Polizei-, und Grenzbehörden mit ihren Abgabeforderungen, Grobheiten und Umständlichkeiten; die Angst vor der "Rauberey" und endlich die Angst vor der schlechten Herberge. -

Von jenen erstgenannten Feinden der reisenden Menschheit gibt der Berliner Schriftsteller Adolf Glaßbrenner - er fuhr im Frühjahr 1835 von Berlin über Leipzig, Dresden, Prag nach Wien - eine recht anmutende Schilderung.

"Ich bestellte mir zum anderen Morgen Postpferde, nahm mir vor, auf der Rückreise Prags Leben und Treiben näher kennen zu lernen, und fuhr über Stock und Stein in gerader Linie nach Wien. Aber noch nicht in Wien hinein!

An der ***-Linie hieß es: Halt! Und ein Mautiger trat wieder an meinen Wagen und fragte, ob ich Steuerbares bei mir habe. "Nichts, als etwas Tabak und einige Zigarren zu meinem Gebrauche", antwortete ich, holte ein paar Gulden aus der Tasche und drückte ihm diese in die suchende Hand.

"I muß doch a bissel nachschau'n. Haben S' d' Güt', lassen S’’ aufmachen!"

Während ich gehorsam war, meinen Mantelsack und alle Pakete öffnete, hatte sich ein zweiter Beamter herangeschlichen und lauschte mit dem einen Auge, während das andere gleichgültig in der Welt herumschweifte. Mein Untersuchender, der zuvor nur einen nachlässigen Blick über meine Effekten geworfen, mußte soeben das eine lauschende Auge seines Vorgesetzten bemerkt haben; er gab mir heimlich sein Geld zurück und ließ meine sämtlichen Sachen aus dem Wagen auf die nahestehende Bank schaffen. Hier wurde ich aufgefordert, alles einzeln herauszunehmen und besichtigen zu lassen; einer fühlte hier an, der andere dort; jeder Winkel wurde sorgfältig untersucht, meine feine Wäsche wie Unkraut durcheinandergeworfen. Zu solchen Zeiten bete ich immer, damit ich nicht wütend werde. Hier lag ein unschuldiges Beinkleid, daß diese Störung gar nicht begreifen konnte; dort sah mich mein neuester Frack mit seinen blanken Knöpfen mitleidflehend an; hier zerknitterte man eine Chemisette, dort fielen ein paar schneeweiße Vatermörder auf die Erde; eines meiner Lustspiele fiel auch; - einige angefangene Novellen wurden in den Schlafrock gewickelt und mehrere lyrische Gedichte unter die alte Wäsche geworfen; jedes Stäubchen Tabak wurde konfisziert und endlich faste einer meine Briefe und begann die ungesiegelten zu lesen.

Jetzt wurde ich wild. Ich bin ein sehr guter Mensch, solange es dauert, aber wenn ich böse werde, "so bin i a Viech!" wie die Wiener sagen. "Herr!" rief ich, als er eben die Blätter entfaltete und sich's bequem zu der bevorstehenden Lektüre machte, "haben sie auch die Erlaubnis von Ihrer Regierung, die namentlich alle Fremden freundlich und artig behandelt wissen will, deren Geheimnisse zu erforschen? Heischt es Ihre Pflicht, Briefe zu lesen und das heiligste Recht eines jeden Menschen mit Füßen zu treten? Bei uns würde man das Unverschämtheit nennen und exemplarisch bestrafen!"

"Bei uns nit!" antwortete das Mautungeheuer mit einer fürchterlichen Pomade und setzte seine Unterhaltung fort; "i les' ja a nur, was drin steht!"

Bei dieser Dummheit zuckte es mir in der Hand; allein ich wollte mich zu meinem Vergnügen in Wien aufhalten, bezähmte also die hervorbrechende Wut, packte inzwischen meine Sachen wieder ein und wartete dann ruhig, bis man den Inhalt meiner Briefe auswendig wußte. Man kann bei diesen traurigen Zeiten nichts besseres tun, als alles ruhig abwarten.

"Na, Se hab'n ja viel Geld z' fordern, wie ich seh". Da werden S' halt vergnügt leben, Herr v. ***!" Mit diesen Worten und mit einem freundlich - boshaften Seitenblick legte er die Briefe wieder zusammen und kündigte mir an, daß ich des Tabaks wegen in die Amtstube müsse. Ich folgte ihm, trat aber aus Versehen fehl und ihm dermaßen auf den Fuß, daß ihm mindestens sechs bis sieben Hühneraugen abfielen. Mir wurde wieder leicht. "I hab' Ihnen nur a'f en Fuß g'treten!" sagte ich und ging in die Amtsstube.

Hier wurde ein Protokoll des eingeschmuggelten Tabaks wegen aufgenommen, und obgleich ich um möglichste Eile bat, mußte ich über eine Stunde warten und nebenbei einige zwanzig Gulden Münze Strafe zahlen. Man hatte den Staub aus meinem Tabaksbeutel mitgewogen, glücklicherweise aber nicht bemerkt, daß noch ein Rest in meiner Pfeife steckte, sonst wäre die Strafe höher ausgefallen. Endlich kam ich zur Unterschrift des Protokolls, ich empfahl mich höflichst, sagte den vier oder fünf Beamten, die sich alle mit mir unterzeichnen mußten, daß es mich freue, auf eine so interessante Weise ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, und versuchte noch einmal, dem Solotänzer aus Versehen auf den Fuß zu treten, er zog ihn aber schnell zurück. Dann stieg ich in den Wagen und fuhr in das lärmende Wien hinein.

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