Wien im Jahre 1683

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Niemals wohl hat sich standhafter Mut, zähe Ausdauer und entschlossener  Gemeinsinn schlichter Bürger, die ihre Stadt, da schöne Wien, vom Herzen liebten, in einem helleren Lichte gezeigt, als damals.

Der Heldensinn der Wiener rettete Österreich, Europa, die Christenheit vor namenlosen Elend. Zu diesem schweren Türkenkrieg aber war es folgendermaßen gekommen.

In Siebenbürgen wollte die Pforte Wojwoden oder Fürsten nach ihrem Gutdünken einsetzen, deshalb riefen die Bewohner dieses Landes den Kaiser Leopold I., welcher nach Ferdinands III. Tode im Jahre 1657 die deutsche Kaiserkrone erhalten hatte, zu Hilfe, und so kam es zu einem blutigen Türkenkriege.

Damals befehligte die kaiserlichen Truppen in Ungarn Graf Raimund Montecucoli, ein vorsichtiger, aber ausgezeichneter General, der schon im dreißigjährigen Kriege sich hervorgetan und drei Jahre in schwedischer Gefangenschaft geschmachtet hatte.

Montecucoli sammelte sein Heer am linken Ufer des Raabflußes, unweit des Cistercienserstiftes von St. Gotthard, nahe der Grenze von Ungarn und Steiermark, wo noch jetzt eine Kapelle das Andenken an diese ruhmvolle Schlacht erhält.

Schon wichen die Kaiserlichen, der feindlichen Übermacht nachgebend, zurück, als der schneidige Reitergeneral Johann von Spork, ein frommer und tapferer Haudegen, der einst in seiner westfälischen Heimat Hirtenknabe gewesen, vom Pferde sprang, sich auf die Knie niederwarf und mit entblößtem Haupt und gefalteten Händen folgendes Gebet zum Himmel schickte: "Allmächtiger Generalissimus dort oben! Hilf uns, Deinen christgläubigen Kindern, und willst Du nicht, so hilf doch wenigstens den Türkenhunden nicht, und Du sollst dann Deinen Spaß haben!"

Hierauf schwang sich Spork voll Vertrauen und Zuversicht wieder auf sein Schlachtroß und sauste mit den Seinen wie ein Sturmwind in die Reihen der bestürzten Feinde, hoch in der Rechten den mit Türkenblut gefärbten Säbel schwingend. Bald waren die Feinde zersprengt und suchten in wilder Flucht das jenseitige Ufer der Raab zu erreichen, doch viele Türken fanden in den Wellen des Flußes ihren Tod. Nahe an 16.000 Türken sollen damals erschlagen worden oder ertrunken sein.

Sehr viel hatten zum Gelingen des Sieges auch die französischen Truppen beigetragen, die im Kaiserheere als Freiwillige dienten. Als der türkische Großvesier die Franzosen mit ihren gepuderten Perücken gewahr wurde, soll er gesagt haben: "Wer sind diese Mädchen?". Doch die vermeintlichen Mädchen erwiesen sich als tapfere Krieger, die mit wütendem Ungestüm in die Feinde einhieben.

 

Auf diesen glorreichen Sieg von St. Gotthard erfolgte der Friede zu Vasvár oder Eisenburg. Da ein Teil der Ungarn mit diesem Frieden nicht einverstanden war, erhob sich ein blutiger Aufstand, an dessen Spitze Graf Emerich Tököly stand. Wie einst Zapolya rief auch er die Türken zu Hilfe und der ehrgeizige, herrschsüchtige türkische Großvesier Kara Mustapha, dessen (allerdings unechter) Schädel noch jetzt (1888) im Wiener Rathause dem Beschauer gezeigt wird, ergriff mit Freuden die willkommene Veranlassung, den Krieg bis ins Herz Österreichs zu tragen.

Kaiser Leopold der I. hatte wohl nach Bundesgenossen ausgespäht; die deutschen Fürsten versprachen ausgiebige Hilfe und, was in dieser Bedrängnis besonders wertvoll sein mußte, auch der Polenkönig Johann III. Sobieski hatte stattlichen Beistand zugesagt. Auch an der Verstärkung der Befestigungswerke Wiens, besonders am Kärntnertor und am Burgtor wurde eifrig gearbeitet; schon im Jahre 1682 wurden alle Leute der Umgebung verhalten, Holz zum Palisadenbau zu fällen, alle Hausbesitzer mußten ihre Keller scharf bewachen lassen.

Aber in Ungarn nahmen die Dinge einen unglücklichen Verlauf; bald stand der Feind am Raabflusse, und bei Petronell mußte Herzog Karl von Lothringen, der Schwager des Kaisers, der Übermacht des Feindes weichen und sich auf die Insel der Vorstadt Leopoldstadt zurückziehen.

Am 7.Juli berief der Kaiser den Stadtrat, um alle zur Verteidigung der Stadt notwendigen Maßregeln zu erwägen und festzustellen. Noch an dem selben Tage verließ der Kaiser Wien und begab sich mit dem Hofstaat nach Linz. Die geheiligte Person des Kaisers mußte in Sicherheit gebracht werden. Ihm vor allem hatte die Wut des türkischen Heerführers Rache zugeschworen; übrigens hätte die Anwesenheit des Monarchen in der bald ganz umzingelten Hauptstadt viele Rücksichten erfordert, die mit der eisernen Disziplin, die nunmehr in der von Feinden eingeschlossenen Stadt herrschen mußte, unvereinbar gewesen wäre.

Mehr als 60.000 Leute waren damals aus Wien geflohen; die Bewohner hatte ein panischer Schrecken ergriffen, und manche vornehme und wohlhabende Herren und Frauen setzten sich auf offene Leiterwägen und ließen Haus und Hof, ihre reichgefüllten Keller und wohlbesetzten Speisevorräte in Stich und waren froh, wenn sie nur ihr nacktes Leben retten konnten. Manches Fuhrwerk brach auf der Straße zusammen und viele Flüchtlinge blieben am Wege liegen. Auch die Kaiserin mußte eine Nacht im Freien zubringen.

In rührenden Worten hatte der Kaiser das Wohl der Stadt dem Kommandanten Rüdiger von Starhemberg anbefohlen, und wohl mochte das milde Herz Leopolds bitteren Schmerz empfinden, als er vom Wagen aus die Flammen lichterloh aus dem auf dem Kahlenberg stehenden Karthäuserkloster emporschlagen sah, welches türkische Mordbrenner schon angezündet hatten.

Einem Würdigeren aber als dem Starhemberger hätte der Kaiser wahrlich nicht die Verteidigung und Rettung seines Wien übertragen können.

