Fahrende Ritter.

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Das Mittelalter war die goldene Zeit der Abenteurerromantik. Jahrhundertelang befand sich die ge­samte okzidentale Welt in einer beständigen Unruhe. Die heimatliche Scholle hatte noch keine Gewalt über ihre Bewohner; der Reiz, den die Seßhaftigkeit bietet, war noch nicht bekannt. In den Gemütern lebte eine Sehnsucht nach unbekannten verlockenden Fernen, die zu Wanderschaft und Tatendrang herausforderte. Ihr ver­mochte niemand zu widerstehen, vom Fürsten bis zum letzten Vasall.

Während die Klöster als friedliche Inseln beschaulicher Einkehr und unermüdlichen Mönchsfleißes überall sich erhoben, waren sie rings fast beständig von Kämpfen umtobt. In die stille Zelle des Klosterbruders dröhnte, sobald der Frühling sich eingestellt hatte, fortwährender Waffenlärm sich befehdender Nachbarn. Bald ging es um irgendeinen Waldstreifen, den ein leidenschaftlicher Nimrod als Jagdgebiet beanspruchte, bald um einen Bauernhof oder das Hab und Gut eines reisenden Kaufmanns, der einem raubgierigen Ritter in die Hände ge­fallen war, bald um einen Knecht, den man dem anderen abspenstig gemacht hatte, bald auch nur um eine be­leidigende Äußerung. An einer Ursache zum Streite fehlte es nie, ebensowenig an der Lust zum Kampfe. Der Streit bildete den Grundton des Lebens. Ohne ihn schien das Dasein unerträglich.

Wie sang doch Bertran de Born?
„Friede tut mir leid,
Ich bin für den Streit;
Sonst kein Glaubenssatz
Findet bei mir Platz.”
Ja, wenn er sich in seinen Gedichten an der Frühlingssehnsucht berauschte, so dachte er dabei etwa nicht an das sprießende Grün der verjüngten Erde, sondern an den Kampf, der auf den blumigen Auen sich abspielen werde. Und doch sollte aus der Masse dieser rauflustigen und beutegierigen Herren, die sich untereinander unaus­gesetzt befehdeten und von denen jeder einzelne einen Abenteurer in sich verkörperte, eine Gesellschaftsordnung hervorgehen, die in vielen Dingen des Taktes, der Um­gangsformen und des internationalen Brauchs Gesetze schuf, die bis heute noch vorbildliche Geltung haben — das Rittertum. Unter einem Ritter verstand man freilich anfangs meist einen landlosen Edelmann, der sich das Kriegshandwerk zum Lebensberuf erwählt hatte und der im Dienste eines hohen Herren bald hier, bald dort Waffentaten verrichtete. Später entwickelte er sich jedoch zu einem bestimmten vorherrschenden Typus und damit gleichzeitig zum Träger adligen Standesbewußtseins.

Ehe jene Höhe mittelalterlicher Kultur, die sich im Rittertum während seiner reifsten Blüte verkörperte, er­reicht wurde, mußte erst der romantische Sehnsuchtsdrang nach der dämmrigen Ferne in dem Kreuzzugsgedanken seinen stärksten Ausdruck gefunden haben. Es ist falsch, wenn man diese gewaltige Bewegung, die fast zwei Jahrhunderte ganz Europa in Atem hielt, lediglich als eine religiöse betrachtet. Die Kirche gab zwar den Anstoß, aber sehr bald traten die religiösen Beweggründe hinter rein weltlichen zurück. Gewiß befanden sich unter den Scharen der Kreuzfahrer auch solche, die hinauszogen, um Gott zu dienen oder um des Erlösers willen zu leiden; weitaus größer jedoch war die Zahl derer, welche die beschwerliche Reise teils zum Zeitvertreib, teils aus Ehrgeiz unternahmen, sei es um die Welt zu sehen, sei es um der Geliebten einen Gefallen zu erweisen, sei es um der eigenen Armseligkeit daheim zu entgehen. Andere wiederum lockten die Gefahren, die Verhältnisse zu schönen Frauen und die märchenhaften Schätze des Mor­genlandes, von denen die Heimgekehrten Wunderdinge erzählten.

Schon lange vor den Kreuzzügen hatte der Orient eine magnetische Anziehungskraft auf das Abendland ausgeübt. Allerlei bedenkliche Elemente und Verbrecher, die in der bürgerlichen Gesellschaft keine Heimstätte mehr besaßen, hatten sich dorthin gewandt, um sich neue Existenzen zu gründen. Als gewinnsüchtige Herbergsväter und betrügerische Händler waren sie das Unheil aller frommen Pilger, die nach Palästina wanderten. Uner­müdlich strömten deren Scharen jahraus, jahrein über den Bosporus dem heiligen Lande zu. Tausende von ihnen starben unterwegs an Seuchen, tausende gerieten in Gefangenschaft von Straßenräubern und Sarazenen, und nur wenige fanden den Weg nach der Heimat zu­rück. Aber alle Berichte von erlittener Mühsal vermochten nicht die Lust zur Wanderschaft zu ersticken, und im nächsten Jahre machten sich wieder neue Pilgerzüge auf die Reise. Auch den Kaufmann trieb ein berechtigtes Verlangen in jene Gegenden, kamen doch von dort alle Kostbarkeiten und Schätze, nach denen die Damen des Abendlandes begehrliche Blicke richteten. Seide aus Tyrus, Atlas aus Alexandrien, Damast aus Damaskus, „Baldachin” aus Bagdad, Musselin aus Mosul am Tigris, herrliche Edelsteine und schwere Goldketten, seidene Polster, buntgemusterte Teppiche aus Smyrna, Truhen und Sessel aus Ebenholz mit Elfenbein und Perlmuttereinlagen, Services aus getriebenem Edelmetall, kurzum alle Arten von Utensilien des Luxus. Dazu entwarfen die Händler Schilderungen von der Pracht und Üppigkeit des südlichen Lebens, daß sich bei den nordischen Völkern die Vorstellung festsetzte, jenes gelobte Land könnte wohl nur das Paradies selbst sein. Und was der Kaufmann verschwieg, das ergänzte des fahrenden Sängers üppige Phantasie. Die Spielleute oder fahrenden Sänger gehörten zum Troß des südwärts ziehenden Kreuzfahrers. Ihre Sangesfreudigkeit half über die Mühsal der langen beschwerlichen Reise hinweg. Im Lager nach beendeter Schlacht oder beim Trinkgelage mußten sie die Harfen ertönen lassen und zum Ruhme der Helden oder zum Preise der Minne ihre Stimme erheben. Sie waren Augenzeugen der Kämpfe zwischen Christen und Sarazenen, sie wußten Bescheid über jede kühne, entschlossene Tat, sie kannten auch die Liebeserfahrungen der Ritter und die Geschichte mancher Entführung, eine unerschöpfliche Fülle von Begebenheiten häufte sich in ihrem Gedächtnis an, die ihnen den Stoff zu ihren Liedern gab, wenn sie später in der Heimat, von Burg zu Burg wandernd, Proben ihrer Kunst ablegten.

