Europas Bildungswesen im Mittelalter (Willmann)

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Mit einem dem 17. Jahrhundert entstammenden Ausdruck nennen wir den tausendjährigen Zeitraum, der mit der Völkerwanderung anhebt und mit den Neubildungen des 16. Jahrhunderts schließt, das Mittelalter; es ist eine wenig zutreffende Bezeichnung, weil sie von dem äußerlichsten Merkmal ausgeht.

In Wahrheit ist jener Zeitraum nicht sowohl ein mittleres, als vielmehr ein Anfangsalter: die Periode der anhebenden christlich-europäischen Zivilisation und Kultur, die Jugendepoche der modernen Völker.

So wenig wie der Name sind die an ihn gehefteten Nebenvorstellungen haltbar, daß dieses Weltalter eine Zeitwüste, ein Winterschlaf der Menschheit, eine Pause der Naturgeschichte gewesen sei, da es vielmehr von umfassender und reger geschichtlicher Arbeit erfüllt erscheint, der die Neuzeit einen namhaften Teil der Voraussetzungen ihres eigenen Schaffens verdankt: neue Nationen werden der Zivilisation gewonnen, Mischvölker klären sich zu charaktervollen Nationalitäten ab, an Stelle der geographischen Einheit der griechisch-römischen Geschichte -des Mittelalters- wird Europa zu einer solchen erhoben, an Stelle des Weltreiches, der einzigen dem Altertum bekannten Form der Vereinigung der Völker, wird die Kulturgemeinschaft selbständiger Nationen gesetzt.

Darin aber stehen allerdings die Völker des Mittelalters gegen die des Altertums zurück, daß sie weniger als diese aus dem Eigenen schöpfen, vielmehr wesentliche Antriebe ihres geschichtlichen Lebens von außen empfangen und daß es daher eines langen Prozesses zur Angleichung der herangebrachten Elemente bedarf, der dafür eine um so reichere Entwicklung einleitet. Die Zivilisation und Kultur, deren Anfangsstadien in das Mittelalter fallen, ist eine abgeleitete; sie verdankt den Anstoß zu ihren Schöpfungen einesteils dem Christentum, andernteils antiken Traditionen, Motive, die erst in den Lebensinhalt eingearbeitet werden mußten, ehe die nationalen Kräfte zur Mitwirkung wirksam gemacht werden konnten.

So ist auch das Bildungswesen des Mittelalters zunächst auf Empfangen, Fortführen, Nachahmen von Vorhandenem gestellt und von jener Starrheit und Schwerfälligkeit nicht frei, die jeder Art von Anfängerschaft unvermeidlich anhaftet.

Das Bildungswesen war im Mittelalter auf ungleich schwierigere Bahnen angewiesen als je bei klassischen Völkern; es mußte neben dem christlichen Lehrinhalte einen harten und spröden Stoff, den Niederschlag der römischen Bildung bewältigen, dürre und dornige Kompendien zu Wegweisern nehmen, eine fremde, auf fremdartige Gedankenkreise bezogene, gealtete Sprache als sein Medium anwenden; die Kirche gewährte ihm eine Stätte und ließ ihm ihre orginisatorische Kraft zugute kommen, allein sie forderte es zugleich unumgeschränkt in ihrem Dienst und bestimmte danach seinen Spielraum

Die harte Lernarbeit jener Jahrhunderte mag uns im einzelnen oft dürftig und unfruchtbar vorkommen; im ganzen angesehen, erscheint sie als eine strenge Schulung, welche die jugendlichen Völker durchmachen mußten, um zu freierer Bewegung und eigenem Schaffen zu gelangen.

Es sind aber keineswegs schülerhafte Leistungen, bei denen das Mittelalter auf diesem Gebiet stehen blieb: es hat vielmehr die Formen, welche sich das christliche Bildungswesen auf römischem Boden gegeben hatte: die Klosterschule, das bischöfliche Konvikt und die Pfarrschule, nicht nur fortgeführt, sondern auch weitergebildet und ausgebreitet und hat daneben neue Schöpfungen hervorgebracht, für welche es kein Vorbild im Altertum fand: das ritterliche Bildungswesen, das Lehrwesen der Zünfte und das Zunftwesen der Lehre, wie es sich in den Universitäten darstellt.