Heinrich Ernst Rüdiger von Starhemberg war am 12. Januar 1638 zu Graz geboren, als der älteste Sohn des Oberstallmeisters Grafen Konrad Balthasar von Starhemberg. Rüdiger stand also damals in der Vollkraft seiner Jahre; er entstammte gutem, altem Adel und der Name seines Geschlechtes schreibt sich von der Starchen- oder Storchenburg her, die einst im Hausruckviertel Oberösterreichs gestanden. Bereits in der Schlacht bei St. Gotthard am Raabfluß (1664) hatte er seinem Namen alle Ehre gemacht und in den folgenden Kriegen mit Frankreich vermehrte er noch seinen Ruhm. Wenn diesem tapferen, löwenbeherzten Krieger ein Fehler anhaftete, so war es sein oft bis zur Tollkühnheit ausartender Mut und die Schroffheit seines Wesens, die, echt soldatisch, wenig Widerspruch vertrug.

 

Wo die Gefahr und Bedrängnis am höchsten schien, da war Rüdiger sogleich bereit, durch sein persönliches Vorbild die Wankenden anzufeuern, die Tapferen zum ausharren zu bewegen. Selbst die unbedeutensten Vorfälle entgingen seinem Scharfblicke nicht und bis ins Geringfügigste erstreckte sich seine unermüdliche Sorgfalt. - Als er noch an den Folgen einer Verletzung ( er wurde von einem abspringenden Steine getroffen) schwer darniederlag, ließ er sich in einer Tragbahre auf die Schanzen tragen, um die Verteidigung zu leiten und den immer gefährlicher werdenden Ansturm der Feinde abzuwehren. So umsichtig er auch für das Wohl und Wehe des ärmsten Bürgers sorgte, so unbeugsam war er, wenn Fälle von Feigheit und Unbotmäßigkeit die strengste Bestrafung erheischten. Einst ließ er zwei ungehorsame Soldaten um ihr Leben würfeln und einem Leutnant, der in pflichtvergessener Sorglosigkeit die unterirdische Minierarbeit der Feinde nicht gehindert hatte, wurde freigestellt, entweder den Versuch zu wagen, die Feinde zurückzutreiben oder gehenkt zu werden; der Officier wählte das erstere und fiel im Gefecht.

Noch jetzt zeigt man auf der Höhe des Stephansturmes, da, wo ein Steingang nach der Wendeltreppe führt, die sogenannte Starhemberg Bank, den Sitz, von dem aus der Kommandant von Wien das feindliche Lager zu besichtigen pflegte. Schwer genug mag es ihm oft angekommen sein, kalte Besonnenheit zur Schau zu tragen, während bange Sorge sein Herz erfüllte, da die Monde schwanden und der heiß herbeigesehnte Entsatz noch immer und immer ausblieb.

Noch andere Helden beherbergte die Stadt, welche an dem Rettungswerke rühmlichen Anteil hatten. Da war vor allem des Kommandanten Rüdiger's Neffe, Graf Guido von Starhemberg, jugendlich und fast noch kühner als der Erstgenannte; von ihm sagten die Wiener, er sei so unerschrocken und furchtlos, daß er keine Miene verziehen würde, wenn sich das Unmögliche vollziehen und der Kahlenberg dem Stephansturm einen Besuch abstatten würde; ferner der Stellvertreter Rüdiger von Starhemberg, Graf Wilhelm Daun, die tapferen Generale: Grafen Serenhi, de Souches, Scherffenberg, der Herzog Karl Ferdinand von Württemberg, der Oberst Chevalier Dupigny, der Marquis d'Obizzi.

Zum Vorsitzenden der Verteidigungskommission hatte der Kaiser seinen geheimen Rat, den Grafen Kaspar von Kaplik (Cappliers) ernannt, der trotz seiner 70 Jahre große Umsicht und Tatkraft in allen der Verteidigung gewidmeten Anstalten an den Tag legte; auch der Statthalter Niederösterreichs, Fürst Ferdinand Wilhelm von Schwarzenberg erwarb sich besonderer Verdienste; mit reichen Händen spendete er Gold und Lebensmittel und trug, wo er konnte zur Linderung der Not bei.

Noch mehr aber galt von einem anderen Helden das Wort, daß, wenn Rüdiger durch Tapferkeit und sein gutes Schwert Wien gerettet, er dies durch Liebe und Betätigung echt christlicher Barmherzigkeit zu Stande gebracht. Es war dies Graf Leopold von Kollonitsch, der einstens als Ritter des Johanniter Ordens auf Candia mannhaft gegen die Ungläubigen gekämpft, dann aber in den geistlichen Stand getreten war, Bischof von Wiener Neustadt wurde und als die Türkennot immer näher gegen Wien herangerückt kam, in die bedrängte Kaiserstadt gezogen war, um dort zu trösten und zu helfen. Nicht bloß sein mildes Wort und sein edles, leuchtendes Beispiel richtete Tausende auf; auch seine Schätze spendete er mit verschwenderischer Hand, als Mangel und Krankheiten immer ärger zu wüten begannen.

Graf Leopold von Kollonitsch stammte aus ungarischem Geschlecht, er war am 16.Oktober 1631 in Komorn geboren und war, nachdem er Bischof geworden, schon im Jahre 1679 den Wienern ein hilfreicher Engel, als in diesem Jahr die furchtbare Pest in Wien ausgebrochen war und zahlreiche Opfer dahingerafft hatte. Noch standen die schrecklichen Tage zur Zeit der Türkenbelagerung in frischem Angedenken, aber auch der Person des lustigen Volkssängers Augustin, des urwüchsigen Wiener Kindes, an den noch jetzt das bekannte Lied erinnert, gedachte man gar lebhaft.

Wie sah es nun eigentlich mit der Zahl und Stärke der Belagerungstruppen in Wien aus, als der Türke den Mauern und Wällen immer näher und näher kam? - Am 13.Juli rückten 13.800 Mann Fußvolk und neun Schwadronen Eisenreiter, die der Lothringer Herzog von seinem eigenen Heere den Wienern abgegeben hatte, in die Stadt ein und die Besatzung betrug nun mit der wehr- und waffenfähigen Bürgerschaft nicht viel mehr als 22.000 Streiter.

Rüdiger von Starhemberg hatte die Bürger in acht Fähnlein oder Kompanien eingeteilt, deren Kommandant der damalige Wiener Bürgermeister Johann Andreas Liebenberg war, auf dessen Schultern eine ungeheure Last der Verantwortung lag und der in so schwerer, drangsalvoller zeit dem Gemeinwesen mit festem Mut und unerschütterlicher Opferwilligkeit vorstand. Bereits am 22. August erkrankte er an der Ruhr, die in Folge der schlechten Lebensmittel zu wüten anfing und noch vor dem glücklichen Entsatz Wiens raffte der Tod dieses hochverdiente Oberhaupt der Wiener Bürgerschaft dahin. Sein Stellvertreter im Kommando der Bürgerkompanien war der städtische Rat und Oberkämmerer Daniel Focky, der nach dem Tode Liebenbergs an die Spitze des Wiener Gemeinderates trat. Acht Ratsherren waren Hauptleute der einzelnen Kompanien, deren Mannschaft zusammen 2382 Streiter betrug.