Wer hörte den fahrenden Sänger nicht gern? Auf den stillen Rittersitzen war er stets ein willkommener Gast: denn er brachte Kunde von Frau Welt in die Einsamkeit. Er war gewissermaßen die Zeitung, die über alle Tagesneuigkeiten berichtete. Und trat er abends in rotseidenem Gewand, die Harfe im Arm, in den großen Saal, dann strömten sämtliche Bewohner der Burg zu­sammen, um seinen Worten zu lauschen. Und je lieblicher er sang, je mehr der Inhalt seiner Verse die Zuhörer fesselte, desto köstlicherer Lohn winkte ihm. Er erzählte von dem König Rother, der auszieht, um die schöne Kaisertochter von Byzanz zu werben und der von seinen im Kerker schmachtenden Getreuen erkannt wird, als er, hinter einem Wandteppich verborgen, eine alte Weise spielt; er erzählt von Herzog Ernsts gefahrvoller Reise nach dem heiligen Lande und von der Brautfahrt des jungen Königs Orendel, der außer der jungen Königin Bride von Jerusalem den heiligen Rock Christi gewinnt; und in alle seine Erzählungen flicht er die wundersamsten Geschehnisse und Abenteuer ein. Da wimmelt es von kühnen Waffentaten, Entführungen zarter Jung­frauen, Kämpfen mit Drachen und Riesen und allerlei Zauberspuk. Merkwürdige Menschen und Tiere tauchen auf: Zyklopen, Anthropophagen, Männer, die nur einen Fuß haben, mit dem sie sich wie mit einem Schirm gegen die Sonnenstrahlen schützen, Leute mit Kranichköpfen und -hälsen, Waldnymphen, deren Gesänge Sorgen und Kümmernisse verscheuchen, langohrige Geschöpfe, deren Ohren bis auf die Erde hängen, Fabelungeheuer mit unzähligen Köpfen, Füßen und Schwänzen. Auch sonst noch seltsame märchenhafte Dinge zaubert seine Dichterphantasie hervor: lebende Inseln, wahrsagende Bäume, Quellen, die tote Fische lebendig machen, Jungbrunnen, in denen man beim Baden die Jugend wiedererhält, Bäume, von deren würzigem Duft die Menschen leben. Mit den stärksten Übertreibungen und unglaublichsten Erfindungen schmückt er seine Erzählung aus. Ihn kümmern weder Wirklichkeit noch Wahrscheinlichkeit. Er will nur spannende Unterhaltung bieten.

Dazwischen schmückt er sie mit derben Späßen, die den Frauen das Blut in die Wangen treiben, und er versäumt auch nicht, des Spielmanns Anteil an Verschlagenheit und Klugheit bei all diesen Kreuz- und Querfahrten lebhaft zu schil­dern und den Lohn, den er allerwärts findet, gebührend hervorzuheben. Es soll ein Wink für die Zuhörer sein. O er kennt sein Publikum gut! Ist er mit seiner Erzäh­lung zu Ende und hat er seine Sache zur Zufriedenheit erledigt, wird mit Beifall nicht gekargt. Mancher Ritter löst sein Gewand von den Schultern und wirft es ihm zu und manche Dame überreicht ihm ein wertvolles Geschenk.

