Die Türken im Mürztal.


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Ein  Bild  aus der  Schreckenszeit  unserer  Vorfahren.
Von Peter Rosegger - eine Jugendstudie - 1901.


In der alten Pfarrkirche zu Krieglach befindet sich eine Tafel mit folgender Inschrift: “In dem 1529 Jahr ist der Türgkh hie gewösen und hat 800 und etlich Perschaunen wegkh gefiehrt. — —   Was folgen werdt ist Gott bekanndt."

Diese wenigen trockenen Worte — sie fassen eine Welt von Jammer und Not! Sie lassen uns einen grellen, tiefen Blick tun in die Schreckenszeit unserer Vorfahren. Ja, nicht immer hat in diesem schönen, friedlichen Lande die Idylle gewohnt! Doch über die wilden Stätten des Unheiles ist seitdem Jahrhundert um Jahrhundert gezogen, und heute breiten sich darüber blumige Auen, grüne Wälder und belebte Ortschaften; und der Bürger und der Ackersmann und der Waldbewohner genießt sein Brot in Ruh und Frieden, und trinkt in Behaglichkeit sein Gläschen, während er von der  “guten"  alten Zeit plaudert. Was gibt's aber zu plaudern? So weit denkt keiner zurück! und in jenen Tagen ist es nicht aufgeschrieben worden, was unseren Vätern geschehen ist.

Und weil es ja unsere Vorfahren waren, denen es geschehen ist, und weil wir für die Schicksale unserer Väter gewiss die größte Teilnahme hegen, so möchte ich doch gerne entrollen ein treues Gemälde jener blutigen Not.

Nun habe ich mich an die Geschichte gewendet; sie hat uns nur spärliche Kunde, wenn auch blutig genug, übermittelt. Ich habe die Tradition des Volkes belauscht; sie hat uns zwar einen weiten Dornenkranz von bösen Sagen bewahrt, aber bei weitem nicht genugsam treu jene Zeit uns wiedergespiegelt. So habe ich in meiner Forschung und Darstellung einen eigenen Weg betreten, und dort, wo mich der Geschichtsschreiber im Stiche ließ und wo der sagenreiche Mund des Volkes verstummte, dort hat mir des Dichters Griffel das Bild zur Rüste gezeichnet.

Bevor ich jedoch dieses Bild aufstellen kann, muss ich dazu einen Rahmen schaffen, d. h. in kurzen Umrissen die Verhältnisse des Landes zu jener Zeit, und die Türkeneinfälle in Steiermark im allgemeinen andeuten.
    
Ein gewaltiges Zeugnis von dem Richteramte der Geschichte liegt in der fürchterlichen Wiedervergeltung der Kreuzzüge durch die Türkeneinfälle.


Einst strömten die Völker des Abendlandes in  fünf  riesigen Heereszügen nach Asien, um dort, unter dem Vorwande, das heilige Grab aus den Händen der Heiden zu reißen, politische Vorteile zu erobern. Die Geschichte der Kreuzzüge weist uns grausame, blutige Episoden, und die Asiaten haben wohl Ursache gehabt, zu zittern vor den Barbaren aus den Abendlande.

Aber das Blatt hat sich gewendet und kaum hundertfünfzig Jahre später zitterten wir Europäer vor den Barbaren aus dem Morgenlande.

Die alte Rechnung quitt zu machen, zogen die wilden Stämme aus Asien über Siebenbürgen und Ungarn gegen Deutschland heran, und das Ostreich — Österreich und unser Alpenland in erster Linie musste der Schutzwall sein, der das große deutsche Land und Gallien drüben vor den fürchterlichen Raubscharen bewahrte.

Im Jahre 1396 fuhr der Türk' zum erstenmal wie der Blitz heran, und brach in Steiennark ein. Pettau wurde niedergebrannt und sechzehntausend Gefangene wurden fortgeschleppt.

Zweiundzwanzig Jahre später, im Jahre 1418, fiel der Türke wieder ein, bestürmte Radkersburg und verheerte die Gegend längs der Mur aufwärts.

Im Jahre 1475, nach Baumkirchers Tod, kamen die Türken abermals und lieferten vor der Stadt Rann eine große Schlacht, bei welcher sechstausend Steirer den Heldentod starben. Unheil und Verderben speiend, wogte und wütete das asiatische Ungeheurer der oberen Steiermark zu, und die grünen Auen tranken das Blut zahlloser Ermordeter, und die Wände der Kalkalpen waren wochenlang jede Nacht hindurch gerötet vom Scheine brennender Dörfer und Städte. Wohl leisteten die Bewohner tapferen Widerstand, und besonders die Priesterschaft durchglühte ein heldenhafter Geist. Dafür wurden aber auch an die fünfhundert Priester aus Obersteier allein in die Sklaverei davongeschleppt. Tausende von Menschen wurden getödtet oder in die ewige Gefangenschaft geführt; und als der Feind das Land endlich verlassen hatte, war es schier menschenleer, aber Trümmer und Brandstätten gab es in allen Tälern.

“Sie tetten”, sagt ein Chronist, “großen Wuest mit Pranndt, Mordt und Lewt Verfuerung, daß oft in zehn Meylen kein Haws noch Mensch ist."

Kaum hatten sich die noch Übriggebliebenen wieder aus den Wäldern gewagt und sich Hütten gebaut auf den Ruinen, als neuerdings die schrecklichen Rotten aus Krain und Kärnten heranschnoben. Diesmal wurden sie bei Villach besiegt; zehntausend Türken wurden erschlagen, siebentausend gefangen genommen. Das trug sich zu, als man schrieb: 1492.   –

Nach diesen vier Haupteinfällen (im ganzen hat der Türke zweiundzwanzig Raubzüge in unsere Länder unternommen) hatte unser Vaterland ein Vierteljahrhundert lang Ruhe vor den Barbaren.