Außerdem hatte sich eine Kompanie von Bäckern gebildet, die, obwohl sie Tag und Nacht die Stadt mit Brot zu versorgen hatten, nichtsdestoweniger den rühmlichen Eifer an den Tag legten, an dem allgemeinen Verteidigungswerk teilzunehmen; ihr Hauptmann hieß Johann Rudolf von Kirch. Ebenso bestand eine Abteilung der Fleischhacker und Bierbrauer mit dem Hauptmann Adam Schmied von Ehrenhaus; ein Fähnlein Schuhmacher unter Führung des Johann Wilhelm Rudolphi und endlich eine sogenannte Fremdenkompanie, in welcher außer Kammer- und Hofbediensteten auch die damals sogenannten "Niederleger", d.h. die großen und reichen Kaufleute, welche das Niederlagsrecht in Wien besaßen, eingereiht wurden; ihr Hauptmann war Wilhelm Schütz, ein vielfach erprobter Kriegsmann.

Verdienter Ruhm gebührt auch der heißblütigen und streitlustigen Universitätsjugend, die sich gleichfalls, in der Zahl von 700, zu einer wehrhaften, allzeit streitbegierigen und trotz der schweren Zeit gern lustiger Kurzweil pflegenden Schar zusammengeschlossen und in dem Leibarzte der Kaiserin Elonora, dem Gelehrten Dr. Paul von Sorbait, einen trefflichen Führer hatten. Sie verteidigten anfänglich die Rothenturm und Biberbastei, später insbesonders die arg gefährteten Ravelinen zwischen dem Kärntner- und Stubentor.

Am Morgen des 14. Juli zeigte sich die Hauptmacht des Feindes auf den Höhen des Wienerberges und noch an demselben Tage wurde die Stadt fast ganz eingeschlossen. Die Vorstätte waren auf Befehl des Kommandanten Rüdiger von Starhemberg schon früher niedergebrannt worden. Hatten dieselben damals auch noch nicht das Aussehen wie heute, so waren doch viele stattliche Häuser und Gehöfte, die inmitten von blühenden Gärten und Feldern lagen, ein Opfer des Brandes geworden, um den Feind jeder Stütze für sein Zerstörungswerk zu berauben. Viele Hundert der armen Vorstadtbewohner strömten mit ihrer geretteten Habe in die Stadt, hinter ihren festen Mauern Schutz zu finden, so daß die Tore versperrt werden mußten, um die Bevölkerung nicht allzu sehr anwachsen zu lassen.

Herzog Karl von Lothringen mußte mit seinen Truppen die Donauinsel verlassen und zog sich bis tief ins Marchfeld zurück, und bald war die Stadt von allen Seiten fest umschlossen. Eine unübersehbare Menge von Menschen, Pferden und Kamelen dehnte sich ringsum aus und in wenigen Stunden war die Stadt von mehr als 25.000 türkischen Gezelten umringt, die von Simmering bis gegen Nußdorf die Ebene bedeckten. Das Zelt des Großveziers stand auf Anhöhe der ehemaligen Vorstadt St. Ulrich, hinter der Kirche, die in Brand gesteckt worden war. Es war mit verschwenderischer Pracht ausgestattet, von grüner Seide mit goldenen Knöpfen und im Inneren reich mit Perlen und Stickereien aller Art ausgeziert. Prächtige Gärten, die schnell angelegt worden waren, vergoldete Käfige, in denen sich seltene Tiere befanden, üppig eingerichtete Badestuben umgaben dies kostbare Gezelt des türkischen Oberfeldherren.

Von hier aus gegen das Burgtor zu lagerte sich die gefürchtetste Truppe des türkischen Heeres, die wilden und grausamen Janitscharen unter ihrem Aga, denn gegen die Burg und Löwelbastei waren von Anfang an die heftigsten Angriffe des Feindes gerichtet.

Die Türken waren von Schwechat herangerückt und umgingen, von Wald und Weingärten gedeckt, die Stadt. Bei heranbrechender Nacht boten dem Feinde die Feuersäulen der in Brand gesteckten umliegenden Ortschaften ein grausiges Bild. Von Lager Hölzl angefangen reichte das Türkenlager bis nach Schönbrunn und Hütteldorf und dann über die Schmelz, Hernals gegen Währing und Heiligenstadt, während es sich in größerer Nähe zur Stadt über St. Marx, Simmering, Hundsturm, Gumpendorf, Ottakring, Himmelpfortgrund bis in die Niederungen an der Donau erstreckte und die Stadt in einem Halbkreis umzog.

Am 14. Juli begann vom sogenannten "Sporkenbühel" (Himmelpfortgrund) die Beschießung der Stadt und damit die Tag für Tag steigende Bedrängnis, in welche Wien und seine heldenmütigen Bürger gerieten. Nicht bloß die unaufhörlichen Stürme, mehr noch die von den Türken mit außerordentlicher Geschicklichkeit und Ausdauer gelegten Minen, welche bald höchst gefährliche Breschen in die Wälle und Bastionen rissen, brachten die Stadt in die äußerste Gefahr.

Die Geschützoberste Freiherr von Börner und Gschwind von Beckstein, sowie Hauptmann Hafner, die eigentliche Seele des unterirdischen Krieges, leisteten Außerordentliches, um die Anstrengungen der Feinde zu vereiteln und durch trefflich angelegte Gegenminen die Maulwurfsarbeit der Türken zu Nichte zu machen.

Bereits am zweiten Tage der Belagerung, den 15. Juli, wurde die Bevölkerung Wiens in furchtbare Aufregung versetzt.

In einem Teile des Schottenklosters war ein furchtbares Feuer ausgebrochen, welches, vom heftigen Winde fortgetrieben, das in der Renngasse stehende bürgerliche Zeughaus, wo an 1800 Fässer Pulver aufbewahrt lagen, anzugreifen drohte. Das Volk witterte Verrat und in blinder Wut vergriff es sich an einigen Umstehenden, von denen der eine, als einfältiger Spaßmacher bekannt, eine Pistole ins Feuer abgeschossen hatte. Die Gefahr, in der die Stadt damals schwebte, war allerdings ungeheuer; schon begannen die gierigen Flammen an den Holzrahmen der Fenster des Zeughauses zu lecken, und nur die heldenmütige Entschlossenheit, mit welcher ganz insbesondere der Neffe des Stadtkommandanten, Guido von Starhemberg, sein eigenes Leben in die Schanze schlug, indem er selbst Wasser herbeischleppte und die Fenster des Zeughauses zuerst mit nassen Säcken schützen und dann vermauern ließ, rettete Wien vor einer gräßlichen Katastrophe.

