Bauernelend.

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Ein Haufen armseliger Hütten, planlos hingesetzt, bildete das Dorf, in dem Michael Busch mit seinen kranken Eltern lebte. Die Strohdächer schützten kaum vor Regen und die Hüttenwände, aus Holz und Lehm zusammengefügt, zitterten bei jedem Windstoß und drohten einzustürzen.

Bauern im Mittelalter v. A.

Bauern im Mittelalter v. A. Dürer

Es war Morgen; die Sonne bemühte sich vergebens, durch die kleinen, grünlichen Glasscheiben einzudringen in das Innere der einzigen Stube des Hauses. Auf einem elenden Strohlager lag Michels Mutter, ein Bild des Jammers und der Not. Die Wangen waren tief eingefallen, die glanzlosen Augen und die bläulichen Lippen ließen erkennen, daß der Tod nicht mehr fern war. Vor dem Lager kniete der treue Sohn, in der einen Hand einen Topf mit Milch haltend, mit der anderen die trockenen Lippen der Kranken anfeuchtend In der Nähe des Herdes saß der alte, gelähmte Vater. . Stumpf blickte er in das Brodeln eines Kessels, der an schweren Ketten über dem offenen Feuer hing. Ein lang entbehrter Genuß sollte ihm heute werden: Michel hatte aus der Stadt ein Stück Fleisch mitgebracht und der Alte freute sich auch die stärkende Suppe.

Die Kranke stöhnte auf. "Lieb Mütterchen, hast Schmerzen?" fragte Michel mit weicher Stimme. Dabei schob er das Stroh unter dem Kopfe der Kranken zusammen, um sie weicher zu betten. - Da ertönte ein heller, langgezogener Klang durch das Dorf und die schweren Hufschläge vieler Pferde wurden hörbar. "Das ist Dieter von Kleen," sprach Michel; "der Geldwolf ist gekommen, uns den letzten Tropfen Blutes auszusaugen." - Schon verlangten heftige Schläge an der Tür Einlaß. Ehe Michel Zeit fand, die Tür zu öffnen, krachte sie schon weit auf. Herein traten einige Lanzenknechte. - "Meine Mutter liegt im Sterben," sagte der junge Bauer mit gedämpfter Stimme zum Rottenführer; "habt Gnade, Herr!" - "Was?" rief dieser roh und stieß Michel, der ihm den Eintritt zu wehren schien, heftig zurück, "Bezahl', Bauer! - Wo bleibt der Zehnt?" - Auf Krücken gestützt, schleppte sich der Vater heran und sprach mit erhobenen Händen zum Anführer: "Erbarmen, Herr! Wir sind arme Leute, mein Weib ist todkrank und wir haben keinen Heller." - "Zurück, Bauerngesindel! - Leute," rief er seinen Gesellen zu, "nehmt was ihr findet und macht unseren Ritter bezahlt!" - Da hallte aus den Stall herüber das Gebrüll der Kuh, der einzigen Habe dieser armen Leute. Sofort stürzte einer der Knechte hinaus, das Tier zu holen. Michel merkte dies und eilte mit mächtigen Sprüngen ihm nach. Draußen ließ er seine geballte Faust mit solcher Wucht auf des Knechtes Blechhaube fallen, daß dieser betäubt zu Boden stürzte. - "Auf, greift ihn!" schrie der Anführer, "stecht den Bauern nieder!" - Michel, mit dem Rücken gegen die Tür des Stalles gelehnt, war in diesem Augenblick schrecklich anzusehen; seine Augen flammten wild, er knirschte mit den Zähnen. Er sah die Knechte auf sich eindringen; da ergriff er den nächsten davon und schleuderte ihn mit solcher Kraft zur Erde, daß der Boden dröhnte. Dann zog er sein langes Heftmesser, hieb wild um sich und brach sich Bahn. Vergebens war der Befehl des Rottenführers, den Fliehenden zu ergreifen. In mächtigen Sätzen sprang Michel weiter, den rettenden Walde zu, wo er schließlich erschöpft zusammenbrach.

Wie lange Michel so dalag, wußte er nicht. Als es zu dunkeln begann, schlich er vorsichtig nach dem Dorfe zurück. Völlig dunkel war es, als er in die Dorfstrasse kam. Plötzlich blieb er stehen. Hatte er sich verirrt? - Nirgends erblickte er seine Hütte. - Er schlich sich noch näher; dort mußte sie stehen! - Da sah er an der Stelle, wo die Hütte seiner Eltern gestanden, einen wüsten Trümmerhaufen. Noch rauchten einzelne Balken, sonst war alles vom Brande vernichtet. - - "Mutter!" rief er so schmerzlich, daß es weithin durch die Stille der Nacht klagend und schaurig tönte. - "Mutter, Vater!" -

Dann starrte Michel, stumm die Hände ringend, vor sich hin; der Ort, an dem seine Wiege gestanden, war das Grab seiner Eltern geworden.

Nach W.Koch. "Schwere Zeiten".

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