Mit dem Rittertum, der edlen Schöpfung des Zeitalters der Kreuzzüge, trat ein eigenartiges weltliches Bildungswesen ohne schulmäßige Formen und ohne gelehrten Inhalt ins Leben. In der ritterlichen Bildung erscheinen die kriegerischen Übungen der alten Zeit zu jenen Fertigkeiten und Künsten gesteigert, von denen im Turnier die Probe abzulegen ist; an Stelle der Runen und alten Kunde tritt die Kunst des Saitenspiels und die Kenntnis der Sprachen und der Aventüren.

Mit dem Worte vrümecheit, sprachlich unserm Frömmigkeit entsprechend, aber der Bedeutung nach durch Tüchtigkeit, Trefflichkeit wiederzugeben, wird die Tugend des Ritters, mit den Ausdrucke hübschheit, d.i. Höfischkeit, Übertragung des französischen courtoisie, der edle Schmuck seiner Persönlichkeit bezeichnet.

Der Bildungsgang des jungen Ritters war nicht weniger bestimmt geregelt als der des angehenden Klerikers und selbst die Abstufung der sieben freien Künste übertrug man auf ritterliche Übungen.

Die Schule des Knaben war der Hof eines angesehenen Ritters; der Vater leitete wohl die Erziehung im ganzen, aber er überließ anderen ihre Durchführung; das Lernen wurde untrennbar vom Dienen gedacht und für dieses war das fremde Haus der geeignetere Ort als das väterliche.

Die niedre Stufe dieses Dienstes wurde bis zum vierzehnten Lebensjahr durchlaufen; mit der Schwertnahme, welche vor dem Altar unter priesterlichem Segen geschah, erstieg der Edelknecht (juncherre) die höhere; mit dem Ritterschlag, den er durch Proben des Mutes und ritterliche Leistungen erwarb und worauf er sich durch Gebet, Fasten und Empfang der heiligen Sakramente vorbereitete, wurde er im 21.Jahre losgesprochen.

Zu erlernen waren in der Dienst und Lehrzeit zunächst die ritterlichen Übungen, vom

Klettern und Springen an bis zum

Schirmen und Fechten mit Schwert und Schild; ferner

das Zeremonell aller Art,

der Frauendienst,

das hovespil, d.i. die geselligen Spiele,

das wohlanständige Benehmen,

das mit zühten sprechen unde stên,

das Saitenspiel und der

Gesang.

Die Kunst des Schreibens blieb dem ritterlichen Lehrling häufig erlassen, aber großes Gewicht wurde gelegt auf

das senden durch vremde sprâche unt vremdiu lant;

der deutsche Knabe lernte welsche Bücher verstehen; mehrfach wird auch das Erlernen des Lateinischen, ja selbst des Griechischen erwähnt.

In den Gedankenkreis des höfschen Zeitalters aber führten die Jugend die aventiuren ein, die Sagen, Dichtungen, Geschichten von ritterlicher Großtat aller Zeiten:

denn si bezeigent vil gar, waz ein ieglich man tuon sol, der nach vrümecheit will leben wol;

zu diesem Bildungselement gibt auch das Altertum Äneas' Fahrten, Alexanders Kriegszügen.

Die ritterliche Bildung ist eine ständische und darum auf einen Beruf bezogene, allein sie baut sich auf allgemeineren Elementen des geistigen Lebens, dem christlichen, germanischen, romanischen und romantischen auf und ist in nicht geringem Grade auf Durcharbeitung der Persönlichkeit angelegt.

So groß der Gegensatz zwischen höfischem und bürgerlichem Wesen ist, so zeigen doch die Lehreinrichtungen der Zünfte eine gewisse Verwandtschaft mit denen des Rittertums; auch sie beruhen auf der Voraussetzung, daß Lernen und Dienen untrennbar zusammengehören, auf der Einhaltung scharf begrenzter Stufen, die der Lehrling zu durchlaufen hatte, um ein Glied einer geschlossenen Gemeinschaft zu werden, und auf  der Überlieferung von spezifischen Fertigkeiten, Bräuchen, Vorstellungen, die doch zugleich mit dem Gesamtbewußtsein und dem Ideenkreis der Zeit in Verbindung stehen, so daß dieses Lehrwesen, obwohl ein berufliches, doch als Zweig der allgemeinen Bildungsarbeit angesehen werden kann.