Was macht diese Spielmannsdichtung so beliebt in Ritterkreisen? Es ist nichts anderes als der abenteuerliche Geist, der sie erfüllt. Alle Epen des Mittelalters sind von ihm durchtränkt, in allen von ihnen spiegelt sich die Pracht des Morgenlandes, drückt sich die Freude am Unerhörten und Gewagten aus, verbrämt die Phantasie die nackte Tatsache mit märchenhaftem Beiwerk, irrt der Held ohne innere Notwendigkeit durch die Welt, Gefahren um des Ruhmes und der Frauen willen be­stehend, verläuft das Leben, selten von einem tieferen Sinn getragen, meist als ein Spiel mit verwegenen Einfällen und Launen. Von den Kreuzzügen und ihrer Abenteuerlust erhalten diese Dichtungen allesamt ihre Nahrung. Sogar jene Stoffe, die man aus dem Alter­tum übernimmt, werden ganz auf das Abenteuerliche zugeschnitten. Vergils „Aneide”, einer der beliebtesten Romane des Rittertums, hat in der mittelalterlichen Fassung nichts mehr von dem starken heroischen Pathos und tiefen nationalen Geist, die dem Original eigen sind. Heinrich von Veldeckes Umdichtung, die sich wiederum an die französische „Aeneis” anlehnt, ist nichts als der mit bunten Reiseerlebnissen, Schlachtenbildern, Zwei­kämpfen, Tjosten und allem Drum und Dran mittel­alterlichen höfischen Prunkes ausgestattete Roman eines Flüchtlings, der nach mancherlei Irrfahrten an dem Hof einer gastfreien Königin Zuflucht findet, ein kurzes Liebesglück mit ihr genießt, sie treulos verläßt, dann in Latium landet und sich ein Reich und eine Königstochter erkämpft. Die gleiche Verunstaltung eines antiken Hel­den begegnet uns in den Alexanderdichtungen. Der große Mazedonierkönig, der den kühnen Heereszug nach dem Fabellande des Orients unternahm, war recht eine Ge­stalt nach dem Geschmack des ritterlichen Zeitalters.

Der Alexanderzug versinnbildlicht gewissermaßen die Sehnsucht jener Hunderttausende, die ihr Ziel im Morgenlande suchten. Aber wenn ihnen auch Alexander als das Muster ritterlicher „Largesse” erschien, so sahen sie in ihm doch mehr den genialen Abenteurer als den gewaltigen Vollstrecker einer Weltmission — der Verschmelzung von Orient und Okzident. Der Jungbrunnen des Fabellandes Indien, aus dem — in symbolischer Übertragung auf Alexanders Absichten — eine Verjüngung Europas hervorgehen sollte, blieb für die Kreuzfahrer und alle nach der geheimnisvollen lockenden Ferne hinausstrebenden Geister nur ein romantischer Begriff, der die Krönung eines ritterlichen Abenteurerdaseins verkörperte.

Zwei besonders das Rittertum kennzeichnende Eigenschaften wurden durch die Kreuzzüge begünstigt und aus­gebildet: Abenteuerlust und Minne. Wie die erstere allmählich auf Grund eigener Erfahrungen und fremder Erzählungen und nicht zuletzt durch die Literatur — abenteuerliche Reisen nach dem Morgenlande gehörten zu den notwendigsten Bestandteilen eines jeden Heldengedichtes — in das Gemüt des Ritters Eingang findet und schließ­lich seine Anschauung ganz beherrscht, ist bereits an­gedeutet worden. Ebenso entscheidenden Einfluß übte auf ihn die Minne aus; denn sie verlieh ihm erst seine eigen­tümliche Wesensart, sie bildete ihn, begeisterte ihn zu un­erhörten Taten, stellte ihm die schwierigsten Aufgaben, erfüllte sein Leben mit Lust und Leid, gab ihm Inhalt und Farbe. Sie wurde die Triebkraft aller seiner Handlungen. Von Frankreich, wo sich unter den Provenzalen das Verhältnis des Ritters zur Dame am frühesten in jene unterwürfige Form des Kavaliertums verwandelte, die wir als Minnedienst zu bezeichnen pflegen, griff die neue Mode auf dem Umweg über den Orient auch nach dem übrigen Europa über. Im Morgenlande lernten die deutschen Ritter ihre provenzalischen Standesgenossen mit ihren Troubadours kennen, hörten sie von ihnen eine Fülle von galanten Liebesabenteuern und erfuhren sie zu­gleich die Kunst, wie man durch Rittertat und Liebeslied die Zuneigung seiner Angebeteten gewinnen könne. Es lag etwas ungemein Verlockendes in dieser Form des Frauendienstes: er stachelte den Ehrgeiz des Einzelnen an, er steigerte die Abenteuerlust, er gab dem unsteten Hin- und Herirren Sinn und Zweck, und er verhieß dem vagierenden Ritter vor allem köstlichen Lohn. Wer konnte wohl leichten Herzens diesem Anreiz widerstehen? Und so kehrte mancher Kreuzfahrer, der die jungfräuliche Gottesmutter zu seinem Leitstern erwählt hatte, mit ganz anderer Gesinnung aus der Fremde heim und diente fort­an nicht mehr der himmlischen, sondern der irdischen Liebe.

Aus diesem bedingungslos ergebenen Sklaven der Minne entwickelte sich nun häufig der Typus des fahrenden Ritters, den man als den eigentlichen Abenteurer des Mittelalters bezeichnen kann. Nichts wurde dem Ritter so übel verdacht, als ein untätiges Leben zu führen, froh der errungenen Erfolge der Ruhe zu pflegen oder — wie der Fachausdruck damals lautete — „sich zu verliegen”. Welcher Spott und welche Demütigungen werden auf das Haupt der jungen Enite gehäuft, weil sie die Ursache davon ist, daß ihr Gatte Erec von dem Glück der Flitterwochen sich ganz in sein häusliches Leben einspinnen läßt und durch Tatenlosigkeit seinen glänzenden Namen in Verruf bringt! „Verliegen ist der Ehre Tod, Ehre fordert Leibes Not.” Von dieser Devise darf ein wahrer Held niemals lassen. So schreibt es der Ritterspiegel vor.