Auch noch ein anderes Ereignis wurde dieser Tage für Wien verhängnisvoll; den Rüdiger von Starhemberg, der sich mit Nichtachtung seines Lebens auf den Schanzen überall dem dichtesten Kugelregen der feindlichen Geschütze aussetzte, wurde durch abspringende Stücke der Umfassungsmauer nicht unerheblich am Kopfe verletzt.

Am 16. Juli näherten sich die Türken in ihren Laufgräben immer mehr der Stadt und an diesem Tage geschah es, daß eine Bombe das Komödienhaus in Brand steckte, welches an das Augustinerkloster und die Burgbastei anstieß. Das feuergefährliche, größtenteils aus Holz aufgeführte Gebäude wurde ganz abgetragen; ebenso ließ Starhemberg alle Holzdächer mit denen damals die meisten Häuser gedeckt waren, entfernen und die Pflastersteine zu den Befestigungsarbeiten verwenden.

 

Bald fanden auch die ersten glücklichen und erfolgreichen Ausfälle der Belagerten statt, während die Türken die Leopoldstadt, welche früher vom Feinde verschont geblieben war, besetzten, wobei sie die prächtigen Lustgärten und Landhäuser zerstörten und auch von hier aus den Sturm gegen die Stadt begannen. Am 22. Juli fand eine furchtbare Beschießung von der Donauseite auf die Wasserbastei vom Rotenturmtor bis zum St. Barbarastifte statt, wobei kein einziges Haus unbeschädigt blieb und besonders der tiefe Graben arg mitgenommen wurde. Am folgenden Tage wurde die Burg- und Löwenbastei hart bedrängt, doch wurden die Feinde mit allerlei Waffen, mit Spießen und Sensen von den wackeren Bürgern aus der Bresche getrieben, wobei sich ganz besonders auch die Studenten rühmlich hervortaten.

Doch schon war die Stadt nicht ganz ohne Nachricht von den Ereignissen außerhalb der Mauern geblieben, denn Herzog Karl von Lothringen hatte einen des Schwimmens kundigen, beherzten Mann zu Starhemberg geschickt, der glücklich über die Donau hinüber und wieder zurück gelangt war und den Wienern zum erstenmal die Aussicht auf Entsatz und Rettung brachte. Doch es währte noch gar lange, ehe diese Nachricht zur Wahrheit werden sollte.

Viele Tage der Not und der Verzweiflung gingen noch vorüber, bevor Herzog von Lothringen und der Polenkönig ihre Streitkräfte vereinigen konnten und zur Befreiung Wiens herbeieilten.

Mittlerweile brachte jeder Tag neues Unglück, ohne aber den Mut der Bürger brechen zu können. Auch die Bomben, welche der Feind in die Stadt warf, richteten hie und da Unheil an. So war eine am 20. Juli in die Apotheke zum "goldenen Hirschen" am Graben gefallen, ohne sonderlich viel Schaden zu stiften; eine andere schlug am 28. Juli auf das Dach des Gasthofes zum "goldenen Wolfen" am Rotenturmtor und warf dasselbe mit entsetzlichem Getöse auf die Strasse.

Am 1. August, einem Sonntage, von dem die Türken durch christliche Überläufer wußten, daß viel Volk in den Kirchen versammelt sei, schossen die Feinde aus ihren Kanonen auf das Heftigste gegen das Dach der Stephanskirche, so daß gerade während der Predigt zwischen 8 und 9 Uhr eine Kugel durchs Fenster schlug und in einen Pfeiler schlug. Es war ein merkwürdiger glücklicher Zufall, daß bei der ungeheuren Menge der Andächtigen von den herunterfallenden Steinen nur eine Bürgersfrau an beiden Füßen schwer verletzt wurde.

Dabei stieg die Teuerung der Lebensmittel immer höher, nur an Wein war in wohlgefüllten Kellern, die auf Befehl Starhemsbergs ihre Schätze preisgeben mußten, kein Mangel und reichlich konnte davon den armen Kranken, wie den kampfmutigen Bürgern nach ihrem heißen, blutigen Tagewerk gespendet werden.

Während das Pfund Rindfleisch im Anfange der Belagerung etwa einen Silbergroschen gekostet hatte, stieg der Preis später auf 9 Silbergroschen und mehr, gegen Ende wurde es noch rarer und man zählte sogar Eselfleisch unter das Wildbret und ließ es für 12 bis 15 Kreuzer in den Bänken aushacken; ein frisches Ei wurde gern um einen halben Taler bezahlt.

Ein Zeitgenosse erzählt in der treuherzig naiver Weise der damaligen Zeit über die schmale Kost, mit der man dazumal vorliebnehmen mußte, Folgendes: "Wer auch Lust an wälschen Delikatessen hatte, konnte auf dem hohen Markte und dem Peters-Freyhofe bei den daselbst sitzenden Weibern, mit geräucherten Specke gespickte und gebratene Dachhasen, das Stück per 1 fl., zu kaufen bekommen und sich darauf einen muskaten Wein beym Wälschen wohl schmecken lassen; gestaltete dann diese Art von Wildbret zu dieser Zeit, weder in den Häusern, noch auf den Dächern vor Jagten und Nachstellungen nicht allzu sicher war; weil in Wahrheit zu sagen, das Fleisch der gebratenen Katzen, wenn dessen Süßigkeit mit gesalzenem Speck temperiert wird, obwohl ein ungewöhnliches, doch nicht eben ungeschmacktes Essen ist".

Wie köstlich tritt uns hier der unverwüstliche Wiener Humor entgegen, der selbst in so trüber Zeit nicht ausstarb, wenn der Volkswitz die armen Katzen, denen es damals so hart an den Leib ging, zu "Dachhasen" beförderte. - Doch derselbe Schriftsteller berichtet auch, daß die rote Ruhr bald furchtbar zu grassieren begann, "so von nichts anderes, als dem eingesalzenem Rind- und Büffelfleische, dessen die delikaten Wienermägen nicht gewohnt waren, und in Ermangelung der niedlichen Speisen, guten Zugemüßes und schönen weißen Mehls und Brotes sich allein damit sättigen und behelfen mußten, herrühren konnte".

Echtes, unverfälschtes Wienertum und frischer Wiener Humor tritt uns in diesen und so vielen anderen Schilderungen aus Wiens schwersten Tagen lebhaft entgegen. Eine echte und rechte Wiener Figur, beherzt, unerschrocken, voll guter Einfälle, bei Allen wohlgelitten, begegnet uns auch in der Person des Georg Franz Kolschitzki, der, obwohl von polnischer Abkunft, Bürger und Schankwirt in der Leopoldstadt geworden und in der Belagerung Wiens eine große Rolle zu spielen berufen war.