Doch, die Erinnerung voll Blut und Brandflecken war zu schrecklich, als dass sich die Gemüter sobald wieder hätten beruhigen können. Es war kein Beispiel da in den Kriegssagen der Väter, das von solchen Gräueln erzählt hätte, als hier von den Türken verübt worden waren.

Das waren keine Menschen gewesen; und wer sie mit Tieren der Wildnis verglichen, der hätte ihnen zu viel Ehre angetan. Wilde, raubgierige, blutdürstige, brandlechzende Horden, der Hölle entstiegen; nicht kühn, wie der Tiger, nicht zornsprühend, wie der gereizte Löwe; nein, feig wie die Hyäne, hinterlistig wie die Schlange sind sie gewesen. In ihrer ungeheueren Übermacht haben sie gesiegt und ihre Greuel verübt.

Grinsend, wiehernd vor Mordlust haben sie gewürgt; mit zischendem Lustgeheul haben sie geschändet; zähnefletschend vor Begier haben sie die Brände geschleudert; mit der schnaubenden Leidenschaft wilder Jagdhunde haben sie hilflose Menschenwesen gefangen und in Ketten geschmiedet.

Ei freilich sind sie anfangs auch gereizt worden. Nicht so sehr, weil sie Feinde des Vaterlands, denn als solche hätte unser Volk auch die feindlichen Ungarn derart brandschatzen können, — sondern weil sie Heiden waren, hat man sie vergiftet und durch grausame Martern auf verschiedene Weise umgebracht. Das hat denn die von Natur aus wilden Völker zu jenen schrecklichen Rachetaten entflammt, mit denen sie ihren Namen unauslöschlich eingegraben haben in die Geschichte unseres Vaterlandes.

Nun, das Ungeheuer bei Villach aufs Haupt geschlagen, hat sich zurückgezogen in seine asiatischen Wüsten. Aber im Lande ist nicht Friede gewesen. Draußen im heiligen römischdeutschen Reiche, in einer Stadt an der Elbe war Martin Luther aufgestanden und hatte seinen Geistesstrahl hinausgeschleudert in die Welt. Dieser Strahl hat gezündet fern an den sandigen Gestaden der Ostsee und an den eisklüftigen Hängen der Alpen. Ein Bauernkrieg ist ausgebrochen, der neuen evangelischen Lehre wegen, und der Aufstand hat sich herangewälzt durch das Enns - und Paltental gegen die Ufer der Mürz.

Nicht mehr mit der Religionsfreiheit waren die Bauern zufrieden; da sie nun einmal ihre Keulen erhoben hatten gegen die Autorität des Bestehenden, so haben sie auch Aufhebung der Robot, des Zehents, Freiheit in Holz- und Jagdgenuss und manch anderes Recht verlangt — was diesem stets mit Füßen getretenen Stand erst nach mehr als dreihundert Jahren gegeben werden sollte.

Damals hat in unserem Lande Erzherzog Ferdinand I. regiert. Der Landeshauptmann von Steiermark hat Sigmund von Dietrichstein geheißen; der nahm es mit den Bauern auf, wurde aber bei Schladming im Ennstale überfallen und gefangen genommen. Erst der Graf von Salm, mit einer bedeutenden Heeresmacht aus den Donauprovinzen anrückend, hat den Aufstand niedergeschlagen, und die guten Bauern sind fester geknebelt worden, als sie es vorhin gewesen waren. ...

Es gibt oft Zeiten, in denen es ausschaut, als habe Gott das Menschengeschlecht verloren und verlassen. — Zur Erkenntnis der Freiheit gekommen zu sein und in Knechtesbanden schmachten zu müssen — was das für eine Not ist! Und was in der Gesellschaft Gewissenshader und Religionskämpfe für ein Unheil sind — das wissen wir aus unseren Tagen. Wenn schon heute noch, da doch die Mehrzahl zugibt, dass die wahre Religion eines Menschen in seinen sittlichen Taten besteht, diesbezüglich noch viel Gewissensqual herrscht; wieviel schrecklicher muss erst der große Posaunenruf einer Religionsreform in das geängstigte Herz der Menschen gefallen sein!

Und zu dieser Not- und Seelenpein gesellte sich in jenen Tagen das wilde Ereignis, das hier zu erzählen ist. Die Zahl schrieb nach des Herrn Geburt 1529.
Es ist ein heißer Hochsommer, Eine schwüle Bangigkeit liegt über den Ländern, eine Vorahnung großer kommender Dinge. Im Tale der Mürz herrschte zur damaligen Zeit ein gewisser Wohlstand. Wir lesen weder von Mißjahren, noch von Seuchen, obwohl in den Zwanzigerjahren des sechzehnten Jahrhunderts zu Grätz eine große “Sterb" gewesen war. Zudem war diese Gegend von den früheren Einfällen der Türken und Ungarn nicht besonders arg berührt worden. Der Semmering, sowie das Wechselgebirge und die Teufelssteinkette bildeten einen festen Schutzwall.

Ein Stück des Tales gehörte in den Bereich von Hohenwang, das andere den Stubenbergern. Im umliegenden Gebirge standen reiche Waldungen, stellenweise noch an Urwildnis erinnernd. Die damalige Zeit war noch kein Feind des grünen, belebenden Waldes und in dem Sinne war sie die gute alte Zeit. Aber selbst in diesem von grünen Waldbergen eingefriedeten Tale herrschte bereits allgemeine Wirrnis. —
 
Am Fuße des Gölk bei Krieglach, wo heute die Reutung zu Rande geht, stand ein hölzernes Kreuz, schier morsch am Fuße und nach links zur Erde geneigt. Der Christus war zerbrochen und hatte keine Hände mehr.