Die Idealgestalten des fahrenden Ritters sind die Ritter von der Tafelrunde des guten Königs Artus, der selbst als die Verkörperung weltlicher Ritterlichkeit als ein zweiter Alexander dem Mittelalter gilt. Sie hießen Gawân, Iwein, Erec, Lanzelot und Perceval. Diese Herren haben ständig Abenteuer im Sinn und wenn einer von ihnen, wie z.B. Erec, „sich verliegt”, dann holt er, nachdem er aus seiner Lethargie erwacht ist, doppelt und dreifach das Versäumte nach und übertrifft die übrigen an Schwierigkeiten und Zahl seiner Leistungen. Wer bei der Tafelrunde mehr Erlebnisse und interessantere Einzelheiten zu berichten hat, der genießt den Vorzug vor den anderen. Ruhmsucht und Renommisterei bleiben also letzten Endes die Triebkräfte aller Helden­taten der Artusritter. An einer Gelegenheit sich auszu­zeichnen, fehlt es nie. Wenn sie einzeln oder zu mehreren hinausziehen in die „abenteuerlichen Wälder” mit ihren Fabeltieren, wilden Riesen und schönen Zauberinnen, bietet sich ihnen auf Schritt und Tritt eine „âventiure” dar. Hier beschwert sich ein Weib über einen Riesen, daß er ihr den Freund geraubt und ihr selbst Gewalt angetan habe, dort wünscht eine Dame den Wunderhirsch mit weißen Füßen zu sehen, der irgendwo im Waldesdickicht haust und von einem Löwen bewacht wird.
Frauenlaunen sind es zumeist, die den Rittern solche beschwerliche Wagnisse aufbürden. Denn mit dem Auftrag allein ist es nicht getan; unterwegs schafft der Zu­fall noch eine unendliche Reihe von Hindernissen, die es zu überwinden gilt; da hat man den rechten Pfad verloren und gerät in undurchdringliche, mit seltsamen Un­geheuern bevölkerte Wildnis; da führt einen ein günstiges Geschick gerade in dem Augenblick an eine Stelle, wo ein fremder Ritter eben eine reisende junge Dame überfallen, ihr Gefolge getötet hat und im Begriff steht, die Schöne fortzuschleppen; dies sehen und dem frechen Räuber nachsetzen, die holde Beute abjagen und in Sicherheit bringen, rückt alle anderen Pflichten in den Hintergrund; da kommt man in eine Herberge, wo ein sonderbarer Wirt seinen Gästen unausführbare Befehle erteilt, auf deren Nichtbefolgung die Todesstrafe steht; da wählt man absichtlich am Scheideweg den beschwerlicheren Pfad, weil dort hunderterlei unerwartete Gefahren auf einen lauern, oder man nimmt, wie Erec, eine schöne Frau als Lock­vogel für Raubritter und Riesen mit, um beständig durch neue Taten seinen Ruhm zu mehren.



Zumeist ist es auch nur ein gewöhnlicher Zweikampf, in dem das ganze Abenteuer besteht. Das Wort „âventiure” bedeutet ja in seinem ursprünglichen Sinne nichts anderes als Zweikampf. Als der Ritter Kologriant in Hartmanns „Iwein” einen wild und schrecklich aussehenden Mann antrifft, der eine Herde von seltsamen Tieren weidet, fordert er ihn zu einem Abenteuer heraus. „Abenteuer?” fragt der Hüne erstaunt, „was ist das?” Worauf Kologriant ihm folgenden Bescheid gibt:

„Nun siehe, wie ich gewaffnet bin.
Ich heiße ein Ritter und habe im Sinn —
deswegen ich auf die Suche reite —
zu finden jemand, der mit mir streite,
und der bewaffnet ist wie ich.
Gepriesen wird er, erschlägt er mich.
Sieg' ich dagegen über ihn,
so nennt man mich den Helden kühn.
Ich steig' im Werte meiner Würde.”

Ein solcher Zweikampf verlief dann gewöhnlich folgendermaßen: Ehe er begann, untersuchten die Gegner Riemen und Sattelzeug ihrer Pferde. Darauf schwangen sie sich in den Sattel, nahmen in einer gewissen Ent­fernung voneinander Aufstellung, brachten die Schilder in eine kunstgerechte und gleichzeitig zum Schutze dienende Lage, senkten die Lanzen und galoppierten aufeinander los. Die Lanzen splitterten, die Schilder dröhnten, die Rosse bäumten sich. Zerbrach ein Speer, so griff man nach einem anderen und das solange, bis der Vorrat erschöpft war. Nun wurde der Kampf mit dem Schwerte weiter­geführt, ja unter Umständen auch erst im Ringkampf entschieden. Dem Unterlegenen setzte der Sieger, nachdem er ihm den Helm abgerissen, den Dolch an die Kehle. Es lag nun an jenem, entweder sich für besiegt zu er­klären oder zu sterben.

Zweikampf und Turnier waren das Lebenselement der fahrenden Ritter. Mit ihnen bestritten sie ihren Unterhalt. Vielfach gehörten die „Fahrenden” ja dem land­losen Adel an, waren arm und darum gezwungen, als Soldkrieger für die Fürsten Dienste zu tun oder auf gewinnbringende Abenteuer auszugehen, wenn sie nicht, was häufig geschah, zu Straßenräubern herabsinken wollten. Traf Botschaft ein, daß die Sarazenen irgendetwas gegen die Christen im Schilde führten, meldeten sie sich gleich zur Stelle und durchirrten das heilige Land auf der Suche nach merkwürdigen Erlebnissen; führte ein Feudalherr Krieg, so eilten sie ebenfalls herbei, und bei jedem Strauß, den sie im Feindesland mit einem Reisigen ausfochten, glaubten sie zum mindesten Iwein oder Lanzelot zu sein. War weder Kreuzzug noch Fehde angesagt, dann zogen sie im Lande herum und spähten nach Gelegenheit, in irgendeinen Streitfall einzugreifen. Dabei ereignete es sich nicht selten, daß der fahrende Ritter zum Schiedsrichter wurde. Der zufällig erschei­nende Gast mußte den Urteilsspruch in einer strittigen Frage fällen, und man nahm seine Entscheidung für gültig. Auf diese Weise hat mancher verwickelte Rechts­streit zwischen kleineren Feudalgebietern seine Lösung gefunden.