Rüdiger von Starhemberg hatte durch Trommelschlag in den Straßen Wiens verkünden lassen, daß sich jeder melden solle, der sich getraue, eine Botschaft an den Herzog von Lothringen zu überbringen. Da meldete sich Kolschitzki bei dem Bürgermeister und erklärte sich zu dem Wagestück bereit. Er diente zur Zeit der Verteidigung bei dem berühmten Freicorps des Hauptmann Frank und war früher Dolmetsch der orientalischen Kompanie und als solcher der türkischen Sprache vollkommen mächtig.

Am 13. August, Nachts zwischen 10 und 11 Uhr, verließ er, in türkischer Kleidung, von seinem treuen Diener, dem Serben Georg Michailiwicz, begleitet, die bedrängte Stadt durchs Schottentor. Als er die Währingerstrasse neben dem damals sogenannten neuen Lazareth vorbeigekommen war, befand es sich mitten im türkischen Lager, wartete aber wegen eines heftigen Ungewitters, das mittlerweile hereingebrochen, zwischen zwei türkischen Zelten den Morgen ab. Als dieser zu dämmern begann, ging er mit seinem Gefährten rüstig weiter und sang, um jeden Verdacht abzuwehren, lustig ein türkisches Lied vor sich, stieß aber auf das Zelt eines türkischen Aga, der beide, weil er mit ihrem ganz durchnäßten Zustande Mitleid hatte, zu sich hineinrief, und sie über Zweck und Herkunft befragte.

Koschitzki log nun dem Türken dreist vor, daß sie beide im Türkenlager Marketender gewesen, weil es ihnen aber schlecht ergangen, so wollten sie nun auf den umliegenden Weinbergen Obst und Weintrauben sammeln.

Der Aga gab ihnen den guten Rat, sie sollten sich vor den umherstreifenden Christen ja in acht nehmen und entließ sie mit einem kleinen Geschenke, nachdem er sie mit einer Tasse Kaffee bewirtete. Hierauf gelangten sie über Berg und Tal durch Weingärten und Gebüsch bis an den Kahlenberg, wanderten aber aus Besorgnis, von den umherstreifenden türkischen Truppen angehalten zu werden, bis nach Klosterneuburg, von wo sie, da sie nicht wußten, ob sie auf Freund oder Feind treffen würden, bis in das Kahlenbergerdörfel zurückkehrten.

Hier wurden sie auf einer mit Weidengebüsch besetzten Insel verschiedener Leute gewahr und trafen auch unweit davon am Donauufer einige mit Wäsche waschen beschäftigte Weiber.

Die Leute auf der Insel schossen anfangs auf sie, weil sie aus ihrer türkischen Kleidung vermuteten, daß es Feinde wären.

Kolschitzki aber gab ihnen durch Gebärden und durch das Kreuzzeichen, das er schlug, zu verstehen, daß sie Christen wären.

Hierauf wurden sie alsbald auf die Insel hinübergeführt und dort von den Leuten reichlich bewirtet, später aber unter sicherer Begleitung auf einem Nachen an das jenseitige Ufer gebracht, von wo sie dann in das Lager des Herzogs von Lothringen geleitet wurden.

Als Kolschitzki diesem seine Meldung erstattete und die Briefe, die Graf Kapliř ihm mitgegeben, überreicht hatte, eilten sie alsbald mit der trösteten Botschaft des Herzogs nach Wien zurück.

Am 16. August Abends fuhren sie an derselben Stelle, wo sie herübergekommen, über den Donaustrom zurück und nahmen dann bei strömenden Regen den geraden Weg längs des Flusses bei den Ziegelöfen vorüber. Wieder nötigte sie das Unwetter, den anbrechenden Morgen auf freiem Felde abzuwarten. In der Früh des nächsten Tages trennten sie sich, um auf verschiedenen Wegen zur Stadt zurückzukehren. Als ihnen aber einige Türken entgegenkamen, welche Kolschitzki sehr mißtrauisch ansahen, rief dieser mit lauter Stimme auf Türkisch seinen Diener an, worauf derselbe, die Gefahr ahnend, sich wieder mit seinem Herrn vereinigte und beide nun eilends durch die Roßau gegen die sogenannte Alstergasse ihren Weg nahmen und im Keller eines abgebrannten Hauses Schutz und Nachtruhe finden wollten; doch ein verdächtiger Ankömmling trieb sie auch von hier fort.

Sie krochen aus dem Keller und liefen nun geradewegs gegen die Palisaden der Stadt und langten endlich des Morgens 8 Uhr ohne weiteren Unfall glücklich bei dem Ausfallpförtchen am Schottentor an. Zwar erfüllten die Meldungen, die sie nach Wien brachten, alle Herzen mit neuem Mute, aber die Trostworte des Herzogs blieben lange unerfüllt und doch war es schon die höchste Zeit, mit der Hilfe nicht zu säumen.

Kolschitzki war den Türken zu gut bekannt geworden; so wagte sein Diener, der mutige Serbe Michailowicz, noch dreimal den gefahrvollen Botengang; das erstemal Donnerstag den 19. August; dann wieder Freitag den 27. August; er kehrte Dienstag darauf zurück auf einem türkischen Pferde, dessen Reiter er mitten durch den Schädel gehauen hatte. "Nur mit Gott noch kurze Zeit ausharren!" lautet die Aufforderung, die er aus dem Lager des Lothringers an die Wiener überbrachte. Zum drittenmal trat Michailiwicz seine verhängnisvolle Reise am 1. September Abends unter furchtbaren Sturm und Regen an. Er kam nicht mehr zurück, wahrscheinlich endigte er unter Türkensäbeln sein Leben; doch Feuer, die auf dem Bisamberge aufflammten, verkündeten die Nähe der befreundeten Retter.

Ungleich glücklicher als das Schicksal dieses armen Serben war das Los Kolschitzki's. Er erhielt nach glücklicher Abwehr der Türken ein Haus "auf der Haid" in der Leopoldstadt, welches er aber später verkaufte; hierauf errichtete er, einer vielleicht nicht ganz verbürgten Überlieferung zufolge, auf der "Brandstätte" in der inneren Stadt, nahe der Stephanskirche, das erste Kaffeehaus. Nach Erbeutung des türkischen Lagers waren außerordentlich viele Säcke voll Kaffeebohnen gefunden worden, welche Kolschitzki an sich brachte, um bald ein schwunghaftes Geschäft mit dem Ausschanke des braunen Moccatrankes zu betreiben, der den Wienern schnell vorzüglich zu munden anfing.

Sein gleichzeitig gemaltes Bild wird noch immer von der Innung der Wiener Kaffeesieder sorgfältig aufbewahrt. Mag nun manches Gerücht, das sich um seine Person knüpft, erfunden sein, soviel ist richtig, daß er eine sehr volkstümliche Person war und unter dem Namen "Bruderherz" (so pflege er gewöhnlich jeden anzusprechen) von Alt und Jung wohl gekannt war.