Ein Gott ohne schützende Hand! Das war kein gutes Vorzeichen, hinter dem Kreuze standen hohe, finstere Tannen; und da hatte es ein Mann aus dem Orte Krieglach gesehen, wie eines Morgens von den Ästen dieser Bäume große Blutstropfen niederhiengen. —

Die Mär verbreitete sich talauf, talab. Beim Gölkkreuz ist es gesehen worden: Blut schwitzen die Bäume! Das bedeutet Arges!

Das war nur eine Mär. Aus dem Ungarlande aber kam die Kunde, die ein lautes Schreckgewimmer hervorbrachte in allen Gauen.

Der Türk' bricht wieder ein.

Ein Wehgeschrei gellt durch das Land. Zum Erzherzog Ferdinand dringt der Ruf; der hält die Ohren zu. Was kann er tun? Sein Kriegsheer ist durch die inneren Unruhen geschwächt, zerfallen, kaum, dass es sich sammelt, die Kaiserstadt zu schützen. Des Reiches Schatzkammer ist leer. Die Landstände ruft der Erzherzog. Die Landstände wissen Rat; es ist noch Mark im Lande Steiermark. Zwar, das Volk ist am Bettelstab, der Adel geschwächt, aber die Kirche hat große Güter im Lande und die Klöster haben gefüllte Schatzkammern. Religion und Kirche ist jetzt wahrhaft in Gefahr.

Der Erzherzog erläßt folgendes Manifest an seine Völker:

Als der blutdürstige, wüthende, unser und unseres heiligen christlichen Glaubens Erbfeind, die Türken, ihren natürlichen Hass und Feindschaft gegen die Christenheit, wie jedermann weiß, lange Zeit her ohne Unterlass geübt, viele christliche Länder, Städte und Festungen unter ihre Gewalt gebracht, und so viel christliches Volk, das nicht zu zählen ist, todtgeschlagen, gefanglich weggeführt, schändlich missbraucht und in ihre Dienstbarkeit gezwungen haben; nachdem sie besonders in den vergangenen Jahren unser Königreich Ungarn, Croatien, Krain und andere unsere Länder mit gewaltigen Heerzügen belästiget, die besten Befestigungen erobert, und sonst viele namhafte Fleckchen und Städte verwüstet, auch weiland König Ludwigen mitsammt seinem Kriegsvolke erschlagen, und über dieses unersättigt, ohne aufhören, was zur Beschädigung unserer Länder gereichen mochte, nicht unterlassen haben; — und es die ganze Christenheit und unseren heiligen christlichen Glauben betrifft, so ist vormals schon, und vorzüglich durch Uns öfters bei der kaiserlichen Majestät, bei dem heiligen römischen Reich und anderen christlichen Häuptern und Potentaten, Ermahnen und Ansuchen geschehen, damit durch alle christlichen Könige und Fürsten ein gemeinsamer, ernstlicher Zug wider die Türken vorgenommen, und dadurch oben erwähntem Unheil einmal ein Ende gemacht werde. Wir haben auch mit solch einem Zug der Christenheit uns und unsere Länder und Leute vertröstet und nach unserem Vermögen indessen dem Türken den möglichsten Widerstand geleistet. Und nachdem der jetzige regierende türkische Tyrann mit natürlicher Feindschaft vorzüglich gegen Uns erhitzt ist, dass er sogar mit anderen Potentaten den Krieg eingestellt und Frieden gemacht hat, allein darum, damit er mit eigener Person seine ganze Heereskraft auf uns und unsere christlichen Länder und Leute wenden möge: wie er sich denn auch wirklich mit großer Macht gegen uns erhoben hat. — Die Noth erfordert es daher jetzt desto stärker, uns gegen die Türken in tapfere Gegenwehr zu setzen, und uns und der allgemeinen Christenheit zum Besten zu handeln. Es wird von unseren Ländern und Leuten tapfere Hilfe verlangt und unser ganzes Vermögen daran gesteckt. Allein das reicht gegen die große Macht der Türken nicht aus; auch mögen unsere Länder und Leute die große Last, wie bisher, nicht länger ertragen. Man ist also darauf bedacht, nachdem die Gefahr am meisten unseren heiligen Glauben betrifft, und die Gülten und Zehenten der Gotteshäuser und Klöster, nur zur Ehre und zum Dienste des Allmächtigen gebraucht werden sollen, einen Theil derselben Güter und Gülten zur Rettung unseres heiligen christlichen Glaubens und zur Erhaltung des übrigen Theiles derselben, anzugreifen und zum Widerstände gegen die Türken zu gebrauchen; — als zuzulassen, dass der Türk überhand nehme, und nicht nur allein die Gotteshäuser, Klöster und deren Güter in seine Gewalt bringe, sondern auch die christlichen Leute todtschlage und von dem heiligen Glauben bringe. Aus angedeuteter Noth haben wir uns daher entschlossen, in unseren Ländern den vierten Theil aller jeder Leute, Stücke und Gülten, welche den Prälaturen, Klöstern und Gotteshäusern zu gehören, anzugreifen und zu verkaufen und das daraus gelöste Geld zum Widerstande gegen die Türken zu verwenden. Und wir haben demnach, der unvermeidlichen Noth wegen, den vierten Theil aller gemeldeten Stücke, Güter, Gülten, Zehenten und Leute der Gottes- Häuser und Geistlichen unserer Länder in Kauf gesetzt und feilgeboten.
Gegeben zu Linz im 1529 Jahr.
Erzherzog Ferdinand I.

