Der Wurzelgraber.

Von Peter Rosegger.

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Der junge, lebensfreudige Bursche tut es nicht. Es ist gewöhnlich ein verabschiedeter Soldat, ein  vazierender Holzhauer, ein abgedankter Köhler, der endlich einmal selbständig werden will. Da oben ist er frei, da oben führt er sein eigenes Haus, und das Wurzelgraben kann ihm niemand wehren; er gräbt in den heilsamen Wurzeln und Kräutern ja Menschenleben und Menschengesundheit aus !

Über den Winter freilich, da muß er sich unten im Tale in ein Bauernhaus verkriechen zum Winterschlaf - und ein wenig Korbflechten, Besenbinden und ein wenig Schuhflicken, das kann er ja und dafür gibt ihm der Bauer gerne das Dach und die Nahrung. Bis zu den Weihnachten und darüber hinaus ist der Wurzelgraber auch recht leutselig und erzählt Geschichten von dem Alpenleben in den Wäldern und Felsenhöhlen, und was das für Tage waren, als noch der Teufel in seine Hütte kam und ihm die Wurzeln schaben und Kräuter trocknen half und mit ihm ein Pfeiflein rauchte.

Kommt aber der Frühling in die Nähe, so erzählt der Wurzelgraber nicht mehr; er wird schweigsamer und geht einsam umher und sehnt sich fort vom Hof und von den Menschen und spürt nach, ob nicht schon bald der Schnee schmilzt in der Wildnis. Viele Tage lang schäumt der trübe, hochgeschwollene Gießbach durch das Tal, und wenn längst hier schon die Wiesen grünen und die gelben Dotterblumen blühen, braust noch immer der mächtige Gießbach. Endlich sticht aus der rötlichgrauen Erde der Felder in bräunlichen Keimen das Korn hervor; die Lärchen blühen in roten Zäpfchen, die Schwalben sind da und der Gießbach wird kleiner und zuletzt fließt nur mehr das gewohnte klare Wässerlein durch das wildzerrissene Bett. Und nun ist der Wurzelgraber fertig zum Auswärts.

Er ist eine rauhe, knochige Gestalt von unten bis oben. Die Sohlen der derben Bundschuhe sind dicht mit Eisenhaken beschlagen. Über den weißgelben Wollstrümpfen schaut das braune, sehnige Kniegelenk hervor; die Hirschlederhose schließt sich eng an die Oberschenkel und die kräftigen Lenden und der graue, abgetragene Lodenrock liegt nachlässig über die Achsel geworfen. Das grobe Hemd ist am Halse locker durch ein rotes Tuch zusammengehalten; über der breiten Brust spannt sich der Hosenträger - sonst hat er weder Weste noch Brustfleck. Das braune, hagere Gesicht hat der Mann hübsch glatt rasiert, aber die buschigen Haare, die schon ein wenig grau werden wollen, hängen wüst unter dem Hute hervor; der Hut selbst ist hoch und rund, mit einer grünen Schnur und tief abhängender Krämpe. Auch hat sich der Wurzelgraber bereits die Holztrage mit dem Nötigen, ein paar Hacken zum Graben, ein wenig Mehl, Schmalz, Essig usw. wie einen dicken Wetterüberwurf aus Loden umgehangen. In der knochigen Hand hält er sein "Griesbeil" (Bergstock), den anderen Arm hat er unter dem Rocke verborgen.

So steigt der Mann nun wieder aus seiner Dachkammer, tritt in die Küche, um sich am Herd noch ein Pfeiflein anzuzünden, dann sagt er zur Hausfrau: "So Bäuerin, jetzt bin ich's". Jetzt haben wir bald Pfingsten; bis nach Micheli hinaus werd' ich wohl einmal dahersteigen; und wenn ich zu Allerheiligen noch nicht da bin, Bäurin, so bet' ein Vaterunser für mich!

Für die Einwohnung über den Winter sag' ich: Vergelt's Gott! Und red mir nichts Schlechtes nach! Und jetzt tät' ich dich noch rechtschaffen gern um etwas bitten, Bäuerin; gelt ein Flaschl Weihwasser gibst mir wohl noch mit?"