In der belagerten Stadt waren mittlerweile Angst und Not immer höher gestiegen, und die Befestigungsanlagen an der Burg- und Löwenbastei befanden sich bereits in einem solchen Zustande, daß es kaum Anschein hatte, die Stadt werde dem wütenden Ansturm der Feinde noch wenige Tage erfolgreich Widerstand leisten können.

Aber mit der wachsenden Gefahr nahm auch der Mut der Belagerten zu, ja die beispielhafte Kühnheit artete nicht selten in Mutwillen und Übermut aus; besonders die Studentenschar war zu tollkühnen Streichen immer gerne aufgelegt. So fiel es einst einem Studenten ein, auf der Parapetmauer (Brustwehr) zu tanzen und dabei wiederholt die Feldflasche an den Mund zu setzen und herzhafte Züge daraus zu machen. Die Türken schossen auf ihn und ein Pfeil blieb in der Feldflasche stecken, was aber den Studenten nicht hinderte, weiter zu tanzen und zu trinken. Einem anderen Studenten war es gelungen, einen nahe an der Mauer vorbeireitenden Türken mit dem Feuerrohre zu erlegen. Obwohl andere Türken herbeieilten, lief der kühne Student doch über den Mauerschutt hinunter und holte sich den Waffenschmuck des Gefallenen.

Am 1.September ließ man Raketen vom Stephansturm steigen, um die höchste Gefahr anzuzeigen, denn das Ravelin (Außenwerk vor den Hauptgraben) zwischen der Burg und der Löwelbastei war bereits durch die wiederholten Minensprengungen so arg beschädigt, daß es endlich aufgegeben werden mußte und nun ein erbitterter Kampf um die Stadtmauer selbst entbrannte.

Am 9. September sah man bereits einen großen Teil der Türken von der Landstraße und St. Ulrich aus gegen den Kahlenberg und Wienerwald rücken. Rüdiger von Starhemberg, der vom Stephansturme diese Bewegung der Feinde beobachtete, mußte neuen Mut daraus schöpfen, denn es war kein Zweifel, daß der lang und heiß ersehnte Entsatz endlich nahte.

Schien auch die Stunde der Erlösung nahe, so mußten doch noch die äußersten Anstrengungen gemacht werden, um Wien zu halten. Rüdiger von Starhember befahl schon, die eisernen Fenstergitter, sowie die Dachstühle abzureißen, um damit die Straßen zu verlegen, wenn der Feind wirklich eindringe. In der Tat hing das Schicksal der Stadt an einem Haare, denn am 6. September hatte der Türke wieder eine gewaltige Mine an der Löwelbastei springen lassen, welche die Mauer auf eine Länge von 24 Klaftern niederwarf. Nur der Heldenmut der Bürger, welche mit ihren Leibern die Bresche deckten, rettete Wien.

Garben von Raketen stiegen bei anbrechender Dunkelheit von der Höhe des Stephansturmes zum Himmel empor, den herannahenden Freunden die entsetzliche Not zu verkünden. Endlich wurden diese Zeichen beantwortet. Am Abend des 6. September stiegen langsam fünf Raketen vom Kahlenberge himmelwärts. - Hilfe war da! Doch angstvolle Tage, bange Stunden vergingen noch, ehe die Entscheidung fiel, ehe die Rettung vollendet war.

Daher schickte der tapfere Kommandant noch im letzten Augenblicke einen reitenden Boten ab, der den Donaustrom durchschwamm, um dem Herzoge von Lothringen einen Zettel zu überbringen, der nichts als die vielsagenden Worte enthielt: "Keine Zeit mehr verlieren, gnädigster Herr! Ja keine Zeit verlieren".

So war der Morgen des 12. September herangerückt, ein herbstlich klarer, schöner Sonntagsmorgen. Wie viele Herzen schlugen diesem Tage in angstvoller Erwartung entgegen!

Welch unbeschreiblicher Jubel erfüllte die Brust von Tausenden und Tausenden, als die Schleier des Abends die Sonne verhüllten und ihre letzten milden Strahlen das befreite Wien und das Entsetzen und die Flucht der Türken beschienen! Mit unauslöschlichen, goldenen Lettern ist das Andenken an diesen Tag in die Herzen der treuen Wiener, die an ihrer Kaiserstadt mit unverbrüchlicher Liebe hängen, eingegraben.

Bei Tulln hatte die Vereinigung der Streitkräfte des Herzogs Karl von Lothringen und des Polenkönigs Johann Sobieski stattgefunden. In unbegreiflicher Verblendung, die sich wohl nur aus der sicheren Voraussetzung erklären läßt, endlich doch noch des "verwünschten Steinhaufens", wie Kara Mustapha Wien nannte, Herr zu werden, hatten die Türken nichts getan, um die Verbindung der Feinde zu verhindern.

Freilich raufte sich der Großvezier Haar und Bart aus, als das Unerwartete dennoch geschehen war und die Feinde bereits auf den Anhöhen des Kahlen- und Leopoldsberges standen; doch die Reue kam zu spät.

Von den Kuppen des Wienerwaldes sahen die christlichen Krieger die unglückliche Wienerstadt, deren Schicksal schon besiegelt schien, in Dampf und Nebel gehüllt, zu ihren Füßen liegen. Bald flatterte auf den Zinnen der alten Markgrafenburg lustig im Morgenwind das rote Banner mit dem weißen Kreuze, und schien der blutig roten Fahne des Propheten zu spotten, die vom Zelte des Großveziers drohend herüberwehte.

Um das halbverschüttete und niedergebrannte Kirchlein auf dem Leopoldsberge scharrten sich die Krieger des Christenheeres, um fünf Uhr morgens war es, als das Glöcklein der Kapelle zum Gebete rief. Wahrhaft erlaucht und glänzend war die Versammlung, die sich da zusammenfand. Dem König von Polen stand sein jugendlicher Sohn Jakob, der Kron-Großfeldherr, sowie die Blüte des polnischen Adels zur Seite, alle in Panzern, die große Flügeln auf dem Rücken trugen, reihergeschmückte Kalpaks oder Helme auf dem Haupte und mit Lanzen bewehrt, deren Fähnlein in allen Farben schimmerten.

Den Herzog von Lothringen umringte ein nicht minder glänzendes Gefolge, erprobte Helden, wie der Herzog Maximilian von Baiern, des Kaisers Schwiegersohn, Herzog Georg von Sachsen, der nachmals so berühmte Türkenbesieger Markgraf Ludwig von Baden, die Herzoge von Württemberg und Braunschweig und viele Andere gleichen Ranges. Wer war wohl der "kleine Abbé von Savoyen", der große Eugen der Zukunft.