Der vaterländische Geschichtsschreiber Muchar, ein Priester aus dem Stifte Admont, erzählt uns den Eindruck und die Wirkung dieses Edictes. Dasselbe entfachte im Lande einen wahren Seelensturm. Den vierten Theil der geistlichen Güter verlangt Ferdinand! Die rechtmäßigen Kirchengüter sollen verschachert werden? Kein anderes Geld mehr im Lande? Die Kirchengüter rauben und damit die Heiden schlagen wollen, das ist jetzo christlicher Landesbrauch.  Oh, der Herzog rechnet hinter des Wirtes Rücken und er verrechnet sich. Soll die Kirche schon geplündert werden, so ist's besser, der Heide tut's, denn der Christ. — Kommt es schon auf der Kirche Gut an, so mögen die Türkenhunde dreinfahren und die ganze erzherzogliche Bettelwirtschaft verschlingen. Der Herr wird das Seine zu schirmen wissen'  —

Der landesfürstliche Erlass scheiterte an dem ehernen Sinne des Klerus.

Verlegt sich Ferdinand im Angesichte der schrecklichen Gefahr aufs Bitten; die ehrwürdigen Stifte und Klöster möchten doch wenigstens eine Anzahl Krieger stellen und besolden.

Auch das wird ihm abgeschlagen; die Geistlichkeit lässt sich nicht wie eine Söldnerrotte einhertreiben gegen die heidnischen Bestien.

So tapfer und opferwillig der Clerus in früheren Jahren gegen den Feind der Christenheit gestritten hatte, so war er jetzt im Drange des hereinbrechenden Luthertumes wie umgewechselt. Der Kampf um das Dogma hatte ihn erbittert und verhärtet.

Die Leute waren unstet und planlos. Der Bauer wollte nicht ackern und säen. In den Werkstätten wurden Kriegsgeräte erzeugt: Schwerter, Dolche, Lanzen, Geschosse, wuchtige Morgensterne. — Auf der Heeresstraße stockten die Fuhrwerke. Kriegsknechte zogen zu einzeln oder in Haufen. Das waren zumeist verwahrloste Kerle, voll Lumpen von außen, voll Hunger von innen. Die Leute schlugen ihnen die Türe vor der Nase zu. War das ein Kriegsheer! sollte gegen die Türken ziehen, und war mittet - und mutlos.

Unter alten Bäumen oder in tiefen Felsschluchten gruben zur Nachtszeit die Leute ihr klein erspart Scherflein oder ihre Hausgerätschaften ein. Nur die Keule und Eisenhacke wurde nicht verscharrt, sondern geschürft am Schleifsteine.

Gebetet wurde viel. Zahllose Messen wurden gelesen zur Abwendung der drohenden Gefahr. Ablässe wurden erteilt. Aus Rom wurden Gebeine der heiligen Märtyrer geholt. An einem Waldhange des Mürztales wurde eine Kapelle aus Holz erbaut und in derselben eine wunderliche Reliquie verehrt. Da befand sich unter festem Gitter in einem wohlverkorkten Fläschchen der  -  Atem  - des heiligen Josef, ein ganzer Atemzug. - - Ob wahr und echt, danach frug damals kein Mensch. -

Luther allerdings hatte die Frage getan, allein der saß zu dieser Zeit auf der Wartburg.

Processionen wurden gehalten zu Kirchen und Kapellen, die unserer lieben Frau waren erbaut worden. Es herrschte damals noch der mittelalterliche Frauencultus, wenn auch nicht mehr in seiner poesievollen Lieblichkeit, so doch in seinem berückenden Prang und Prunk. Die Bienen waren fleißig im Lande, aber sie konnten schier nicht genug Wachs aufbringen  zu Kerzen,  die  an Frauenaltären verloderten.   Mit Gold und Seide schwer beladenen Bildnissen hielten die geängstigten Leute Umgang an sonnigen Tagen wie in finsteren Nächten, und Klag- und Bußgesänge schollen, und von der Kirchtürmen klang es wie Sturmgeläute. So haben sie sich gegen den Feind gerüstet.

Es vergiengen Wochen und Wochen. Die Straße war leer; es war wieder stiller. — Viele meinten, die Gefahr sei auf Fürbitte der Gottesmutter abgewendet worden. Ältere Leute aber sagten: „Helf uns Gott!“

Es war Erntemonat, aber es gab nicht viel zu ernten. Der Türk hatte noch nichts zertreten, aber das Säen war ausgeblieben in dieser Zeit der Wirrsal und der Angst. Es waren die Kirschen kaum reif im Tale der Mürz, und das Laubgeholz hatte schon rote Blätter. Das hält ein alter Chronist auch für ein bedeutsames Zeichen.

Über den Semmering und von den Waldungen des Alpsteiges her kamen Landstreicher, Zigeunergesindel und allerhand herrenloses Volk mit seltsamen Gebärden und fremden Lauten. Das ist der Kehricht des großen Besens  —  der Geißel Gottes.

Über die Pussten Ungarns fluten die wilden Scharen heran. Ein Gerücht fliegt durch das Tal: Vor Neustadt und Wien weht der Ross-schweif; auf dem Stefansthurme prangt der Halbmond.

Sultan Soliman II., genannt der Schrecken der Christenheit, war nach der blutigen Schlacht von Mohacs durch Gewalt und Verrat mit 120.000 Mann, 20.000 Kameelen, 800 Donauschiffen und 400 Stück schweren Geschützes bis nach Wien vorgedrungen und belagerte die Stadt. Rasender Schrecken im Lande. Leute auf hohen Bergen der nordöstlichen  Steiermark hören an stillen Abenden von Aufgang her das dumpfe Donnern der Geschütze. Einmal liegt die ganze Nacht hindurch ein mattroter Wolkenstreifen über den fernen Ebenen von Neustadt.

