[Index]

Deutsche Familiennamen

Aus dem Nachlaß von Robert Hamerling - in einer Bearbeitung von Peter Rossegger (1893).


Es ist zu verwundern, daß deutsche Gelehrsamkeit noch kein Lexikon der deutschen Familiennamen, auf wissenschaftlicher Grundlage, mit etymologisch-sprachlichen Erklärungen und genealogisch-historischen Angaben zutage gefördert hat. Wie dankbar der Stoff wäre, beweist der Versuch, den der sprachgelehrte Dr. A. F. C. Vilmar in kleinerem Maßstabe mit einem Werkchen gemacht, das er „Deutsches Namenbüchlein“  überschrieben und das bei Völker in Frankfurt a. M. erschien.

Die nächste Quelle der deutschen Familiennamen waren die Taufnamen; nur erlitten diese vielfache Umgestaltungen, aus denen oft nur noch der Sprachforscher sie herauserkennt. Merkwürdig ist, daß im Hochdeutschen gern die Endsilbe des Taufnamens, im Niederdeutschen aber die Anfangssilbe desselben weggelassen oder verkürzt wurde. Aus Mathias, Andreas,  Ambrosius, Jakob machte der Hochdeutsche Mathes, Enders, Ambrosch, Jäckel; der Niederdeutsche Thies, Dreves, Brose, Köpke. Borries ist aus Liborius, Plönnies aus Apollonius, Lips oder Lepsius aus Philipp, Niels aus Antonius   entstanden.   Kerst ist  soviel als Christian und Kersting ist Christians Sohn, denn die Endsilbe ing bezeichnet immer einen Nachkömmling. Oft wurde die Abstammung auch durch lateinische Genitive ausgedrückt. So entstanden Nicolai, Ägydi, Georgi, Jacobi, Caspari, Zachariae, Michaelis, Ernesti, Ruperti, Wilhelmi, Ulrici, Conradi etc. Daneben stehen vereinzelt deutsche Genitive, wie Peters.  Aus Johannes sind mehr als hundert Familiennamen gebildet worden; namentlich treten die Verkürzungen Hans, Henne und Jan in zahlreichen Bildungen auf. Junghans, Langhans, Schmitthenne, Weberhenne, Jähns, Hensken sind ein paar Proben dieser Formen.

Die aus heimischen, altdeutschen Namen gebildeten Familiennamen sind die ältesten überhaupt, und reichen zum allergrößten Teile nicht allein in die Zeit vor Karl den Großen, also vor Anfang des Christentums, sondern in die Zeit der Völkerwanderung, manche auch noch höher hinauf zurück, und sind mithin schon eintausendfünfhundert bis eintausendneunhundert Jahre lang im lebendigen Gebrauche, was von den Namen keines anderen  Volkes,   mit Ausnahme des jüdischen, sich sagen läßt. Viele tausende sind von diesen alten Namen erhalten, die als Familiennamen, zum Teil aber auch noch als Vornamen fortleben.  Dergleichen sind Wieland, Wigand, Gerhard, Meinhart, Rüdiger, Siegfrid, Ludwig, Gebhard, Dietrich, Eckart.

Eine häufig bei solchen alten Namen vorgenommene Abkürzung, die ursprünglich einen vertraulichen, scherzhaften Charakter hatte, bestand darin, dass man die Endsilbe des Namens kurzweg durch ein der vorhergehenden Silbe angehängtes z ersetzte. So wurde Fritz aus Friedrich, Pertz aus Bernhard, Kunz oder Conz aus Conrad, Götz aus Gottfried, Heinz aus Heinrich, Dietz aus Dietrich, Utz aus Ulrich, Bartsch aus Barthold u. s. w.

Viele Familien entlehnten den Namen ihrem Grundbesitze oder dem Orte ihrer Herkunft. Mit Unrecht wird dabei das Wörtchen   v o n   als Bezeichnung und Vorrecht des Adels angesehen. Im Gegenteil ist dieses Wörtchen in Verbindung mit adeligen Namen oft ganz unpassend und lächerlich. Von Grote oder von Klencke ist nicht besser, als wenn man sich vom Papier oder vom Federmesser schreiben wollte,  weshalb auch die Freiherren Klencke, Grote, Knigge, Riedesel etc. in der Regel streng darauf gehalten, sich selbst nicht von Knigge, von Grote etc. zu schreiben. Es gibt bürgerliche Geschlechter, die sich vom Hof, von der Au, von der Heide, vom Berg etc. nennen; nicht ganz selten findet sich statt des  v o n  auch ein anderes Vorwort;  Beispiele davon sind:  am  Berg,   am  Ende,  am  Thor,   im  Thurm,  aus  der Mühle,   auf  der  Mauer,   im  Grund,    über  Acker,   über  Wasser,   zu  Rhein,   zum  Steg,   beim  Born,   unter  den  Weiden.