Im Leopoldskirchlein las der Kapuziner Marco d'Aviano, der im Rufe der Heiligkeit stand, die Messe, wobei ihm der Polenkönig Sobieski selbst ministrierte. Nach dem Gottesdienst schlug dieser seinen Sohn zum Ritter und, auf den Herzog von Lothringen zeigend, sprach er zu ihm: "Prinz, von diesem Feldherren müßt ihr den Sieg lernen!" Kein Auge blieb tränenleer, als nun der Kapuziner Marcus aus dem Kirchlein heraustrat und über das dichtgescharrte Kriegsvolk, das, von Andacht und Rührung überwältigt, ins Knie gesunken war, mit erhobenen Armen den Segen aussprach. Es war ein Augenblick voll feierlichen, ergreifenden Ernstes, wie solche die Weltgeschichte wenige kennt.

Nun begann der Abstieg von den Höhen in prächtiger Ordnung. Die Entsatzarmee formierte sich in drei Treffen; den rechten Flügel des Heeres führte der König von Polen, der, seinem Range entsprechend, zugleich Oberfeldherr war; den linken befehligte der Herzog von Lothringen, während das Mitteltreffen unter dem Kommando des Kurfürsten von Baiern stand. -

Beim Kahlenbergerdörfel, wo der Herzog von Lothringen sich befand, begann der Kampf, der sich alsbald in weitem Halbkreis bis über Dornbach hinauszog.

Der linke Flügel warf die Türken nach langem heißen Ringen bis nach Döbling und Währing zurück, wo eine Schanze errichtet worden war (noch heute die "Türkenschanz" genannt), die aber mit stürmender Hand genommen wurde. Der rechte Flügel der Polen brach aus den Wäldern von Dornbach hervor; hier schwankte der Sieg einige Zeit, bis der Herzog von Lothringen, die Gefahr erkennend, Verstärkung schickte, und nun die Polen mit ungestümer Wut sich neuerdings auf die Türken warfen, die Schanzen bei Hernals erstürmten und die Feinde bis in ihr Lager in der Roßau zurücktrieben.

Während so die Schlacht vor Wien wütete, hatten die Türken unausgesetzt mit ihrem Geschütze die Stadt beschossen; die Janitscharen machten die letzten verzweifelten Anstrengungen, von den Laufgräben aus die stellenweise bereits Schutthaufen gleichenden Mauern zu erstürmen. Als jedoch um vier Uhr Nachmittags der Markgraf Ludwig von Baden bis zum Vorwerk am Schottentor vorgedrungen war und den Grafen Rüdiger von Starhemberg zum letzten, entscheidenden Ausfall aufgefordert hatte, da räumten die Türken, zwischen zwei Feuer gebracht, in eiliger Flucht die Laufgräben und Vorwerke und liefen dem Lager zu. Aber auch hier hielt der Feind nicht mehr länger stand; es war sechs Uhr Abends als die Niederlage der Feinde eine allgemeine geworden war, und die Türken in regelloser, wildester Flucht ihr reiches Lager mit unermeßlicher Beute in den Händen der Sieger zurückließen.

 

Der Verlust der Türken betrug an 25.000 Mann, die Christen zählten etwa 1000 Tote und 8000 Verwundete. Die Beute, die den Siegern zufiel, war unermeßlich; an Kleidern, Reitzeug, Lebensmitteln, Gold und Waffen nebst allerlei höchst wertvollen Kostbarkeiten wurden in den Zelten ungeheure Mengen vorgefunden. Hierbei fiel der reichste Anteil dem Könige von Polen zu; das prachtvolle Zelt des Großveziers mit einem Barvorrate von zwei Millionen Gulden in Gold kam in seinen Besitz. In demselben fanden sich außer anderen Kostbarkeiten viele mit Rubinen und Smaragden besetzte Köcher, wertvolle in Gold gefaßte Säbel und auch die grüne Fahne des Propheten, die dem Großvezier vorangetragen zu werden pflegt mit reicher Gold und Silberstickerei. Sie wurde von dem Könige schon am folgendem Tage nach Rom geschickt und dem Papst zum Geschenk gemacht. Auch die übrige Beute, die gemacht wurde, spottete in ihrem Reichtum aller Beschreibung. An Geschützen wurden allein 180 Stücke verschiedensten Kaliebers erbeutet; ungeheuer waren die Vorräte an Reis, Honig, Öl, Zucker und vor allem Kaffee, welche die Türken zurück lassen mußten.

Nach den Soldaten kamen erst die Bürger, welche in Scharen aus den so lange verschlossenen Stadttoren strömten und noch viel des Kostbaren und Seltsamen aufgespeichert fanden.

Die schönste Beute aber wählte sich ganz gewiß der edle Bischof Kollonitsch, indem er nahezu 500 arme Christenkinder, welche hungernd und fast ohne Kleider im türkischen Lager herumirrten und dem schrecklichsten Elende preisgegeben waren, um sich sammelte. Die Eltern der armen Kleinen waren teils getötet, teils in die Sklaverei fortgeschleppt worden. Der edle Bischof ließ nun die bedauernswerten Waisenkinder sorgfältig pflegen und dann zu Wagen in die Stadt bringen. Hier wurde denselben das Arbeitshaus in der Leopoldstadt als Wohnstätte angewiesen und der Bischof sorgte mit rührender Vatermilde für die bejammerungswerten Waisen. Gerne lauschen wir den zart empfundenen Worten des vaterländischen Dichters, Joh. N. Vogl, wenn dieser diese hochherzige Tat in schönen Versen erzählt:

Es sitzen in Wien im Kaisersaal

Die Fürsten und Helden in reicher Zahl.

Sie haben entsetzt die bange Stadt,

Nach der so gelüstet den Türken hat.

Und als nun zu Ende das reiche Mahl

Und freudig geleert der Siegespokal,

Spricht einer: "Genug nun mit Sang und Klang!

Nun sagt wer die beste Beute errang?"

Entgegnet ein Pole: "Des Sultans Gold

Hab ich mir aus seinem Zelt geholt".

Ein Lothringer drauf: "Sein stolzes Panier

Erkämpft ich mit blut'gem Degen mir".

Ein Wiener sodann: "Manch reiches Gewand

Entriß ich den Flücht'gen mit dieser Hand".

Ein And'rer: "Gewaffen, so Helm und Speer

Errang ich und derlei Gezeugs noch mehr."

Ein fünfter: "Ich wählte in aller Eil'

Arabische Pferde als meinen Teil."

So wußte ein jeder nach seiner Art

Zu sagen, was ihm für 'ne Beute ward.

Nur einer im Kreise der Sieger saß,

Der über die and'ren das Wort vergaß.

"Wie stumm doch der Bischof. Bekennet auch Ihr!

Mich dünkt, Ihr errangt das Geringste schier."

Herr Kollonitsch, also der Bischof hieß,

Entgegnet mit Lächeln: "Eins ist gewiß:

Was ihr auch erlangt durch der Türken Flucht,

Nach meiner Beute hat keiner gesucht.

