Die Zollrevision

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(Rudolf Greinz)

Der Bernlocher Valtl ist kein unebener Mensch. Im Gegenteil. Weit und breit im ganzen Tal gibt es wohl wenig gutmütigere und lebensfrohe Bauern wie den Bernlocher Valtl. Es geht ihm auch nichts ab, dem Valtl. Ungefähr eine Wegstunde oberhalb Kundl im Unterinntal haust er auf einem schönen, einsamen Bauernhof, glücklich und zufrieden mit seinem Weib, der Burgl, und einer Kutt'n größerer und kleiner Kinder.

In einem Punkt kann man den Valtl damisch giften. Das ist wenn man ihn nach seiner Bekanntschaft mit den Finanzern aufzieht. Da versteht er keinen Spaß und wird gleich ganz wütend.

Der Valtl hat in Holzgeschäften häufig in Bayern zu tun. In Bayern da gefällt es ihm gar nicht schlecht. Er macht auch öfters kleine Einkäufe draußen, die er dann auf schlaue Weise über die Grenze zu schmuggeln weiß. Aber einmal da haben sie ihn doch erwischt, die verflixten Finanzer. Da hatte er gerade eine riesige Salami und ein paar Packeln holländischen Rauchtabak bei sich. Der Valtl ist nämlich ein Feinschmecker. Der österreichische Vierkreuzer-Packeltabak mundet ihm halt noch einmal so gut, wenn er ein bissel geschmuggelten Holländischen darunter mischt.

Damals als sie den Valtl erwischt hatten, hat er sakrisch blechen müssen. Mit schwerem Herzen trennte er sich von seinem schönen Geld, das er für Zoll und Strafe zahlen mußte. Aber als die größte Gemeinheit erschien es ihm, daß man ihm den Tabak, für den er doch so viel Gulden schwitzen mußte, nicht einmal auslieferte, sondern, wie es die Vorschrift erforderte, in den Ofen warf.

"So an guat'n Tabak verbrennen, daß koa Mensch mehr davon was hat! Und oan dazua no a sölles Geld abzapfen, dö Löder, dö unguat'n!" entrüstete er sich daheim regelmäßig im Wirtshaus, wenn auf die Sache die Sprache kam. Dann spie er vor Empörung einige Male im weiten Bogen vor sich hin, steckte die Pfeife in den Mund und rammelte sich breitspurig auf den Tisch hinein.

Seitdem waren schon etliche Monate vergangen. Dem Bernlochner Valtl ließ es keine Ruhe mehr. Der Vorfall hatte ihn so aufgeregt, daß er eindringlich auf Rache sann.

Heute hatte der Valtl wieder einmal etwas im Bayrischen zu tun gehabt. Er mußte gute Geschäfte gemacht haben. Denn behaglich grinsend lehnte er sich auf seinen Sitz in der dritten Wagenklasse zurück. In dem Abteil dritter Klasse, in dem sich der Valtl befand, waren ziemlich viele Bauern, auch Bekannte des Valtl darunter. Der Valtl saß breitspurig da, rauchte und horchte auf das, was die anderen abredeten.

Er merkte es gar nicht, daß man auf einmal in Kufstein angelangt war, und schien fast zu erschrecken, als sich von draußen die Stimme des Finanzers vernehmen ließ.... "Zollrevision! - Alles aussteigen!"

Dem Valtl gab es einen ordentlichen Ruck. Eilig klopfte er seine Pfeife aus und ließ sie unter dem dicken Lodenrock verschwinden. Dann nahm er seinen Rucksack auf den Buckel und begab sich mit den übrigen in die Zollhalle. Dort legte er den Rucksack auf die breite hölzerne Schramme und wartete geduldig, bis einer der Finanzwachaufseher zu ihm kommen würde.

Nun war ein Aufseher bei ihm. Es war zufällig derselbe, der ihn damals erwischt hatte. In dem Finanzer schien eine Art Erkennen des Valtl aufzudämmern. Denn er fragte sehr streng und energisch: "Nichts Verzollbares, Zigarren, Tabak?"

"I? Naa!" erklärte der Valtl mit Würde und warf dabei einen scheuen Blick auf den Finanzer. "Zeigen S' amal den Rucksack her" forderte ihn der Finanzer auf.

"I hab' nix drein!" versicherte der Valtl.