Häufig sind die von Volksstämmen hergenommenen Geschlechtsnamen.
Ein Frank, ein Schwab, ein Baier, ein Schweizer, ein Böhm, ein Meißner ist überall zu finden.

Auch die Weltgegenden haben mit zahlreichen Nordmanns, Westermanns, Ostermanns und Südermanns ihr Contingent geliefert.

Geradezu unzählig sind die Namen, die sich von Gewerben, Ständen, Beschäftigungen herschreiben; nur verbirgt sich auch hier oft die ursprüngliche Bedeutung hinter einer Dialektform. So dürften wenige wissen, dass Schrader und Schröder niederdeutsche Bezeichnungen für „Schneider“ sind. Gaßner oder Geßner versteht man nur in der Schweiz: es bedeutet einen Ziegenhirten. Im übrigen gehören in diese Kategorie die weitaus frequentesten und bekanntesten Namen. Wer könnte Herrn Mayer nennen, ohne daß er gefragt würde: „welcher Mayer?“  Wessen bester Freund hieße nicht Schmidt?  Wer trifft im Café  oder Gasthause nicht täglich mit den Herren Müller, Bauer, Becker und Weber zusammen? Wer hat nicht mit Schneider und Fischer auf der Universität studiert? Und welcher Norddeutsche kann Herrn Schulze entrinnen ?  -  Dazu kommen noch lange Reihen vou Zusammensetzungen, wie Neumayer, Hofmayer, Piepmayer (unser ernster Gewährsmann verzeichnet sogar einen D .... mayer)  - 
Kaltschmidt, Pfannschmidt, Gutschmidt, Pfusterschmidt etc.

Einem der seltsamsten deutschen Familiennamen begegneten wir erst in diesen Tagen: er heißt Leichnamschneider.

Es ist seltsam, daß auch der Teufel bei der Bildung von Familiennamen nicht aus dem Spiele blieb. Zuweilen schmuggelt er sich als  Voland  oder  Valand  ein, viel öfter aber tritt er in der ursprünglichen, volkstümlichen Form seines Namens auf. Im fünfzehnten Jahrhundert gab es sogar eine Familie, die den Namen  Teufelskind  führte. Noch auffallender nennt ein schlesisches, in und um Großglogau angesessenes Adelsgeschlecht sich    Pförtner  von  der  Hölle.    Es   gab   auch   ein   adeliges Geschlecht    „In  der Hölle“    das jetzt ausgestorben  ist.

Eigenschaftswörter sind als Geschlechtsnamen viel gebraucht. Man sagte aber ursprünglich nicht   Ludwig Weiß,  sondern   Ludwig der Weiße,    nicht Friedrich Lang, sondern Friedrich der Lange usw.; woher es kommt, daß von solchen Namen jetzt zwei Formen:  Weiß  und  Weiße,  Lang  und  Lange  gebräuchlich sind. Als Kuriosa verdienen hier genannt zu werden die Namen:  Dumm,  Fornefeist, Schmutziger,  Ungerathen,  Ungeheuer. Zuweilen erscheint auch das abstrakte Hauptwort; es gibt Personen, welche   Heldenmuth,   Schönheit,   Weisheit,   Schönewerk   u. dgl.  heißen.

Die Zahlwörter sind vertreten durch  Einschütz,  Zweifleisch,  Dreischock,  Vierthaler,  Fünfkirchen,  Sechsheller,  Siebenkees,  Neunheller,  Zehnmark,  Dreißigmark,  Hundertmark,  Dusendtüfel (Tausend Teufel).

Wir lassen das reiche Detail beiseite, das die von Werkzeugen uud Geräten genommenen Familiennamen - unter denen namentlich die Composita von  Hammer,  Nagel,  Eisen,  zahlreich sind - darbieten, und wenden uns zu den bedeutenden Anlehen, die der namensuchende Mensch bei Tiergeschlechten aller Art, bei Vögeln, vierfüßigen Tieren, Fischen, Reptilien usw. gemacht hat. Ganz besonders häufig ist der Wolf,  der Fuchs,  der Löwe, vor allen aber der  Hase  in Anspruch genommen worden, und zwar nicht bloß in Deutschland, sondern im ganzen westlichen Europa. Es findet sich auch der  Bock,  das Lamm (Lembke), und das ursprünglich slavische Wort  Schöps,  das man im westlichen Deutschland als Schimpfwort braucht, war ehedem in Schlesien als Familienname häufig, das Rind ist in angesehenen Familien zu Ehren gekommen als  Ochs,  Osse,  Ossius,  Qchsenius,  Ochsenbein,  Kuh,  Kuhsittich (verschönert statt Kuhschweif).  Die  Rindsmaul  waren österreichische Grafen.