Das tut sie von Herzen gern und schenkt ihm auch noch einen Laib Brot. Darauf stolpert er über die Türschwelle und geht langsam über die Felder, durch das Tal, durch Engen und Schluchten, durch Geschläge und Wald und aufwärts in die Alpenwildnis und gegen die Felswände. Nun erst zieht er seinen unter dem Rock verborgenen Arm hervor, er hat daran ein zerlegtes Doppelgewehr; denn so viele Rehe und Gemsen steigen da umher, die all ihr Lebtag noch keinen Waidmann gesehen. Dann findet der Wurzelgraber wohl eine verlassene Holzhauerhütte oder eine schirmende Felsenkluft, in der er sich häuslich niederlassen kann, oder er baut sich selbst ein Wohnhaus aus Baumrinden und Ästen und Moos, und wenn das alles fertig ist, geht er an seine Arbeit.

Es steigt alle Schluchten und Hänge und Höhen ab; er gräbt Wurzeln. Er kennt sie alle, er weiß von allen, wo sie wachsen, wie sie zu bekommen, wozu sie taugen. Da bringt er Hirsch-, Wolf-, Süßwurzeln, er bringt Beinwurzeln, Brechwurzeln, Enzian usw. Er sammelt aber auch Arnika, Speik, isländisches Moos; er sammelt Schwämme, er schabt das Pech von den Fichtenstämmen; er zapft den wohlriechenden Saft von den Tannen- und Lärchenbäumen; er holt Harzkörner aus den Ameisenhaufen; er erklimmt alle Felskanten und sucht Edelweiß. Alles ist ihm recht, alles weiß er zu brauchen.

Nicht allzu oft trifft er mit einem Jäger, mit einem Halter, mit einer Sennerin zusammen; er flieht die Menschen. So lebt er allein bei den Tieren und Pflanzen und Steinen. Gegen unwirtliche Witterung, die stürmend um die Felszacken tost oder die in wüstem Nebel oft tagelang im Gebirge braut, findet der Wurzelgraber genugsam Schutz in seiner sorglich gewahrten Wohnung oder in seinem schweren Lodenüberwurf. Seine Nahrung besteht außer wenigen Pflanzen- und Mehlspeisen hauptsächlich aus Wildbret, das er am offenen Feuer nahrhaft zu bereiten und gut zu würzen versteht.

Und verlernt der Mann nicht das Sprechen und das Denken? Nein. Er spricht mit den Tieren der Wildnis, mit seinen Wurzeln, mit allem Möglichen.

Endlich werden die Tage kürzer und kürzer, die Kräuter sind nach und nach alle verblüht und es naht die trübe Zeit. Keinen Glockenton und keinen Juchschrei hört man mehr auf den Almen weit und breit; lange ist der Himmel noch blau und die Waldwipfel und die Felsen stehen reiner und klarer da als je. Aber kein Vogelsang mehr, nur dann und wann ein Gekrächze des Habichts, des Steinadlers - und endlich kommt Nebel und Regenwetter und Schneegestöber.

Nun ist's Zeit. Der Mann schafft seine Naturprodukte in das Tal und endlich bindet er seine Habseligkeiten auf die Holztrage und wandert abwärts durch die Wildnis und auswärts durch Schluchten und Engen in das Tal und gegen das Dorf.

Die Leute erkennen ihn kaum; seine Kleider haben so sehr gelitten, Haar und Bart ist wüst und struppig, sein Gesicht ist noch hagerer und gebräunter, seine Augen sind tiefer und stechender als je.

"Jetzt bin ich da", sagt er kurz, "und jetzt müßt ihr mich über den Winter schon wieder unter euer Dach tun, ich flick' euch wieder die Körbe und die Schuhe, und wenn ihr Besen zu binden habt, recht gern!"

Und wenn dann die Dorfkirchweih kommt, ist er schon wieder frisch rasiert und trägt bessere Kleider und dann geht er ins Wirtshaus und pflegt sein Pfeifchen und gönnt sich einen Krug und erzählt die Abenteuer seines Waldlebens.

So geht es Jahr für Jahr und so erwirbt er sich seinen Unterhalt. So ist der Wurzelgraber noch gewesen zur Zeit meiner Kindheit. In entlegenen Gegenden wird er wohl heute noch sein. Ein seltsamer Kauz, nicht wahr?

Mancher kommt von seinen Hochwäldern auch zurück schon mitten im Sommer, und zwar mit gebundenen Händen und begleitet von ein paar handfesten Forstgehilfen, die ihn beim Wildern erwischt haben.

Wieder ein anderer kommt von seinen Hochwäldern gar nicht zurück; Schneestürme wogen und wühlen im Gebirge - und wenn Allerseelen kommt, läutet man auch für ihn die Glocken.

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