Man kann unter den fahrenden Rittern verschiedene Arten unterscheiden. Die eine, am wenigsten erfreuliche und zur Satire am meisten herausfordernde Gattung, waren die unvermeidlichen Lanzenrenner. Sie betrachteten das Tjostieren und Turnieren als einen Sport und erschienen — etwa wie heutzutage die renommierten Jockeis bei den Pferderennen — überall dort, wo rauschende Festlichkeiten mit der Abhaltung von Turnieren verbunden waren. Sie spekulierten dabei auf Preise und Geschenke, die sie jedoch nach Empfang gleich wieder versetzen mußten, um ihre Gläubiger zu befriedigen. Einen solchen fahrenden Ritter haben wir uns in dem Schwaben Georg von Ebingen vorzustellen, der als ein tüchtiger, im Waffenhandwerk wohl geübter Fechter von 1452 bis 1458 Deutschland, Frankreich, England, Burgund, Spanien, Portugal und Palästina durchzog, allenthalben turnierte, wo er offene Schranken fand, und schließlich beladen mit Kleinodien und Geschenken von Königen und Fürsten auf seiner väterlichen Burg glücklich wieder landete.

Zu einer anderen Gruppe fahrender Ritter gehörten jene, die aufs gerade Wohl in der Welt herumstreiften und mit Vorliebe solche Punkte aufsuchten, wo sie bestimmt darauf rechnen konnten, einen Partner anzu­treffen. Sie wollten nur ihre Tapferkeit zeigen, Ehre und Ruhm erwerben. Auf den materiellen Verdienst kam es ihnen weniger an. Sie waren ausgesprochene Romantiker.

Als ein eigenartiger Vertreter dieser sonderbaren Käuze erscheint der Thüringer Waldmann von Sattelstädt. Dieser zog mit einer geschmückten Jungfrau, die auf einem Zelter saß und Sperber und Hund bei sich hatte, von Eisenach bis Merseburg und wieder zurück, und forderte jeden Ritter heraus, sich ihm unterwegs zum Zweikampf zu stellen. Wer ihm widerstehen würde, sollte die Jungfrau, den Zelter, den Sperber, den Hund und einen Harnisch zum Lohn empfangen. Im entgegengesetz­ten Falle verlangte er von dem Besiegten je ein gülden Ringlein für sich und die Dame. Obwohl mancher tapfere Ritter dieser Einladung Folge leistete, blieb Waldmann doch stets Sieger. Und als er wieder in Eisenach mit seiner Begleiterin anlangte, hatte er so viele goldene Ringe gewonnen, daß er alle Hofjungfrauen beschenken konnte.

Endlich gab es noch eine dritte Gruppe. Das waren jene fahrenden Ritter, die sich das Turnieren und Tjostieren zur Lebensaufgabe machten, aber nicht um des schnöden Mammons oder um des persönlichen Ehrgeizes willen, sondern um die Bewunderung und die Gunst der Geliebten zu erringen. Sie hatten es am schwersten, und durch ihr Dasein zog sich die bunteste Kette von Abenteuern; denn die Damen, denen sie ihren Dienst weihten, stellten hohe Ansprüche an die Ergebenheit ihrer Vasallen und schenkten ihre Neigung nur als Lohn für höchste Ausdauer und Pflichterfüllung. Manche schenkten sie auch nie und mißbrauchten die Vasallentreue ihres Kavaliers bis zum äußersten. Die grenzenlose Geduld und unermüdliche Dienstbeflissenheit, mit denen sich diese Märtyrer der Minne, trotz aller Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen und Werbungen, immer wieder in neue Gefahren und Abenteuer stürzen, wirken einesteils rührend, andernteils jedoch lächerlich. Es hat ihrer unter den französischen Troubadours und deutschen Minne­sängern eine ganze Anzahl gegeben.

Aber die tragiko­mischste Gestalt unter ihnen ist der steirische Ritter Ulrich von Lichtenstein.

In einem umständlich und breit ausgesponnenen Gedicht, unter dem Titel „Frauendienst”, hat Ulrich von Lichtenstein aus der Steiermark, im Jahre 1255 sein abenteuerliches Leben niedergelegt.   Es ist einer der ersten biographischen Romane, die wir besitzen. Nicht alles, was der landfahrende Minnesänger berichtet, mag sich so zugetragen haben, wie er es schildert. Aber es bleibt der Eindruck bestehen, daß die romantische Phantasie jener Zeit mit der nüchternen Darstellung der Wirk­lichkeit eine wunderliche Ehe eingegangen ist, in der letztere zweifellos die überwiegende Rolle spielt.

Lichtensteins Leben ist, man kann es getrost sagen, fast von der Wiege bis zum Grabe dem Ewig-Weiblichen ge­widmet. Als kleines Kind hörte er erzählen, daß niemand recht froh und glücklich werden könne, der nicht eine edle Frau lieber hätte, denn sich selbst, und dieser Weisheit letzter Satz prägt sich ihm ein und wird zum Leitstern seines Denkens und Handelns.