Das Kalb ist allein, wie in Zusammensetzungen nicht selten. Vom Hasen erwähnen wir:  Hasenbein,  Hasenfuß,  Hasenöhrl,  Hasenclever,  Hasenzagel, Hasenschart;  vom Schwein: Schweinshaupt,  Schweinsfuß,  Schweinsbraten,  Eberschwein (Eberwein),  Meerschwein;  vom Esel:  Riedesel (Reitesel),  Frumese,   Eselgrot (Eselrücken),  Eselkopf,  Eselmayer.  
Affe,  Bär,  Roß,  Hahn,  Henne,  Gans,  Adler,  Falke sind ebenfalls stark ausgebeutet worden. Der Vogel erscheint einfach und in Zusammensetzungen häufig, aber auch Teile von ihm. wie z. B. Schnabel, Flügel;   von den Wassertieren gehört hierher der  Hecht  und der  Krebs.  Kaum weniger ergiebig erwies sich das Pflanzenreich. Unzählig sind die Zusammensetzungen mit Baum, Busch, Holz, wie  Birnbaum,  Nussbaum,  Grünbaum,  Busenbaum,  Hanebaum etc..  Krumbholz,  Buchholz,  Eichholz;  kaum minder häufig die mit  Zweig,  Laub  und  Korn, wie  Rosenzweig,  Mayenzweig,  Röschlaub,  Hartlaub,  Hauslaub,  Haberkorn,  Gerstenkorn,  Pfefferkorn.
 
Es gibt kaum einen Menschen, der schlechtweg Mensch heißt, wohl aber manchen Mann, und die Glieder des Menschen mußten oft genug zur Namengebung herhalten. Das ehrwürdige Haupt erscheint in  Weißhaupt, Schönhaupt,  Breithaupt,  Rothaupt,  Goldenhaupt  usw., daneben auch in  Großschedel,  Dirschedel,  Starrschedel. Ein  Thumshirn (dummes Hirn,  Dummkopf) hat als sächsisch-ernestinischer Gesandter den westfälischen Frieden mitunterhandelt. Das Haar finden wir in  Krumbhaar,  Gelhaar,  Weißhaar,  Straubhaar  etc., daneben in  Zopf  und  Zöpfel; den Bart in  Weißbart,  Rothbart,  Spitzbart,  Isenbart,  Ranschbart  etc., endlich das Bein oder den Fuß in  Streckfuß,  Rauhfuß,  Stolterfot,  Klinckerfues,  Schmalfuß,  Dollfuß, S chönbein,  Langbein  usw.  Gar nicht selten mussten auch Kleidungsstücke das Inventar der Geschlechtsnamen bereichern. Es gibt da viele Hute:  Schönhut,  Weißhut  etc.; ebensoviele Hosen, z. B.  Lederhose (später zusammengezogen in Lerse),  Schlaphose,  Lumphose- drei Familiennamen, in welchen sich die unsinnige Verschwendungskraft der Pluderhosen des sechzehnten Jahrhunderts verewigte, gegen welche Andrea Musculus im Jahre 1556 in gerechter Entrüstung seinen  „Hosenteufel“ schrieb; ferner  Leinhose,  Mehlhose (Spottname der Müller),  Kurzhose  etc. Die Schuhe fehlen nicht; wir haben einen  Bundschuh,  einen Holzschuh,  einen Hornschuh,  einen Kapschuh; auch von Röcken und Mäntlein ist der Vorrat nicht gering. Wir erinnern an  Leibrock,  Kurzrock,  Blaurock,  Langenmantel,  Weißmantel.  Hier ist noch des Namens Riedel zu gedenken, der einen Schnürriemen bedeutet, mit welchem man ehedem, bevor Knöpfe in Gebrauch kamen, sämmtliche Kleider zusammenhielt.

