Der Walddoktor
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Tief drinnen im Walde und weitab von allen Wegen steht unter uralten Fichten eine winzige Hütte. Das verwitterte Moosdach sitzt wie eine verrutschte Nachtmütze auf den windschiefen Wänden, und in den Fenstern blühen Blumen in bemalten Holzkästen. Hier haust der Waldarzt Doktor Wichtelmann, ein eisgraues Männlein mit buschigen Augenbrauen und einem langen Bart. Er hat viel zu tun und nimmt sein Amt sehr ernst. Leute, die ihm mit eingebildeten Krankheiten die Zeit stehlen wollen, wirft er kurzerhand zur Tür hinaus; aber er steht, ohne zu murren, mitten in der Nacht auf, wenn jemand wirklich Hilfe braucht. Ein polternder Grobian mit einem gutmütigen Herzen. Die Tiere des Waldes kommen voll des Vertrauens zu ihm, wenn sie etwas zwickt oder zwackt, und er hilft allen, ohne nach Bezahlung zu fragen. Meistens gibt er auch die Arzneien umsonst.

Einmal kam ein rotes Füchslein angehinkt. Den rechten Hinterlauf zog es nach. Der Doktor besah sich den Schaden und knurrte dann: "Gebrochen. Und außerdem ganz schön gequetscht. Wie ist das passiert?" - "Ich hab' zufällig eine fette Ente gefunden", berichtete der Fuchs geschmeidig, "und wollte sie Ihnen als Sonntagsbraten verehren. Aber auf dem Wege hierher bin ich über eine Baumwurzel gestolpert." - Unter den buschigen Brauen des Doktors begann es zu wetterleuchten. "Mein liebes Rötelchen", brummte er verdächtig freundlich, "ich habe in meiner Hausapotheke zwar viele Heiltränklein, aber gegen faustdicke Lügen habe ich keines. Also, wie war es wirklich?" - Das Füchslein wand sich wie ein getretener Wurm. "Das mit der Ente ist die reine Wahrheit", beteuerte es eifrig, "aber leider war zufällig auch ein Schlageisen dabei." - "Das klingt schon besser", nickte der Doktor befriedigt. Und er packte unversehens zu, tat einen kräftigen Ruck, und der gebrochene Knochen war eingerenkt. - "Au!" heulte das Füchslein auf, und das blanke Wasser spritzte ihm aus den Augen. "Ruhe!" fuhr ihn der Doktor grob an. "Mörder haben nicht zimperlich zu sein! Das paßt nicht zu ihrem Gewerbe." Er schiente den Lauf und verpflasterte den Verband mit Fichtenharz. "Und jetzt hinaus mit dir! Der Braten bleibt hier. - Der nächste!"

Ein beleibter Dachs kam schnaufend hereingewatschelt und klagte über Atembeschwerden. "Herzverfettung", stellte der Doktor ungerührt fest. "Weniger fressen und mehr Bewegung machen, dann wird das Atmen wieder wie geschmiert gehen! Vier Wochen lang nicht mehr als eine Pfote voll Heidelbeeren täglich und dazu Tee aus Faulbaumrinde trinken. Aber ohne Zucker! Fertig." - Der Dachs begann vor Angst zu schwitzen. "Das werde ich nicht aushalten, lieber Herr Doktor. Mein schwacher Magen..." - "Hinaus!" - Der Dachs wankte völlig gebrochen hinaus. - "Der nächste!"

Auf hohen Beinen kam, eine haarige Spinne hereingestelzt. Sie warf giftige Blicke in der Stube umheg und fauchte: "Ich habe es endlich satt!" - "Schön", grunzte der Doktor vergnügt, "und wo fehlt es, Madame?" Die Spinne starrte ihn durchdringend an. "Was haben wir verbrochen, daß wir seit Jahrmillionen immer nur langweilige Netze spinnen müssen?

Aber jetzt habe ich es satt! Und deshalb bin ich hier. Punktum!" - Der Walddoktor verzog keine Miene. "Nichts leichter als das! Ich werde ganz einfach Ihre Spinndrüsen herausschneiden. Dann werden Sie Ruhe haben. Ich gehe gleich das große Messer schärfen." - Daraufhin erklomm die Spinne in großer Eile das Fensterbrett und suchte Hals über Kopf das Weite.