In den Dörfern und Flecken des Mürztales flutet neu das Leben auf. Kinder und Kranke werden davongeschafft, Herden werden aus den Ställen gehetzt, als stünden die Gebäude in Flammen. Und wahrhaftig, viele wollten den Brand schleudern in ihr eigenes Haus. Ein Bauer in Mitterdorf hat sein großes Gehöft niedergebrannt, um den Türken nichts übrig zu lassen. Ein Kaplan von Hohenwang sprengt auf feurigem Rappen durch das Tal und ruft zum Landsturm auf. Zu den Waffen alles, was stehen und ringen kann. Er selbst trägt eine breite, blinkende Axt über der Achsel. Mancher kniet vor einem Waldkreuze. „Freund!“ ruft ihm der brave Mann zu, „jetzt ist keine Zeit zum Knien. Brecht die Kreuzpfähle vom Weg und drescht damit die Türkenschädel nieder!“

Ein fliegender Befehl ruft jeden zehnten und fast gleichzeitig jeden fünften Mann zur Wehr. Der Clerus erschließt nun Kirchen und Klöster: Nehmt den vierten Teil! nehmt alles, was ihr findet, nur rettet! — Nie starren die entschmückten kahlen Bilder von den Altären so schrecklich nieder! Wie funkeln noch die goldenen Leuchter und Gefäße und Monstranzen! — aber Waffen! Waffen; — mit Gold und Silber streitet man jetzt nimmer.

In solcher Wirrnis lodern in einer sternlosen Septembernacht auf den Bergeshöhen die Lärmfeuer. Der Feind ist ins Land gebrochen. Auf den Zacken der Kamp; auf der Spitze des Königskogels; auf dem Gölk, auf dem Wartberg, auf dem Rennfeld steigen die Feuersäulen auf, weithin die Not verkündend. — Aber der blutige Schein, der breit und hoch im Gewölbe des Himmels leckt, rührt von keinem Zeichenfeuer mehr.    Der Türk ist andere Nachtlichter gewohnt.

Im Tale der Mürz stehen die Dörfer leer. Wer sich nicht zum letzten Widerstande gerüstet und gerottet, der ist auf der Flucht in die Wälder und Einöden. Mancher wirft vor seiner Flucht noch Kalk, Stroh und Tannenzapfen in den Fluss, um durch diese Zeichen die unteren Gegenden auf die Gefahr aufmerksam zu machen.

In den Wäldern der Stanz, der Veitsch, in den Schluchten der Freßnitz und des Trabaches sind wunderliche Lager aufgeschlagen. Da weinen Weiber, ächzen Kinder, beten und fluchen Männer. Sie starren hinab in das nächtige Tal. Ein einzig Lichtlein flimmert noch im kleinen Dorfe.  Es ist die rote Lampe, das ewige Licht in der Kirche.

Es wird Morgen. Ein schöner, taufunkelnder Morgen. Die Vöglein jauchzen auf den Wipfeln; aber die Leute deuten den Frohgesang für Klage- und Hilfgeschrei. Darum geht heute die Sage, die Schwalben hätten laut geweint an demselbigen Tag und  seien davongezogen,   und da hätten die Leute gesagt: „Jetzt ist's vorbei mit dem Leben, jetzt sind auch die Vöglein davon, die uns Glück bedeuten.”

Die Flüchtlinge biegen das Geäste des Waldes auseinander, blicken hinaus in das Tal. Sie erschrecken nimmer davor, was sie sehen; sie sind darauf gefasst gewesen.

Die Straße ist nicht mehr weiß und grau, sie ist braun, rot, blau — wogt lebendig in allen Farben, Ein seltsames Klingeln und Schrillen und Pfeifen klingt herauf, und zuweilen ein scharfer Schrei, wie ihn so gellend und durchdringend keines Älplers Kehle vermag auszustoßen. Um das Dorf schwärmt es, wie eine aufgestöberte Ameisenbrut, und aus allen Schornsteinen steigt Rauch auf — wüste Fremdlinge schwirren um den häuslichen Herd. Von Stunde zu Stunde wächst das kleine Dorf, bunte Zelte steigen wie Schwämme aus der Erde hervor, und auf denselben flattert der Roßschweif,  funkelt der Halbmond.

Im Thale der Mürz herrscht der Türke.

Nimmer zu beschreiben sind die gräulichen Scharen, die außer dem Bereiche des vor Wien aufgeschlagenen Hauptlagers, nun ihre eigenen Herren, im Gebirge zuchtlos wirrten, tierisch wüten. Da sind die Mongolen mit den gelben Gesichtern und den großen Backenknochen; da sind die Tataren mit den wollustglotzenden Augen, grauenvolle Gestalten, als wären sie, wie ihr Name zeigt, dem finsteren Tartaros entstiegen. Da sind die bärhaarigen Jakuten; die halbnackten Baschkiren, verschiedene Sprachen grunzend und schnaufend, sich gegenseitig selbst kaum verstehend. Da sind noch die weißmänteligen Janitscharen, die einst Christenkinder gewesen, in den Händen der Türken aber zum Kriegsraubhandwerk erzogen wurden. Sie sind so wild wie die anderen.

Welch ein Geheul, welch ein Blasen und Trommeln und Scheibenschrillen, welch ein seltsames Tanzen und Springen dazu. Herren im Lande sein! Ei, das wissen gar die wiehernden Rosse, die blökenden Kameele. Und der eine sticht im Übermut mit dem langen Speer des Kameraden blutroten Turban vom Haupte, oder es gibt eine Brust zu durchbohren, oder mit dem Krummsäbel ein Haupt abzuschlagen unter den Kindern des Landes.