"Lassen S' nur schauen" meinte der Finanzer. "Aber g'schwind! Wir haben da nit Zeit zum vertandeln!"

"I hab' nix drein!" erklärte der Valtl abermals mit Bestimmtheit.

"Aufmachen!" kommandierte der Finanzer.

Der Valtl schnürte etwas umständlich der Rucksack auf. Dann kramte der Aufseher mit beiden Händen in dem Sack herum und zog auf einmal triumphierend ein Zigarrenkistel hervor.

"Aha!" rief der Aufseher höhnisch. "Zigarren! Und das heißen S' nix Verzollbares haben!"

"Da sein koane Zigarren drein!" sagte der Valtl und stellte sich breitspurig und mit gespreizten Beinen vor dem Finanzer auf.

"So? Keine Zigarren? Was den sonst?"

"Da sein Kroten drein!" erwiderte der Valtl in vollster Seelenruhe.

"Kroten? Halten S' wen anderen für an Narren! I werd' Ihnen schon die Kroten geben! Kommen S' nur mit!"

Der Valtl nahm seinen Rucksack auf den Buckel. Dann wurde er unter dem allgemeinen Aufsehen des Publikums von dem Finanzer zu dem gestrengen Herrn Finanzwacherespizienten geführt.

Der Herr Respizient, ein älterer, schon etwas bequemer Herr, war nicht sonderlich erfreut über die Störung. Er hatte sich gerade ein Krügel frisch angeschlagenes Bier bringen lassen und ein Paar frische Würstel mit Kren zu einem Halbmittag. Diese Genüsse wollte er sich eben einverleiben.

"Na," brummte er unwillig. "Was ist den los?"

"Konterbande, Herr Respizient!" Der Aufseher stellte sich stramm vor seinen Vorgesetzten hin.

"Zigarren?" Der Respizient sah drohend zuerst auf das Zigarrenkistel, das der Aufseher trug, und dann auf den Valtl, der mit seinem Rucksack dastand, nicht im geringsten eingeschüchtert war und mit dem unschuldigsten Gesicht von Welt auf den dicken älteren Herren schaute.

"Naa! Kroten sein's!" erklärte der Valtl.

"Aufmachen!" befahl der Herr Respizient dem Finanzer, der den Bernlocher Valtl abgefaßt hatte. Dann wendete er sich eiligst zu seinen Würsteln und biß kräftig darein.

"Nit auftuan!" warnte der Valtl den Finanzer. "Sie könnten auskommen!"

"Wer? Die Zigarren?" höhnte dieser.

"Naa! Die Kroten!"

"Lassen S' Ihnen nit auslachen!" rief der Finanzer. "So a dumme Ausred' ist mir mein Lebtag' noch nit vorkommen!"

"Wohl! Es sein Kroten! Wenn sie auskommen, müaßt's ös mir wieder einfangen!" behauptete der Valtl unerschütterlich.

"Ja, ja! Ist schon recht!" sagte der Finanzer, der sich ein Werkzeug gesucht hatte und nun daranging, das sorfältig vernagelte Kistchen aufzubrechen.

"I bin sie extra fangen gangen, die Kroten..." erzählte der Valtl nun leutselig. "Weil sie soviel foast sein im Boarischen draußen. Viel foaster als bei uns im Unterinntal."

"So. Einen Nagel hätten wir!" meinte der Finanzer. "Dö haben S' guat vernagelt, die Zigarren!"

"Joa!" grinste der Valtl. Sei bärtiges, dunkles Gesicht bekam ein fast viereckiges Aussehen vor lauter Vergnügen. "Es wär' do schad', wenn mir oane auskommen tät'. So foaste Kroten kriag' i nit leicht wieder!"

Der Herr Respizient hatte sich gerade ein großes Stück Schwarzbrot von einem Wecken heruntergeschnitten, biß wieder in die Würstel und tat einen tiefen Schluck aus dem Bierkrügel.

"Sein S' nit bald fertig? herrschte er den Finanzer an.

"I bring s' völlig nit außer die Nägel!" jammerte der. "Wia dö eing'schlag'n sein!"