Und doch ist's das Köstlichste in der Tat,

Was einer erobert vom Schlachtfeld hat."

Drauf winkt er den Dienern, auf tut sich das Tor,

Da dränget ein Heer sich von Kindern hervor,

Von Knaben und Mägdlein so zart und hold,

Die Wangen wie Röslein, die Locken wie Gold.

Die sinken aufs Knie vor dem Gottesmann,

Und schmiegen mit Weinen an ihn sich an.

"Das ist meine Beute!" der Bischof sagt;

"Nach der hat nicht einer von euch gefragt.

Ich fand sie verlassen in Harm und Not,

Erwürgt ihre Mütter, die Väter tot.

Da führt ich sie alle nach Wien herein

Und will den Verwaisten ein Vater sein!"

Und als er zu ihnen gesagt dies Wort,

Da schwiegen beschämt wohl die anderen dort;

Denn was sie auch alle nach Hause gebracht,

Nicht glich es der Beute, die er gemacht.

Bischof Kollonitsch wurde später zum Danke für diese Tat zum Kardinal erhoben und starb als Erzbischof von Gran und als Primas von Ungarn im Heiligenkreuzerhof zu Wien am 20. Januar 1707.

Sogleich nach dem glücklichen Entsatze der Stadt war der Kaiser, der bereits im Anzuge gegen Wien war, von dem Generaladjudanten des Herzogs von Lothringen, dem Grafen Auersberg, von der durch Gottes Gnaden erfolgten Rettung benachrichtigt worden. Die Kurfürsten von Baiern und Sachsen ritten dem heranziehenden Kaiser entgegen und geleiteten ihn in das jubelnde Wien. Durch das Stubentor fand am 14. September der feierliche Einzug der kaiserlichen Majestät statt. Leopold bezeugte Allen, die an dem Rettungswerke teilgenommen, seinen innigsten Dank und echt kaiserliche Anerkennung.

Er besichtigte voll Rührung und Ergriffenheit die Schanzen und Basteien, die einem Trümmerhaufen glichen und sich keine Stunde länger hätten halten können. Hierauf begab er sich mit dem ganzen glänzenden Gefolge in den St. Stephansdom, woselbst der Bischof Kollonitsch ein feierliches Dankamt abhielt und unter dem Donner der auf den Wällen aufgestellten Geschütze und den rauschenden Klängen der Kirchenmusik das Tedeum gesungen wurde. Der Dechant von St. Stephan aber wählte zum Texte seiner Siegespredigt mit deutlichen Hinweis auf den Polenkönig die Worte des Evangeliums: "Es war ein Mann von Gott gesandt, der hieß Johannes".

Als der Kaiser aus der Kirche heraustrat, erbat sich der Bischof von Wien, Emerich, die gnädige Erlaubnis, das Zeichen des Halbmonds mit dem Sterne, welches damals auf der Spitze des Stephansturms angebracht war, hinwegzunehmen und zum ewigen Andenken daran, welchen herrlichen Sieg das Kreuz über den Halbmond davongetragen, das Kreuz auf dem Turmknaufe anbringen zu dürfen, was auch gewährt und alsbald ausgeführt wurde. -

Auch die große Glocke des Stephansturms, die sogenannte "Bummerin" ist ein Andenken an die Türkennot; indem sie unter Kaiser Josef I. aus dem Metalle der vor Wien erbeuteten türkischen Kanonen gegossen und im Jahre 1711 in den Turm aufgezogen wurde.

Den Grafen Rüdiger von Starhemberg, Wiens tapferen Kommandanten, ehrte der Kaiser, indem er ihm außer einem namhaften Geldgeschenke die Würde eines Feldmarschalls und Staatsminister verlieh und gestattete, daß in dem Wappen seines Geschlechtes, das fortan auch einen Panther, der einen Türkenschädel in der Hand hält, zierte, den kaiserlichen Namenszug mit der Krone führen dürfe. Rüdiger von Starhemberg starb zu Wien in dem heutigen Freihause auf der Wieden am 4. Jannuar 1701 an der Wassersucht.

Nicht minder wurden die Bürger, namentlich die Hauptleute der einzelnen Freikompanien vom Kaiser wegen ihrer außerordentlichen Tapferkeit hoch belobt und mit Titeln und Ehrengaben ausgezeichnet. Der Bürgermeister Focky und zwölf andere Ratsherren erhielten goldene Ketten mit Medaillen und den Titel von kaiserlichen Räten.

Ebenso lohnte die Stadt ihre hochverdienten Mitbürger durch reiche Gaben und wertvolle Vorrechte. Desgleichen wußten die Wiener, die nach solchen Tagen entsetzlicher Bedrängnis nun in ihrer Freude sich kaum fassen konnten, wohl zu würdigen, was sie dem Polenkönige zu danken hatten. In dem Schreiben, welches Sobieski noch am 13. September aus dem Lager bei Wien an seine Gemahlin richtete, erzählte er über den Besuch, den er nach der Schlacht in Wien gemacht: "Endlich kame der Wienerische Gouverneur, Graf von Stahrenberg, mit vielem Volke hohen und niederen Standes, entgegen: Jedermann hat mich geherzet, geküsset und ihren Erlöser genennet. Hierauf habe zwei Kirchen besuchet, da ich auch wenig Leute angetroffen, die sich bemühten, mir die Hände, ja Füsse und Kleider zu küssen; die meisten mußten zufrieden seyn, daß sie nur den Rock anrühren konnten."

Am 15. September fand die Zusammenkunft des Kaisers mit dem Könige von Polen, der schon zur Verfolgung des Feindes aufgebrochen war, in der Nähe von Schwechat, wo noch das sogenannte Kugelkreuz die Stelle bezeichnet, statt. Beide Fürsten begrüßten einander auf das Herzlichste und blieben über eine Viertelstunde im vertraulichsten Gespräche zusammen.

Als der Kaiser über Ebersdorf, Simmering und St. Marx wieder nach Wien zurückfuhr, nahm er die entsetzliche Verwüstung, die hier die Türken angerichtet, genauer in Augenschein; nicht ein einziges Haus, mit Ausnahme des sogenannten "Neugebäu", wo einst das Zelt Sultans Solimann gestanden und das die Türken daher verschont hatten, war erhalten; überall rauchende Trümmer, eingeäscherte Ruinen: ein Bild des Grauens und Entsetzens.

 

Im Jahre 1883 beging Wien in feierlicher Weise das Fest der Erinnerung an diese Zeit der Türkennot. Eine der schönsten Zierden des neuen Wien, der prächtige Rathausbau, war in diesem Jahre vollendet worden. Von der Spitze des Rathausturmes sieht nun der eiserne Rittersmann auf Wien hernieder und verkündet, daß Wien immer gerüstet sein wird, um, wie ehemals, Kaiser und Reich zu schirmen und zu schützen.

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