Reiter sprengen in Kreuz und Quer, sprengen gegen vereinzelte Gehöfte, sprengen gegen die Schluchten von Hohenwang hinan. Finster und trotzig steht die Burg dort auf dem Berge. Keine Fenstertafel glitzert, kein Fähnlein wallt; still und leblos ragt die Feste. Ein Häuflein Rotmäntel klettert den Berg hinan, klettert katzenhaft behendig den altersgrauen Wall empor, da bricht plötzlich das Wetter los. Steine hageln, qualmende Ströme von Pech regnet es nieder, dumpf und derb donnern die Flüche der wackeren Ritter und Knappen. — Die Anstürmer purzeln,  kollern  in  den Burggraben,   oder  fliehen   knirschend  den  Berg herab. — Oh, der alten Burg bleibt es nicht geschenkt. Mit den braunen, blutkrustigen Fäusten drohen sie, die schneeweißen Zähne fletschen sie der Veste empor: Dir wird nimmer der Mond voll!

Und in einer der folgenden Nächte loderte die Burg Hohenwang in Flammen; das ganze weite Tal lag im roten Scheine.

Wir dürfen, geehrte Leser, den Blick nicht wenden, wir müssen des Weiteren vernehmen, was uns die Sage erzählt aus diesen Tagen der Schrecken. Es sind böse Geschichten! — Sengen und Brennen, das tut jeder Feind, wenn es in seine Feldzugspläne passt; aber Ohren abschneiden, Finger und Zehen abzwicken, Augen ausstechen, schinden bei lebendigem Leibe, das hat der Barbar aus dem Morgenlande getan. Noch heute soll an der Freßen eine halbverfallene Buche stehen, an welche sie einen Hirten bei den Füßen gehangen hätten, um auf den zappelnden Körper, dessen Herz als Zielpunkt sie mit einer wilden Rose bezeichnet, scheibenzuschießen. — Einer Bäuerin aus dem Waldviertel Alpl haben sie bei lebendigem Leibe die Arme und Brüste vom Leibe getrennt. Ihre Nachbarin, die sehr schöne lange Haare besessen, haben sie bei diesen Haaren an den Schweif eines Pferdes geknüpft und über Stock und Stein geschleppt. — Ein Bauer in St. Lorenzen hatte sich auf eine Esche geflüchtet; da hatten die Barbaren den Stamm der Esche mit Stroh umwunden und ihn angezündet, bis der Bauer erstickt auf den Boden gepurzelt. - Einer Bäuerin bei Wartberg, die einen Türken vergiftet, haben sie ein Auge ausgestochen; als sie ihr nun auch das zweite vernichten wollten, schreit ein Janitschar, man solle es ihr noch eine Viertelstunde lassen, sie müsse noch ein Spiel mit ansehen. Darauf hätten sie mit dem Säugling der Bäuerin eine Weile Ballen geworfen, bis ihn einer mit der Spitze seiner Lanze auffieng.

Im Munde des Volkes leben ähnliche Beispiele in großer Zahl; ich habe mit Widerstreben diese wenigen angedeutet, um das Bild auch in der Richtung zu skizzieren.

Drüben im Kirchlein am Hauenstein wird bekanntlich die heilige Katharina verehrt. Sie steht auf dem Altare und hat ein langes Schwert bei sich. Sie ist eine Patronin gegen Feindesgefahr. So hatten sich in jenen Tagen aus dem Tale der Mürz sehr viele in die Kirche am Hauenstein geflüchtet. Da ist's am Frauentage im September, da der Feind schon über den Alpsteig zieht und dem Schanzgraben naht, dass in der Hauensteiner Kirche ein Buß- und Bittgottesdienst gehalten wird. Alles blickt mit Inbrunst zu Sanct Katharina über dem Altare. Und siehe, da ist sie von ihrem Platze plötzlich verschwunden. Unter den Andächtigen herrscht Schreck und Verzweiflung: „Jetzt ist auch unsere Schützerin davon, jetzt müssen wir verderben!”  Aber, als hierauf der Priester den Leib des Herrn emporhebt zur Wandlung, da steht Sanct Katharina wieder auf ihrem Platze, strahlenden Antlitzes und mit blutigem Schwerte. — Die Heilige ist, so ergänzt die Sage, auf der „Schanz“ gewesen und hat ihr Hauenstein bewacht. Dem Feinde aber, ist es vorgekommen, als dehne sich plötzlich ein weites Meer vor ihm, und er ist wieder umgekehrt ins Tal der Mürz.

Uns lehrt diese Sage, dass das „Jackelland”, wenigstens der nordwestliche Teil desselben, von den Türken wahrscheinlich verschont geblieben ist.

Um so länger und gräßlicher haben Solimans Raubhorden freilich im Mürztale gewirtschaftet.

Die beherzteren Flüchtlinge wagten sich nach und nach aus ihren Verstecken wieder hervor. Sie meinten: „Ja, wenn ich flehe, dass ich wieder wohnen darf unter meinem Dache, meiner Kinder, meines kranken Weibes willen; wenn ich schwöre, dass ich ihnen nichts in den Weg lege, friedsam mit ihnen lebe, so werden sie Erbarmen haben. Es sind ja doch auch Menschen!”

Aber was für Menschen! Wären es lieber rasende Thiere gewesen, die ihre Opfer sofort in tausend Stücke zerrissen hätten! Aber die Barbaren legten den Armen eiserne Ringe an den Hals und schleppten sie von dannen.

