Die Rückkehr der Franzosen aus Rußland.

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(Nach Gustav Freytag)

In den ersten Tagen des Jahres 1813 fielen gar dicht die Schneeflocken; weiß wie ein Leichentuch war die Landschaft. Da bewegte sich ein langsamer Zug geräuschlos auf der Landstraße zu den ersten Häusern der Vorstadt. Das waren die rückkehrenden Franzosen.

Sie waren vor einem Jahr ausgezogen mit Trompetenklang, in kriegerischem Glanz und mit empörendem Übermut. Endlos waren die Truppenzüge gewesen; Tag für Tag ohne Aufhören hatte sich die Masse durch die Straßen der Stadt gewälzt, nie hatten die Leute ein so ungeheueres Heer gesehen: alle Völker Europas, jede Art von Uniform, Hunderte von Generalen. Einen Monat hatte der endlose Durchzug gedauert, wie Heuschrecken hatten die Fremden von Kolberg bis Breslau das Land aufgezehrt. Denn im Jahre 1811 war eine Mißernte gewesen und 1812 fraßen den Samenhafer die französischen Kriegspferde; sie fraßen den letzten Halm Heu, das letzte Bund Stroh. Vom Marschall bis zum gemeinen Franzosen waren sie nicht zu sättigen. Die Offiziere hatten von einer armen Frau gefordert, daß sie ihnen Schinken in Rotwein koche; den fettesten Rahm tranken sie aus Krügen und gossen Zimtessenz darüber. Wie Wahnsinnige hatten sie gegessen.

Aber schon damals ahnte das Volk, daß die Frevelhaften so nicht zurückkehren würden. Aber was jetzt zurückkehrte, das kam kläglicher, als man geträumt hatte. Es war eine Herde armer Sünder, die ihren letzten Gang angetreten hatten; lautlos wie ein Totenzug nahten sie der Stadt. Alle waren unbewaffnet, keiner beritten; die Bekleidung zerlumpt und unsauber, aus Kleidungsstücken der Bauern und ihrer Frauen ergänzt. Was jeder gefunden, hatte er an Kopf und Schultern gehängt, um eine Hülle gegen die markzerstörende Kälte zu haben: alte Säcke, zerschlissene Pferdedecken, Teppiche, Schals, frisch abgezogene Häute von Katzen und Hunden; man sah Grenadiere in großen Schafpelzen, Kürassiere, die Weiberröcke wie Mäntel trugen. Nur wenige hatten Helm und Tschako; jede Art Kopftracht, bunte und weiße Nachtmützen, wie sie der Bauer trug, ein Tuch oder Stück Pelz zum Schutze der Ohren darüber geknüpft; Tücher auch über den unteren Teil des Gesichts. Und doch wahr die Mehrzahl der Ohren und Nasen erfroren und feuerrot, erloschen lagen die dunklen Augen in den Höhlen. Selten trug einer Schuh oder Stiefel; glücklich war, wer in Filzsocken oder in weiten Pelzschuhen den Marsch machen konnten; vielen waren die Füße mit Stroh umwickelt, mit Decken, Lappen, dem Fell der Tornister oder Filz von alten Hüten. Alle wankten auf Stöcke gestützt, lahm und hinkend. Auch die Garden unterschieden sich von den übrigen wenig, ihre Mäntel waren verbrannt, nur die Bärenmützen gaben ihnen noch ein militärisches Ansehen. So schlichen sie daher, Offiziere und Soldaten durcheinander, mit gesenktem Haupt, in dumpfer Betäubung. Alle durch Hunger und Frost und unsägliches Elend zu Schreckensgestalten geworden.

Tag für Tag kamen sie jetzt auf der Landstraße heran, meistens sobald die Abenddämmerung und der eisige Winternebel über den Häusern lag. Wurden sie in ein warmes Zimmer geführt, so drängten sie mit Gewalt an den heißen Ofen, als wollten sie hineinkriechen; vergebens mühten sich mitleidige Hausfrauen, sie von der verderblichen Glut zurückzuhalten. Gierig verschlangen sie das trockene Brot, einzelne vermochten nicht aufzuhören, bis sie starben.

Überall in den Städten an der Heerstraße wurden für die Heimkehrenden Siechenhäuser eingerichtet und sogleich waren alle Krankenstuben überfüllt; giftige Fieber verzehrten dort die letzte Lebenskraft der Unglücklichen. Ungezählt sind die Leichen, welche herausgetragen wurden; auch der Bürger mochte sich hüten, daß die Ansteckung nicht in sein Haus drang. Wer von den Fremden vermochte, schlich deshalb nach notdürftiger Ruhe müde und hoffnungslos der Heimat zu. Die Buben aber sangen: "Ritter ohne Schwert, Reiter ohne Pferd, Flüchtling ohne Schuh, nirgends Rast und Ruh´. So hat sie Gott geschlagen mit Mann und Roß und Wagen!" und hinter den Flüchtlingen gellte der höhnende Ruf: "Die Kosaken sind da!"

Dann kam in die flüchtige Masse eine Bewegung des Schreckens und schneller wankten sie zum Tore hinaus.                                                                         

Rückzug der Franzosen

Nach einem Gemälde von Antoine Jean Gros


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