Wir wollen den Leser nicht noch mit der Kategorie der Naturerscheinungen und Naturkörper ermüden, die vermutlich in der Regel durch die Leichtigkeit, mit welcher sie sich zu figürlicher Charakteristik darboten, auf dem Gebiete der Familiennamen Boden gewannen.  Brausewetter  und  Sausewind  mag zuerst einen heftigen, ungestümen Menschen,  Schneidewind,  einen Landstreicher bezeichnet haben. Wir wenden uns zu der interessanten Klasse jener Namensbildungen, die aus befehlenden Sätzen entstanden, und die man als Imperativ-Namen bezeichnen könnte. Da gibt es viel Wunderliches. Wir finden z. B. einen   Bitdendüvel (beiß den Teufel),   einen Fressenteufel (friß den Teufel),   einen Bachenschwanz (wach den Schwanz, d. h. bewege den Schwanz, man vergleiche das englische wag), ursprünglich ein Vogelname, die hoch deutsche Form für das niederdeutsche!   Bachstert,  woraus „Bachstelze“ geworden;   hieher  gehört   auch der bekannte seltsame Name  Gripenkerl,  der so viel besagt als „greif den Kerl“.  Nicht übel sind auch   Guckemus (Guck ins Mus),  Huschenbett (husch ins Bett),  Schlickenprem (Schluck den Brein),  Suppus (Sauf aus).  Häufig sind die Imperative von den Zeitwörtern   Hassen, Heben und Hauen; wie  Haßenpflug (Haß den Pflug),  Hebenstreit (Erhebe den Streit),  Hauto (hau zu!).   Lickleder  war anfänglich ein Spottname des Schusters (leck das Leder). Merkwürdig ist Schüttespeer,  das ganz dem englischen Shakespeare entspricht: es war der Name eines hessischen Adelsgeschlechtes, und verwandelte sich später in  Schutzsper,  zuletzt in Schutzbar. Streckfuß bezeichnete ehemals einen Gehenkten. Störtebecker (stürz den Becher) war der Name eines berühmten Seeräubers. Thunichtgut hieß von Hause aus ein bekannter österreichischer Minister, nachdem er aber Karriere gemacht, verwandelte er sich in einen Thugut.

Schließlich ist nur noch der Namen zu gedenken, die aus fremden Sprachen genommen sind.
Es kommt da hauptsächlich Slavisches und Lateinisches in Betracht. Ersteres charakterisieren die Ausgänge anf i, itsch, etsch u. dgl. Wir erwähnen, dass   Opitz   einen Affen bedeutet,  Nimbsch  einen Deutschen,  Kretschmor  oder  Kretschmann  einen Kneipenwirt. Lommatsch  einen Bengel, ungeschlachteten Menschen (in Czechien soll es ein Schimpfwort für die Nation der „Denker“ sein). Lessing einen Waldmann,  Leisewitz  einen Waldsohn;  Kosegarten,  so deutsch es klingt, soll so   viel   als   „Ziegenburg“   bedeuten.

Der Name Vogt klingt ebenfalls gar nicht fremdländisch, ist aber doch eine Abkürzung des lateinischen  advocatus.  Nicht unbeträchtlich ist die Zahl der latinisierten Namen, die sich aus früheren Jahrhunderten in die Gegenwart fortgeerbt haben.  Molitor,  Pistor  oder  Pfister,   Mylius,  Sartorius,  Xylander  gehören zu den bekannteren. Avenarius ist auf einen   Habermann   zurückzuführen. Den lateinischen Namen des Geißblattes, Lonicera, sind gewiss viele geneigt für ein aus dem classischen Altertum über liefertes Wort zu halten; die Pflanze ist aber nach dem Professor Adam Lonizerus in Marburg genannt, der mit seinem ehrlichen deutschen Namen  Lonzer  hieß. Die mittelalterlichen Literaten hielten viel auf gelehrte Namen, und wenn sie sich schon einen griechischen oder lateinischen beilegten, so griffen sie lieber gleich nach den schönsten und wohlklingendsten.   Helius  Eobanus  Hessus  - so zu heißen, das musste freilich ein erhebendes Gefühl sein. Oft wurde der deutsche Name nicht eigentlich ins Lateinische oder   Griechische   übertragen,   sondern  diente nur als Motiv für irgend eine schön und gelehrt klingende Wortbildung. Eine Familie z. B., welche Eimer hieß, nannte sich  Enhimerus;  andere, welche Hose hießen, verwandelten sich in  Osius,  Osenins,  Osiander. „Manche“  (sagt unser Gewährsmann) „kehrten von dem Pistorius, Sartorius, Planstrarius ihrer Väter zu dem  Becker,  Schneider,  Wagner  ihrer Großväter zurück; andere aber, und zwar die meisten, behielten die bunten lateinischen und griechischen Namen bei; so hat der Schreiber dieses einen Holzhauer gekannt, der  Xylander  hieß, und der Marburger Postmeister mit dem langen griechischen Namen   Mesomylius   merkte nicht, dass er das Gesangbuch in der Kirche verkehrt hielt, denn er hatte weder griechisch, noch deutsch lesen gelernt.“

[Zum Index]