Manches Häuflein wackerer, handfester Männer tat sich zusammen und fuhr mit Äxten und mit Morgensternen auf Leben und Tod in die fremden Scharren. Sie haben viele dieser Wüteriche der steirischen Erde hingeschleudert, aber die feindliche Übermacht war zu groß, und Tod oder Ärgeres als Tod, die Gefangenschaft ist ihr Los gewesen. Jeder den eisernen Ring um den Hals, in langen Ketten aneinandergeschmiedet, wurden sie davongeschleift, während die Heimstätten in Flammen loderten.

Zu weiterem Beleg teile ich zwei Urkunden aus der unteren Gegend des Landes mit:

Der erste vom Pfarrer Unrest lautet:
„Als man zahlt 1529ger Jar, chumen die Türken mit Gewalt und tetten an allen Enndt Schaden mit Pranndt, Mord und Verfurrung des Volkhes. Als man dasselb schatzt, das wol XXX tausend Menschen todten und verfürren.”

Der zweite Bericht ist ein Brief des Weikarts von Polheim an seinen Nater Erhart, dem ich Folgendes entnehme:
“Dem wolgeborunnen herrn
herrn Erharrtten  herrn   zw   Polhaym Kh.   Mjt.   Ratt.  etc. Liebenn herrn vund vatternn zu hanndenn.

Vermerkt die pranntler und Schaden, so durch die turgkenn am 18. tag Octobris beschehenn verprennt worden sein Im 29 Jar.”

Dem “Munssen Jeki” wurde Haus, Hof und Hausrath verbrannt, mit der ganzen Fechsung, der Weingarten verwüstet und “die turgken haben Im sein mutter kopfft”.

„Schalckh Cristl  stet sein hoff noch, aber  die turgken haben Im ain  Ross vnd micheln puebn wegkh gefuert vnd ain grosse diern, ist sein schwester gewesen.”
 
 „Paur hanns stet sein hoff noch, aber die turgken haben Im ain Rossvnd 4 kinder wegkh gefuert.“

„Schmidt Jegkl stet sein hoff, aber die turgken haben Im das maul von ainander gehagkt; ist nit todt.”

Dem “Michel  Haubtman” ward die ganze Wirtschaft niedergebrannt. Auch haben Im die turgken sein weib mit zwain Kinder vnd zwain Rossen wegkh gefuert.”

„Auch habenn die turgkenn In den kirchen an pildern meszgewant und andernn grossenn schaden than, dj thurn zerprochen vnd das hochwirdig sacrament auff dj erden geschut vnd ligen lassen.”

„Den hanns moerl haben die turghen wegkh mit sambt 1 puebn (geführt).”

„Dem Freisleben Joergen habens dj turgken sein Weib wegkh mit sambt 2 Kinder vnd ain grosse diern (weggeführt)

„Dem Frischauff ain alten dienner zu hoff haben dj turgken köpfft.”

„Sannd Johanns ist durch di turkenn verprennt worden.”

„Peter Macher ist kaumb den turgken entrunnen vnd sein weib von Inen erledigt aber ain knabl bey 9 Jahren habens In wegkhgefüert.”

Michel Kutting verlor ein Diernl, Jorg Tangkl sein Weib, einen Buben und eine Diern, „die seine kindl gewesen sein.”

„Gestetnerin ain Wittib ist hart von den turgken verwundt worden vnd jn ain sun wegkhgefuert, der Ir den hoff versehen hat.”

„Hanns Stein ist sein aidem vnd sein tochter wegkhgefuert worden vnd ain diernl, aber sein aiden ist in 14 tagen darnach herwider kumen.”

„Dem hanns Kneissl ist ain knab weggefuert ist sein Sun gewesen.”

„Pritz Steffel ist gar von den Turgken erschlagen worden.”

„Der Velberin ist Ir sun wegkhgefüert worden, der Ir Hauszwirtschaft aiszgericht hat.”

„Abel Hanns ist auch erschlagen worden.”

„Preisler Pauln ist ain kindt wegkhgefuert worden.”

„Pogner Andre ist sein weib wegkh gefuert worden ist grosz schwanger gewesen.”

„Der Gemaindl schusterin ist ain dienstdiernl wegkhgefuertn worden.”

„Dem Ekharter ist ain gross dienstdiernn weggefüert worden.”........

Und so weiter.
Und so weiter, eine erschreckende, endlose Liste des unseligen Jahres.

Aus dem Krieglacher Kirchensprengel allein über achthundert Personen in  die Sclaverei fortgeschleppt!   klagt unsere  alte Tafel in der Kirche.
Die noch übrigen flüchtigen Bewohner haben vergebens gewartet auf das kaiserliche Heer, das endlich siegreich sie erlösen sollte. Aber des Landes zerrissene Kriegsmacht musste ja ihre Burgen und Städte schützen; das arme Landvolk war sich selbst überlassen, um auf Not und Tod mit dem Ungeheuer zu ringen.
Heldentaten sind geschehen. Jeder Bauer erschlug der Türken drei, und sein Weib deren zwei! lautet eine Urkunde. Der eigentliche Heereszug war endlich auch zum Teile vernichtet, zum Teil mit den Gefangenen abgezogen. Aber der Aussatz blieb zurück, ein planlos umherstreifendes Raub- und Mordgesindel, zahllos, wie die Kohlraupen jenes Herbstes, unvertilgbar und grauenhafter noch wirtschaftend, als die privilegierten Henkersknechte des fürchterlichen Soliman.

Gegen Ende September gab es an den Ufern der Mürz nur mehr Brandstätten und Leichenhügel. Und in demselben Jahre sind die Forellen verdorben in der Mürz. Die Leute sagen, das Wasser sei zu trüb und zu blutig gewesen.