Die Zünfte hatten neben ihrem nächsten Zwecke, den Zunftgenossen Schutz und Förderung zu gewähren, zugleich den anderen: werkmännische Fertigkeit und bewährten Handwerksbrauch zu erhalten und fortzupflanzen; danach führten sie den Namen scholae und wurden ihre vollberechtigten Mitglieder magistri, Meister genannt.

Wer zum Handwerk Zutritt suchte, mußte "echt und recht geboren" sein, denn das Handwerk, d.i. die Zunft, sollte "rein sein, als hätten es die Tauben belesen".

Die Aufzunehmenden mußten die Christenlehre durchgemacht haben; nach dem Aufkommen der Schreibschulen im 14.Jahrhundert brachten sie auch Elementarkenntnisse mit. Die Aufnahme geschah nicht durch den einzelnen Meister, sondern durch die Zunft, wie es die Formel ausspricht:

"In Kraft des ganzen Handwerks will ich diesen Jungen dingen."

Der Meister hatte den Knaben in "Lehrzucht" zu nehmen, ihn zu weisen, "wie er mit der Hand wirken könne", und ihn gebührend zu halten und regelmäßig zur Kirche zu schicken; auch sollte er ihm "ein kleines (Geld) zum Baden geben", denn jeder Arbeiter, er sei groß oder klein, muß reinlich sein und seinen Körper reinlich halten, das tut der Seele gut".

Der Lehrknabe (auch Lehrkind, Lehrbote, Lehrknecht) aber soll fleißig "Mess' und Predigt hören und gute Bücher lesen lernen, bei der Arbeit fleißig sein und seine Ehre nicht anders denn durch Gottes Ehre suchen".

Der Lehrling hatte ein Lehrgeld zu erlegen, welches, im Falle er nichts lernte, vom Meister den Eltern zurückerstattet werden mußte; entlief der Knabe wegen schlechter Behandlung, so durfte der Meister keinen anderen aufnehmen,

"da das Lehrgeld auf dem Stuhle sitzt".

Der sich bewährte Lehrling stieg zum Mittler, Jünger, Halbgesellen auf; die Anrede des Meisters bei diesem Akt enthielt den Satz:

"Du bist bisher Junge gewesen und hast dich zu den Jungen gehalten, jetzt wirst du Jünger und wirst dich zu den Jüngern halten, wird dir Gott die Gnade verleihen, daß du in den Gesellenstand trittst, so wirst du es auch mit ehrlichen Gesellen halten".

Die Lossprechung des Jüngers und sein Aufsteigen zum Gesellen geschah auf Grund einer Prüfung und war mit Feierlichkeiten verbunden. Der Geselle unterstand noch der Gewalt des Meisters, doch konnte er diesen wählen; seine Kenntnis und Fertigkeit erweiterte er durch die Wanderschaft, die im 14.Jahrhundert schon allgemeiner Brauch war, im 15. zur bindenten Einrichtung wurde

Hat er sich bei heimischen und fremden Meistern vervollkommnet, so wartete er auf die Meisterschaft, welche die Zunft nach ihrem Bedarf auf Grund des gelieferten Meisterstückes erteilte.

Diese Lehreinrichtungen haben sich über das Mittelalter hinaus bis in Zeiten erhalten, welche nur deren Druck, nicht deren Segen empfanden; mit ihrer Beseitigung aber hat das Lehrlingswesen die festen Formen verloren, für welche die verbesserte Volksschule samt der Real- und Gewerbeschule keineswegs Ersatz gewähren, und die Gegenwart sucht das noch, was das Mittelalter, seinen ursprünglichen und beschränkten Verhältnissen angemessen, besessen hatte: eine Vorbildung des Werkmannes, welche ihm gediegene technische Fertigkeit und ein auf sittlichreligiöser Grundlage ruhendes Standesbewußtsein gibt.

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