" 's Krotenpulver is soviel a guat's Mittele gegen die Gicht!" erzählte der Valtl weiter. "I brauch's schon lang. Und i kann mi weiter nit beklagen. I g'spür' nit viel von der Gicht. Freilich muaß ma dö Kroten z'erst auf der hoaß'n Herdplatt'n rösten und nacher in der Sunn' dörr'n, bis sie ganz dürr sein. Z'letzt werden sie in an Mörser zu an Pulver g'stoßen. Und dös Pulver tua i nacher in die Supp'n. Guat is es nit. I heb' mir alleweil die Nas'n zua und schlünd's abi. Nacher geht's schon!"

Der Respizient fing an, alle Farben zu spielen. Er schob das Würstel beiseite und nahm einen kräftigen Schluck Bier. Bei der Schilderung des Valtl hatte es ihn damisch zu grausen angefangen. "Sein S' no nit fertig?" fragte er den Finanzer. Es klang fast stöhnend.

"Wohl!" Jatz hätten wir's!" triumphierte der Aufseher und hob den Deckel des Zigarrenkistchens empor.

Mit einem Aufschrei sprang er entsetzt zur Seite. Vier große, dicke Kröten hüpften fast gleichzeitig aus dem Kistchen. Eine davon hatte sich direkt auf die Hand des Aufsehers gesetzt, der sie voll Ekel wegschleuderte. Der Respizient war leichenblaß geworden und verließ fluchtartig seine Kanzlei.

"Hab' i dir's nit g'sagt! Jatz hast es!" grinste der Bernlocher Valtl. "Das ist eine Verhöhnung der hohen Obrigkeit!" schrie der Finanzer ganz aufgebracht.

"Ha?" fragte der Valtl nun auf einmal bissig. "Was is's? A Verhöhnung? Hat die wer g'hoaß'n, meine Kroten ausz'lassen? Hättest mir glaubt, was i dir g'sagt hab'! Jatz kannst sie wieder einfangen!"

"Das ist eine Unverschämtheit! Schauen S' daß S' hinauskommen!" schrie der Aufseher empört. "I geh' schon. I geh' glei!" sagte der Valtl. "Aber z'erst muaß i meine Kroten haben! Dö schön' Viecher! Meiner Lebtag kriag' i koane so foasten mehr. Und sie sein soviel guat gegen die Gicht. Aber rösten und dörren muaß man s' können!"

Die Kröten des Valtl hüpften inzwischen plump über den Fußboden der Kanzlei. Der Herr Respizient schaute einen Augenblick zur Tür herein, fuhr aber gleich wieder zurück.

"Hinaus! Augenblicklich!" brüllte der Aufseher den Valtl an.

"Oder i laß Ihnen arretieren!"

"Ah, dös gibst guat!" meinte der Valtl ruhig. "Arretier'n! Da gibt's koa Arretier'n nit! I bin in mein' Recht. Du hast meine Kroten auslassen. Sei froh, wenn i di nit klag'! So schöne Viecher!"

Draußen pfiff der Zug zur Abfahrt. "Oha!" machte der Valtl. "Den Zug aa no versäumen. Jatz muaß i mi schleunen. Wegen meiner könnt's die Kroten b'halten. Aber guat dörren und in an Mörser zu Pulver stoßen! 's beste Mittele gegen die Gicht!"

Damit war der Bernlocher Valtl bei der Tür draußen, sprang in ein paar langen Sätzen über den Perron und erreichte gerade noch den Personenzug nach Kundl, der bereits im Anfahren war.

Der Valtl setzte sich im Waggon ruhig nieder und gab seinen Rucksack auf den Gebäckbehälter. Dabei zog ein breites Grinsen über sein Gesicht. Er dachte mit Vergnügen daran, wie der Herr Respizient um seinen Halbmittag gekommen war und heute zu Mittag wohl auch nicht viel Appetit haben würde. Und dann dachte er, wie sie jetzt in der Kanzlei die Kröten fangen oder erschlagen würden und welche Wut der Aufseher noch nachträglich haben würde, der ihn damals abgefaßt hatte.

Mit dem größten Behagen dachte der Bernlocher Valtl an die unumstößliche Tatsache, daß er drunten am Grunde seines umfangreichen Rucksackes wieder ein paar Packel holländischen Tabak hatte. Sogar mehr, als er für gewöhnlich zu schwärzen pflegte. Ja, wenn sie den Tabak erwischt hätten. Aber sie hatten ja keine Sehnsucht gezeigt, den weiteren Inhalt seines Rucksackes kennen zu lernen. War auch gescheiter so, dachte sich der Bernlocher Valtl. Viel Wissen macht Kopfweh.

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