Das Wartezimmer spie unaufhörlich Patienten aus. Und der Doktor schimpfte und tröstete, knurrte und half und wurde nicht müde. Als er gerade einem heulenden Igel einen Holzspan aus der eiternden Pfote zog, kam seine Frau hereingehuscht und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Daraufhin zuckte er zusammen, was dem Patienten nicht sehr wohl tat. Der Igel wurde hinausgeschoben, und der Doktor griff nach der Instrumententasche. Das Wartezimmer war noch gesteckt voll. "Ihr lieben Leute", murmelte der Doktor mit gepreßter Stimme, für kleine Wehwehchen habe ich jetzt keine Zeit. Es ist nämlich etwas sehr Trauriges geschehen." - Und dann stapfte er schnaufend den steilen Pfad zum Hochtal hinauf. Schwarze Föhren standen hier, der feuchte Waldboden war dick mit Moos bewachsen, und ein klares Bächlein sprang munter über blankes Steingerölle hinweg. Und hier - an einer versteckten Stelle im Dickicht - lag ein junges Reh im seichten Wasser und kühlte seine Wunden. Als sich der Doktor zu ihm nieder neigte, traf ihn weher Blick aus sanften Tieraugen. Aus vier winzigen Wunden an des Rehleins Hals sickerte Blut. Drei davon waren nicht sehr gefährlich, aber das vierte Schrotkorn hatte die Schlagader aufgerissen und aus der Wunde sprudelte das rote Leben unaufhaltsam davon. Das Rehlein verblutete ihm unter den Händen. Er schluckte krampfhaft, stieg ins Wasser und zog den leichten Körper aufs Trockene. Und mit einemmal war sein Gesicht verfallen und aschgrau. Ein honiggelber Falter kam neugierig herangetaumelt, und zwei glitzernde Libellen umgaukelten ihn. In den Wipfeln der alten Bäume orgelte der Bergwind, und das Klopfen eines emsigen Spechts wurde zum Grabgeläute. Plötzlich stand die Waldfee vor ihm. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte leise: "Lieber, lieber Doktor Wichtelmann, dem toten Rehlein ist nicht mehr zu helfen; aber in deiner Hütte drunten warten viele auf dich, die noch leben und dich brauchen."

Der Walddoktor nickte trübe: "Ich weiß es, Frau Waldfee, ich weiß es wohl ... Es tut halt weh! Sie haben mein liebes Rehlein erschossen. Nicht aus Hunger - nur wegen der lustigen Jägerei!" Über die Wangen der Waldfee liefen zwei große Tränen nieder; sie wandte sich schweigend ab und verschwand zwischen den Stämmen. Auch Doktor wanderte wieder heim zu. Die Tiere des Waldes grüßten ihn ehrerbietig, aber er sah sie nicht und ging wie ein Schlafwandler an ihnen vorbei.

Im Wartezimmer hockte eine bejahrte Krähe. Als sie vorgelassen wurde, bat sie händeringend um ein Färbemittel. "Das junge Volk verspottet mich wegen meines ergrauten Kopfes", murmelte sie bitter. "Das ertrage ich nicht länger und muß deshalb unbedingt ein Färbemittel haben." Diesmal fuhr der Doktor nicht grob auf. "In Gottes Namen", sagte er weich, "hier ist noch etwas von dem Zeug. Aber nicht zu dick auftragen, liebe Frau, sonst wird der Kopf scheckig und sieht dann noch komischer aus. Nein, zu bezahlen ist nichts. Schon gut, schon gut! Auf Wiedersehen!" Als die Krähe gegangen war, brummte er: "Eigentlich hätte ich den verrückten Vogel hinauswerfen sollen ... Ach was! Die Hauptsache ist, daß sie jetzt glücklicher ist."

Bis tief in die Nacht hinein brannte im Hause des Doktors die Lampe. Eine dicke Eule kam angeflogen und äugte neugierig durch das winzige Fenster in die erleuchtete Stube. Drinnen saß der Walddoktor im Lehnstuhl und starrte vor sich hin. Auf seinen Knien rekelte sich der rote Kater, ließ sich das Fell kraulen und schnurrte behaglich. Und weil sonst nichts Besonderes geschah, wurde der Eule bald langweilig. Ihre großen Augen glühten auf, sie breitete die Flügel aus und strich in lautlosem Flug in die nachtschwarzen Baumwipfel hinein.

Nach Anton O s t r y

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