„So Leib wie Geist, dazu das Leben,
all dies will ich den Frauen geben
und dienen wie ich bestens kann.
Und wachse ich empor zum Mann,
so soll an ihrem Dienst mir liegen;
darin verderben oder siegen.”
Als Zwölfjähriger hält er Umschau nach den schönen, keuschen und reinen Frauen des Landes. Und siehe da, der Zufall will es, daß ihn sein Vater gerade zu jener Dame in den Dienst gibt, von der er schon so viel Rühmliches vernommen hat. Bei ihr soll er, wie es der Ritter­kodex vorschreibt, höfische Zucht und Sitte lernen. Er wird ihr Page. Mit abgöttisch, schwärmerischer Verehrung ist er ihr zugetan: er bricht Blumen und bringt sie lhr hin, er vergeht vor Wonne, wenn sie etwas
berührt, das er vorher in Händen hatte, er netzt die Lippen mit dem Wasser, das über ihre weißen Hände floß, ja, er trägt es heimlich fort — und trinkt es aus. Ulrichs Pagenzeit geht zu Ende. Er kommt auf die Burg Mödling, um sich die ritterlichen Künste zu eigen zu machen, und er kommt nach Wien, wo er den Ritterschlag erhält, aber seine Gedanken weilen ständig bei der angebeteten Frau. Nur einmal beim Turnier wird ihm ihr Anblick ver­gönnt. Durch seine Nichte erfährt er, daß sie sich nach ihm erkundigt habe. Darauf sendet er ihr sein erstes Lied:

„Weibes Güte niemand mag
voll Leben an ein Ende gar,
Mein Herze blüht an manchem Tag,
sie machet mich der Sorgen bar,
wenn ich sie seh' gekleidet stahn
und also schöne vor mir gahn
als wie ein Engel wohlgetan.”

Aber die hohe Frau will nichts von seinem Minnedienst wissen. Da geht er hin und läßt sich die Hasenscharte operieren, weil sie dieselbe an seinem Gesicht übel vermerkt hatte. Doch auch diese Tat fruchtet nichts. Er erreicht nur das Gegenteil damit, denn als er bei einem Tagesritt sie galant aus dem Sattel heben will, macht sie sich in Gegenwart des Gefolges lustig über ihn. Betrübt reitet er von dannen. Aber er kehrt noch einmal zurück und findet nun endlich den Mut zum Bekenntnis seiner Liebe. Da herrscht sie ihn an:

„Schweiget, ihr seid zu sehr noch Kind und für so hohe Dinge blind.”

In seiner Verzweiflung wendet sich Ulrich nach Friesach, um im Kampf Trost zu suchen. Er versticht an einem Tag im Turnier dreißig Speere, am nächsten Morgen wieder dreizehn. Damit nicht genug: verkleidet kämpft er weiter, wirft sich dann abermals in seine eigene Rüstung und erscheint noch siebenmal bis zur anbrechenden Nacht in den Schranken.

Von nun an führt Lichtenstein das Leben eines fahrenden Ritters. Bei jedem Lanzenbrechen ist er zu finden, und seine Speere treffen gut. Er reitet durch ganz Kärnten, er durchzieht Steiermark, Krain, Istrien, er kommt nach Triest, ja sogar nach Rom: überall bietet sich ihm Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu zeigen. Nicht immer erfreut er sich Fortunas Huld. Einmal in Bozen verliert er fast die Hand. Das andere Mal schlägt er sich selbst einen Finger ab. Aber das kümmert ihn wenig. Während er verwundet darniederliegt, dichtet er seine Strophen an die Geliebte. Fortwährend müssen Boten zu ihr eilen und ihr Grüße in Versen von ihm bringen. Bald ist’s ein Maienlied, bald eine Tanzweise, bald ein fremdländischer Leich. Und einmal sendet er ihr sogar ein Büchlein, ge­bunden in grünen Samt mit goldenen Beschlägen und darin zum Gedenkzeichen den abgelösten Finger. Man sollte meinen, jetzt würde sich die spröde Schöne erweichen lassen. Keineswegs. Sie behält wohl den Finger zum Andenken, ebenso wie sie die Gedichte zu sich nimmt, aber dem Dichter erteilt sie durch den Boten die Antwort:

„Sag ihm, dem einfält'gen Mann,
daß er mir diene nicht im Wahn,
der einem Könige wär' zu viel —
Nie war ein Mann so hoch geboren,
der nicht den Zorn heraufbeschworen,
hätt' so er sich an mich gewandt,
ich staune, daß den Mut er fand!”

Da alles nichts hilft, entschließt sich der Lichtensteiner zu etwas ganz Außergewöhnlichem, Unerhörtem, Noch nicht Dagewesenem. Als Frau Venus verkleidet will er von Venedig bis nach Böhmen reiten und zu Ehren seiner Erwählten kämpfen. Alle Ritter, die zu Lamparten (Lombardei) und Friaul, zu Kärnten und zu Steier, zu Öster­reich und zu Böhmen gesessen sind, werden durch einen offenen Brief aufgefordert, mit der Göttin der Minne Speere zu verstechen; welcher Ritter nun, wider sie kämpfend, einen Speer zerbricht, dem gibt sie zum Lohn ein güldnes Ringlein; das soll der glückliche Besitzer senden der Frau, die ihm die liebste ist, denn das Ring­lein hat Zaubermacht und zwingt zu minnen den, der es gesandt. Wer jedoch Frau Venus niedersticht „der soll an vier Enden in die Welt neigen, einem Weibe zu Ehren.”   Dreißig Tage wartet Ulrich, damit seine Bot­schaft überall bekannt würde. Am einunddreißigsten, dem Sankt Georgstage des Jahres 1227, bricht er auf zu seiner abenteuerlichen Reise.

