Die Fastnacht der Tiere.

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Die Tiere wollten einmal miteinander Fastnacht feiern auf der großen Heide bei Ixdrüpps, wo der Narrenberg liegt, aber sie wußten nicht, wie sie es bewerkstelligen sollten. Die Zeiten, da sie friedlich im Paradies gelebt hatten, waren lange vorbei.

"Laßt mich nur machen!" sagte Reineke, der Schlaue, und ließ alle Tiere schwören, daß sie bis ein Uhr nachts Frieden halten wollten. Auch er legte diesen Eid ab. Da faßten die schwächeren Tiere Mut und Zutrauen. Kälber, Lämmer, Ziegen, Hasen und Hühner schmückten sich genauso eifrig für das Fest wie König Löwe, Familie Wolf, wie Geier und Schlange. Natürlich verkleideten sich die Schafe als Wölfe. Sie färbten sich das Fell mit Erde und brüllten gar schauerlich. Herr Mäuserich legte sich eine prächtige Mähne aus Holzwolle, die er im Keller gefunden hatte, um den Hals und spielte den Löwen. Bären, Wölfe und Tiger gingen als Schafe, Ziegen und Antilopen verkleidet. Das Kostüm machte ihnen weiter keine Schwierigkeit. Sie zogen sich einfach die Felle ihrer Opfer, von denen sie genug in ihren Höhlen hatten, über die Ohren. Was den Löwen betrifft, so hatte er sich die Rolle des Siebenschläfers erwählt und erholte sich schlafend von seinen anstrengenden Königspflichten. Der Hund spielte den Hofnarren, und Fräulein Mieze ging als Mäusemama, zog hübsch die Krallen ein und spielte mit den jungen Mäuslein, die von ihrem feinen Benehmen und ihren anmutigen Sprüngen begeistert waren, Katz und Maus. Die Elefanten sorgten für Blasmusik, die Vögel flöteten, die Grillen geigten, und die Klapperschlange trat als spanische Tänzerin auf und ließ ihre Kastagnetten klingen. Reineke selbst war gar als Mensch erschienen in Frack und Zylinder - wer weiß, woher er sie hatte! -  und führte artig Frau Gans zur Polonaise. Die trug ihren Kopf so hoch und ihren Hals so lang wie noch nie, denn sie bemühte sich, dem Schwan zu gleichen. Je mehr Reineke sie mit Schmeichelreden überhäufte, um so mehr verlor sie den Kopf und schnatterte jedem zu, der es hören oder nicht hören wollte: "Ich bin wirklich der Schwan! Ich bin echt! Ich - - -"

"Selbstverständlich, meine Gnädigste", sagte der Fuchs und leckte sich rasch die Lippen ab, "Gnädigste sind der Schwan, und Gnädigste müssen Ballkönigin werden, wenn es noch Gerechtigkeit gibt auf der Welt!"

"Ballkönigin!" japste die Gans. "Sagten Sie nicht - Ballkönigin?" und verlor darüber ganz den Verstand. Der Fuchs betrachtete sie mit großem Wohlgefallen und tanzte mit ihr immer weiter weg von den anderen. So tanzten die Tiere und lobten Reineke als den Urheber des schönen Festes, bis es auf dem Kirchturm von Ixdrüpps zwölf schlug.

Die Stunde der Demaskierung war gekommen. Mit einem tiefen Seufzer wachte der Löwe auf und blickte finster auf die Tanzenden. Er sah, daß die Schafe sich in den Armen der Wölfe drehten und nicht genug vom Tanzen kriegen konnten, und bemerkte, wie fest diese ihre Tänzerinnen umschlungen hielten.

Er beobachtete auch die Katze mit den kleinen Mäusen, und schließlich rief er den Mäuserich zu sich, der sich zitternd und mit ganz verrutschter Mähne dem Gewaltigen nahte.

"Ich will es übersehen - Wurm von einer Maus -, daß du gewagt hast, mit unzulänglichen Mitteln einen König zu gleichen! Geh schnell zu den schwachen Tieren und mahne sie zum Heimgehen, denn bald ist unser Eid abgelaufen!"

Der Mäuserich lief davon und trieb als erstes die Mäuslein von der in ihrer sammetweichen Ehrbarkeit sehr gekränkten Katze, dann warnte er die Hasen, Hühner und Lämmer.

So schwer sich auch die Wölfe und Bären von ihren rundlichen Tänzerinnen trennen konnten, gedachten sie doch ihres Eides und ließen sie gehen. Nur Fuchs und Gans konnte der Mäuserich nirgends finden und berichtete es dem König.

Erzürnt schickte der Löwe seine Sendboten aus, Adler und Falken und viele andere Vögel - die Eule aber war es, die als erste zurückkam. "Uhuh! Schuhuhuh!" rief sie schon von weitem, "Eile tut not!, Reineke führte die Gans zum Narrenberg. Er allein hat sich nicht demaskiert, und sie watschelt vertrauensvoll an seiner Seite und glaubt ihm, daß sie auf der Spitze des Berges zur Ballkönigin gekrönt wird. Der Unhold! Uhuhu! Schuhuh!"

Da fingen die Raubtiere zu heulen an, und der Löwe brummte: "Wart nur, Reineke, wir wollen dir den Braten versalzen!" und lief mit allen Tieren zum Narrenberg. Gerade schlug es ein Uhr, gerade nahm Reineke den Zylinder ab und lächelte die erschreckte Gans spöttisch und grausam an, da sahen sich die beiden plötzlich von allen Tieren umringt, und König Löwe selbst machte vor der verstörten Gans eine tiefe Verbeugung.

"Wir beglückwünschen Reineke zu seiner - hm! - klugen Wahl und legen unserer schönen Ballkönigin unsere Verehrung zu Füßen!"

Alle Tiere verbeugten sich, und Reineke mußte es auch tun und gute Miene zum unerwarteten Spiel machen. Die Gans aber, als sie sich allein von allen Raubtieren umgeben sah, hätte gern ihre neue Königinnenwürde für den sicheren Gänsestall gegeben und war froh, als ihr der König endlich Erlaubnis erteilte,  heim zu fliegen.

"Ein reizender Abend, nicht wahr?" sagte der Löwe und blinzelte Reineke zu. "Ich hoffe, die Herren sind alle auf ihre Rechnung gekommen!" Alle nickten eifrig, und Reineke mußte es auch tun, wenn er sich auch mit hängenden Ohren und schleppender Rute in seinen Bau schlich.

Was die Gans betrifft, so hat sie zwar ihr Leben behalten, aber den Verstand verloren. Sie trägt den Kopf noch höher als zuvor. Schnatternd prahlt sie mit ihrer Königinnenwürde, während sie auf plumpen Füßen einher watschelt, zischt jedermann an, der ihr nicht glauben will, und zeigt sich so als das, was sie ist, war und immer sein wird - als eine dumme Gans.

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