Und schließlich noch ein weniger historisches, als vielmehr phantastisches Bild aus dem alten Krieglach der Türkenzeit. Seit der Einweihung des neuen Gotteshauses waren nur wenige Jahre verflossen, als dasselbe bestimmt wurde, eine Zwingburg der Christen zu sein. Es sollen nämlich die Barbaren einer Sage nach ihre Gefangenen in der Pfarrkirche verwahrt haben. Die Türkenrotten hatten zur Rache gegen Hinterlist und Widerstand, so sie erfahren, beschlossen, vor ihrem Abzuge noch eine ihrer würdigen Tat zu verüben. So hatten sie die Kirche vollgepfropft mit Menschen, um diese dem Flammentode zu weihen.

Da lässt sich denken, welch rasender Wahnsinn, welche Verzweiflung in diesen gottgeweihten Mauern geherrscht haben mag. War hier nicht die Gemeinde, wie das Geschlecht der Vorfahren gelegen auf den Knien und hatte gebetet: „Herr, erlöse uns von dem Übel!” — Und das Übel war doch gekommen, und die Kirche ist ein Gefängnis geworden, bewacht von barbarischen Heiden. — Noch einmal umarmt sich hier Mann und Weib, Mutter und Kind — morgen, vielleicht in einer Stunde schon werden sie auseinandergerissen, diese zum Feuer, zum Schwerte; jene zur Sclaverei. — Ein fieberndes Wogen und Stöhnen ist in der eingeschlossenen Menge — aber kein Klagen und Weinen mehr. — Wer hätte noch Tränen in so späten Tagen!

Mancher lehnt in dumpfer Ergebung am Altartisch und starrt zu den hohen vergitterten Fenstern. Er starrt empor zum heiligen Jakob, der selbst ist auf seinem Bilde umgeben von Henkersknechten.

Dort an der Mauer kauert ein Mädchen, wimmernd vor Kälte und Scham. Mutternackt! Nicht um Befreiung, um einen einzigen Lappen zur Bekleidung nur fleht sie.

Einer ist unter den Gefangenen, den hat der Jammer wahnsinnig gemacht. Vor das Tabernakel kniet er hin und ruft: „Gloria in excelsis Deo!” In den Beichtstuhl kriecht er und flüstert: „Keinen sprech' ich los von Sündennoth, so lang er noch Atem hat. Das Leben ist Sund'; die Buß' ist der Tod!” - Auf die Kanzel steigt er und schreit- „Brüder, morgen geht's ins heilige Land! Auf zum Kreuzzug! verbrennt die Ketzer, schlachtet die Heidenhunde, erobert das heilige Grab! — Du bist schuld an allem Jammer!“  knirscht er, und schleudert ein Crucifix nieder in die Menge. — „Ite, missa est!” singt er dann wieder, und johlend setzt er hiezu:  „jetzt könnt' ihr nach Hause gehen! Ei, was das für eine fromme Gemeinde ist, bleibt den ganzen Tag beim lieben Herrgott in der Kirche!” — — — Bald aber verstummt der Wahnsinn. Auf dem Chore tönt plötzlich die Orgel, Trost und Mut erweckend, und die gefangene Versammlung stimmt an das uralte deutsche Kriegslied:

Verlass uns nicht, wenn Unkaft uns befallen.
Wenn unser Muth erfleucht, sei Stab uns allen:
O gib uns nicht dem bitteren Tod zum Raube,
Barmherziger Gott, du unser Hort und Glaube!
Heiliger Gott, heiliger starker Gott.
Erbarme dich unser! —

Nun erwarten sie mit Ruhe und Fassung, was da kommen mag. Und siehe!
Da soll plötzlich und noch zu rechter Zeit ein Haufe halbwilder Waldmenschen aus den Wäldern des Teufelsstein herabgekommen sein und die Überreste des Türkenheeres vernichtet haben.

Im unteren Tale, in der Gegend von Allerheiligen und Mürzhofen, weist der Volksglaube heute noch die rote Erde, auf welcher der letzte Rest des Barbarenheeres erschlagen worden war.

So habe ich mich denn bestrebt, auf Grund der Geschichte und Sage ein möglichst treues Bild der Türenzeit zu entwerfen. Dem Dargestellten nach dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir heute, nach mehr als drei Jahrhunderten, in unserem Vaterlande vielfach noch den Spuren jener unheilvollen Tage begegnen. Abgesehen von den zahlreichen Ruinen, finden wir in sehr vielen Gegenden Benennungen wie: „Türkenbühel”, „Türkengraben”, „Türkengrube”, „Türkenberg“,  „Heidenkogel” u.s.w. hindeutend auf Schlachten, Metzeleien und Lagerstätten, die darauf vorgekommen sein mögen. Und wir wundern uns nicht mehr, dass die Traditionen aus jener Zeit heute noch so tief im Gemüte der Menschen wurzeln. Heute, da doch längst wieder der Friede wacht und der Segen waltet in unseren lieben heimatlichen Auen.

Auf den Brand- und Mordstätten sind ja wieder Häuser und Dörfer entstanden, und ein neukräftiges, lebensfreudiges Volk.

Von den zahllosen Opfern, die der Feind einst davongeführt, ist kaum eines wiedergekehrt. Und wenn ihr, geehrte Leser, fraget, welches Los ihrer im Lande der Barbaren geharrt: Die Männer und Knaben sind für den Kriegsdienst abgerichtet und den Janitscharen zugeteilt; die Weiber und Mädchen sind von einem Sclavenmarkt auf den anderen, von einem Tyranen zum anderen, von einem Elend ins andere geschleppt worden, bis sie — Gott weiß es! — der freundliche Tod erlöst hat.

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