In einem seltsamen Aufzug und mit einem ungeheuren Gefolge zieht er aus. Fünf Mann reiten an der Spitze, darunter Marschall und Koch, es folgen zwei Posaunenbläser mit einem Schwanenritter-Banner, dahinter Saumpferde und Rosse mit silberweißen Sätteln von Fußleuten und Knappen geführt, ein Flötenbläser, der einen feierlich - ernsten Marsch spielt, Knechte, die zusam­mengebundene Speere tragen; weißgekleidete Mägde zu Pferde und zwei Fiedler, die eine fröhliche Weise fiedeln. Den Beschluß des Zuges bildet Ulrich selbst. Er trägt ein weißes, eng anliegendes Damengewand und einen weißen Hut mit Perlen bestickt. Ein kostbarer goldener Gürtel umschließt die Hüften, und unter dem Hut kriechen ein paar große braune Zöpfe hervor, die dem Pferd bis auf den Rücken reichen.

Begreiflicherweise erregt Ulrich in seiner eigentümlichen Verkleidung überall, wohin er kommt, das größte Erstaunen. Besonders die Frauen sind außer Rand und Band. Sie strömen in Scharen herbei, begrüßen ihn mit den Worten: „Gotts Willkommen, Königin Venus,” halten ihm den Saum des Mantels, begehren, von ihm geküßt zu werden, schmücken sich und überbieten einander an Kostbarkeit der Kleidung, streuen Rosen ihm in den Weg, überschütten ihn mit Geschenken, stecken ihm heim­lich Briefe zu, die leidenschaftliche Liebesgeständnisse und schwärmerische Huldigungen enthalten.

Morgens beginnt Ulrich sein Tagewerk mit einem Gang in die Messe. Tagsüber klirren die Speere. Beständig treffen aus den verschiedensten Gegenden neue Ritter ein, um sich im Kampf mit der Göttin der Minne zu messen. Und abends setzt sich Frau Venus ans Fenster und schaut den Waffenspielen zu, die zu ihren Ehren veranstaltet werden. Und wenn sie weiter zieht, schließt sich ihr eine ganze Schar von Rittern zur Begleitung an. So nähert Ulrich sich dem Endziel seiner wunderbaren
Reise.  Bei Eisgrub im Mährenland findet der letzte Minnekampf statt.   Achtundzwanzig Tage währte die Venusfahrt, und in dieser Zeit hatte Ulrich dreihundertsieben Speere verstochen und zweihundertneunundsiebzig Ringe verteilt.

Kann jetzt ein Zweifel bestehen, daß nach so viel Mühsal und vollbrachten Taten die Frau, um derentwillen alles dies geschehen, sich noch abweisend verhält? Gibt nicht das Ringlein, das sie zehn Jahre lang am Finger trug und durch Botenhand als Zeichen ihrer Huld wäh­rend der Fahrt Ulrich überreichen hieß, dem glücklichen Empfänger Gewähr, daß seine Qual ein Ende hat? O bittre Enttäuschung! Der Bote, der Ulrich das erlösende Wort bringen soll, meldet ihm die niederschmetternde Kunde, seine Angebetete begehre das Ringlein zurück, sie hasse den Ritter, dem sie es gegeben, weil sie ver­nommen habe, daß er einer anderen diene. Da bricht der tapfere Lichtensteiner zusammen und weint wie ein Kind, und ein Blutstrom ergießt sich aus seiner Brust.

Zum Tode betrübt reitet Ulrich heim auf seine väterliche Burg. In diese traurige Einsamkeit fällt ein Sonnenstrahl. Der vielgehaßte und vielgeliebte Bote erscheint und lädt im Namen der Auserkorenen den verzweifelten Ritter zu einem Stelldichein. Die Stunde ist genau be­stimmt: am nächsten Sonntag früh vor Essenszeit will sie seiner bei einem Steinhaufen vor der Burg harren; im Kleide eines Aussätzigen soll er ihr nahen. Die Zeit drängt. Nur größte Eile kann den von Hoffnungsfreude erfüllten Liebhaber noch rechtzeitig zur Stelle bringen. Und Ulrich schwingt sich aufs Roß und reitet und reitet sechsunddreißig Meilen an einem Tage und reitet zwei Pferde tot. Aber er trifft zur festgesetzten Stunde ein, zieht Bettlerkleider an, mischt sich unter die Aussätzigen und wartet. Doch — o Elend — statt der Angebeteten naht sich die Magd, reicht ihm Wein und Speise und vertröstet ihn auf den Abend. Ulrich wartet geduldig inmitten der Siechen und Bettler, und die Haare sträuben sich ihm von dem Unflat und Übel, die er gewahrt. Abends wird ihm der Bescheid, bis zum nächsten Mittag zu warten. Ulrich verbringt die Nacht in strömendem Regen auf freiem Felde, zitternd vor Frost. Abermals wird er vertröstet bis zum Anbruch der Nacht. Da endlich schlägt ihm die Stunde der heißersehnten Erfüllung. Doch noch manches Ungemach stellt sich ihm in den Weg, ehe er vor die Geliebte treten kann. So muß sich der im Burggraben lauernde Ritter einer unfreiwilligen Dusche aussetzen, deren Ursache der Burgvogt ist, der oben auf der Zinne ein natürliches Bedürfnis erledigt, während er die Runde macht. Und als das aus Leinentüchern ge­wundene Seil heruntergelassen wird, um Ulrich hochzuziehen, erweist sich sein Körpergewicht zu schwer für die beiden Frauen, die ihn heraufbefördern sollen. Erst mit Hilfe seines Gesellen, der, weil er leichter ist, den Vor­tritt erhält, gelingt das Wagnis.

Nun steht Ulrich vor dem Ziel seiner Wünsche. Man hüllt ihn in ein prächtiges Gewand und führt ihn zu der Edlen. Sie empfängt ihn kostbar gekleidet, auf einem Bette sitzend, von acht Frauen umgeben, im strahlenden Lichterglanz ihrer Kemenate. Aber es ist ein kühler Empfang. Sie sagt ihm nur, daß ihn jegliches Weib um seiner
Taten ehren müsse, und zum Zeichen dafür habe sie ihn in ihr Gemach kommen lassen, was noch keinem Ritter je geschah. Mehr dürfe er nicht verlangen. Dem armen Ulrich will das Herz schier bersten. Kein anderes Zeichen der Huld, kein Strumpfband ihrer Liebeslust, nicht einmal die Gewährung eines Kusses! Hilflos schweifen seine Blicke im Kreise herum. Da erbarmt sich seine Nichte des Verzweifelnden und legt ein gutes Wort bei der Herrin für ihn ein. Die Stolze gibt nach. Ein Kuß soll ihm gestattet sein; doch zuvor soll er in die Schlinge des Seiles treten, das zum Fenster heraushängt; und um seine Zweifel zu beheben, als wolle sie auch diesmal ihn täuschen, darf er an ihrer Hand sich halten. Ulrich tritt in die Schlinge. Die Hohe, Reine beugt sich über ihn und flüstert ihm Schmeichelworte zu. Doch als sie sein Kinn faßt und sagt: „Freund, nun küsse michl” da läßt er in der Aufregung ihre Hand los und stürzt ab. Daß er sich nicht das Genick bricht, muß man als Wunder buchen.

Ulrichs Entschluß, sich im Schloßgraben zu ertränken, vereitelt sein Geselle. Betrübt sucht er seine väterliche Burg auf. Dort empfängt er Kunde von der Angebeteten. Sie verheißt ihm ihre Minne, wenn er eine Fahrt über das Meer mache. Turnierend und Minnelieder dichtend verbringt er Lenz und Sommer und rüstet sich zur Meerfahrt. Als er sich anschickt, sie anzutreten, kommt aber­mals Botschaft von ihr: sie erläßt ihm diese Fahrt. Es scheint, als ob jetzt endlich, nach dreizehnjährigen vergeblichen Mühen, der ersehnte Lohn ihm zuteil werden soll. Da ereignet sich ein Zwischenfall - wir wissen nicht was es wahr, denn Ulrich schweigt darüber — aber es muß etwas Unerhörtes gewesen sein; denn er erhebt ihretwegen Anklage gegen das ganze weibliche Geschlecht und sagt ihr seinen Dienst auf.

Ein Mann jedoch wie der Lichtensteiner kann ohne
Minnedienst nicht leben. Bald findet er auch eine andere
und die ist lieblich und gut und seiner Sangeskunst wohl­
geneigt. Ihr singt er fortan seine Weisen, während er
als König Artus schöne Ritterschaft treibt und wie in
früheren Tagen von einem Turnier zum anderen durch
die Lande reitet.
    
Er ist eine seltsame Gestalt, dieser steirische fahrende Ritter. Man möchte ihn nicht für voll nehmen, ihn für einen Narren, zum mindesten für einen verschrobenen Menschen halten, der sein ganzes Leben einem Phantom nachjagt, selbst wenn die Hälfte nur von dem, was er erzählt, der Wahrheit entspräche. Doch es steckt mehr Wahrheit und wirkliches Erleben in seiner Dichtung, als man glaubt. Nicht nur die Namen, die er uns nennt, die ganze Zeitstimmung in seinem Gedicht ist echt. Das Rittertum hatte den Höhepunkt seiner Entwicklung bereits überschritten. Alle jene Eigenschaften, die aus ihm herausgebildet worden waren — Kavaliersehre, Abenteuerlust, Frauendienst — zeigten sich in jener äußersten Entfaltung, die auf die Spitze getrieben, stets zu Über­treibung und Exaltation neigt. Die Keime des Verfalls traten schon offen zu Tage.

In dem Lichtensteiner verkörperten sich noch einmal alle ritterlichen Tugenden in vorbildlicher Weise: er ist offen und haßt die Lüge; die Ehre stellt er über alles; er zeichnet sich durch Ausdauer, Geduld und Tapferkeit aus; er sucht den Zweikampf mit der Leidenschaft eines Artusritters; er erhebt den Minnedienst zu seinem Lebensberuf; unter seinem Gebot verrichtet er die kühnsten Taten, kein Opfer, keine Demütigung seinetwegen ist ihm zu groß, und ihm zuliebe duldet er wie ein Märtyrer; aber wenn er auch noch so sehr leidet, nie läßt er Rachegefühle gegen die Urheberin seiner Qualen in seiner Brust aufkeimen; immer bleibt ihm der ritterliche Grundsatz heilig: Ver­schwiegenheit.

„Doch mußt du in dem Herzen dein für alle Zeit verschlossen sein.”

Wie kommt es, daß trotz dieser angeführten Vorzüge Ulrich auf uns lächerlich wirkt? Weil er im Grunde seines Wesens ein pedantischer und hausbackener Geist ist, weil er alles, was er unternimmt, mit einer Geduld, wie sie eben nur ein Pedant haben kann, bis zum äußersten durchführt und übertreibt, weil er das Spielerische des Daseins so ernst auffaßt, weil er alle gewagten Situationen, Gefahren, Enttäuschungen mit Vorbedacht sucht, weil er letzten Endes sich selbst zum Narren macht. Und darin zeigt er sich eben als ein Kind des anbrechenden Verfallzeitalters, als ein Vorläufer jener abenteuer­lichen Standesgenossen, deren Typus im Don Quixote eine verewigte Gestalt erhalten hat.


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