Der Ameisler.  

Von Peter Rosegger.

Im Walde kannst du manchmal einem sonderbaren Mann begegnen. Seinem zerfahrenen Gewande nach könnte es ein Bettelmann sein; er trägt auch einen großen Sack auf dem Rücken. Aber über diesem Bündel und an all seinen Gliedern, von der bestickten Beschuhung bis zum ver-witterten Hut laufen in aller Hast zahllose Ameisen auf und nieder, hin und her, in Schreck und Angst, und wissen sich keinen Rat in der fremden, wandelnden Gegend, in die sie geraten.

Der Mann ist ein Ameisler. Er geht aus, um die Puppen der Ameisen, die Ameiseneier, zu sammeln, die er in Markt und Stadt als Futter für gefangene Vögel verkauft. Er sammelt auch die Harzkörner aus den Ameisenhaufen, um solche als den in der Bauernschaft beliebten Waldrauch, der in den Häusern besonders bei Krankheiten als Räucherungsmittel dient, oder gar als Weihrauch zu kirchlichen Zwecken zu verwerten.

Da geht der Ameisler in den Nadelwald auf die Suche. Vor dem Wildschützen erschrickt er nicht, aber dem Förster weicht er aus. Endlich findet er einen Ameisenhaufen. Der ist zumeist an einen halbvermoderten Baumstock hingebaut und in Form eines bisweilen meterhohen Kegels aufgeschichtet aus dürren Zweiglein und Splitterchen, aus den abgefallenen braunen Nadeln der Bäume. Er ist über und über lebendig, und die unzähligen Tierlein rieseln beständig durcheinander hin undwieder, zu den tausend kleinen Stollen und Schächten aus und ein, jedes eine Last auf sich oder eine solche suchend.

Über diese Gemeinde kommt plötzlich das Unglück. Kaum, daß der Mann in die Nähe kommt, geraten die Ameisen in größere Hast. Sie laufen wirr durcheinander, überstürzen sich, purzeln eine über die andere hin, ergreifen Nadeln, Körner, um sie wieder fallen zu lassen. Anstatt sich in die Löcher zu verkriechen, eilt alles aus denselben hervor, so daß die Oberfläche des Haufens ganz schwarz wird und ein wildes Drängen und Wogen entsteht. Der Ameisler reibt seine Hände noch mit Terpentin oder einem anderen Öl ein, damit sie gegen die Ameisensäure gestählt sind; dann erfaßt er seine Schaufel und reißt den seit Jahren mit unsäglichem Fleiße kunstvoll aufgeführten Bau auseinander. Die Tierchen spritzen noch wehrhaft ihre scharfen Säfte gegen den Feind; aber nun, in dem Greuel und Schreck der Zerstörung, wo diese unter den Trümmern begraben sind, andere dem grellen Tage bloßgelegt, andere verstümmelt, erdrückt — denken sie an nichts mehr als an ihre Kinder, die Puppen! Jede stürzt sich auf eine Puppe, um sie zu retten, zu verbergen; in den Trümmern der Stadt, das wissen sie, sind sie nicht sicher: also fort, hinaus ins Freie in den Wald!
Aber der Ameisler sputet sich; denn auch er will die Puppen und bevor diese verschleppt sind, tut er seinen Leinwandsack auf und stopft und kraut und scharrt den ganzen Ameisenhaufen mit allem, was drum und dran ist, in den Sack. Der Haufen war gut bevölkert gewesen. Wohl an fünfundzwanzigtausend Puppen mag er in sich geborgen haben, ein hoffnungsvolles Geschlecht, und jetzt im Sacke des Räubers! Dieser bindet ihn zu, wirft ihn auf die Achsel, und indem er über und über voll von Ameisen ist, eilt er mit der Brut weiter durch Wald und Schlucht, um neuen Fang zu tun. Und findet er wieder einen Haufen, so macht er‘s wie mit dem ersten, und die Ameisen, große und kleine, samt ihren Puppen, samt dem Nadelgefilz ihres Baues, samt ihren Harzkörnern und Vorratskammern kommen in den Sack, bis er voll ist.

Wir beschreiben den Jammer der Gefangenschaft nicht. Wir können vergleichsweise nur sagen: Wie wäre den Menschen zumute, wenn sie mitsamt ihrer Stadt und allem, was darin ist, in einen großen Sack gesteckt würden!

Der Ameisler sucht nun einen geschützten, sonnigen Anger. Dort breitet er auf dem Rasen ein großes, weißes Tuch aus. Am Saume des Tuches ringsum legt er grünes Laubwerk, über das er dann den Rand des Tuches zurückschlägt. Nun öffnet er den Sack und schüttet den ganzen Inhalt  desselben mitten auf das Tuch.   Einstweilen  hat  hernach  der Ameisler nichts zu tun. Er kann sich in den Schatten des nahen Waldsaumes hinlegen, Brot und Speck aus dem Schnappsacke holen, mag sich hernach eine Pfeife anzünden und gutes Mutes sein. Die Ameisen sind von ihrer ärgsten Qual erlöst. Sie nehmen ihre Freiheit wahr, aber auch die Gefahr, die sie noch immer bedroht; sie eilen, laufen, rennen. Sie kommen an den Rand, wo das grüne Blattwerk ist. Das heimelt sie an. Doch nicht an ihre eigene Rettung denken sie. Rasch kehren sie zurück, jede zu einer Puppe, um sie aus dem Trümmerwerk ins Grüne zu tragen. Der Ameisler schaut aus seinem Schatten dem Treiben und „Auslaufen“ der Ameisen zu. Sichtlich wachsen die Häuflein der Puppen, die sie unermüdlich aus dem Wüste schleppen und am Rande abladen, wo das hingelegte Blätterwerk ist, so daß die Tiere glauben, dort fängt schon das freie Land an, während sie die Eier doch noch auf dem Gebiete des Feindes ablegen. Sie haben mit ihrem Rettungsversuch nur wieder für den Ameisler eine mühsame Arbeit verrichtet, haben ihm die Puppen vom Wust gesondert und die Häuflein gesammelt. Jetzt steht der Ameisler auf, nimmt sein blechernes Becherlein und füllt es immer wieder mit den aufgehäuften, gelblichweißen Puppen, um sie in den dazu bereiteten Behälter zu tun. Hat der Ameisler die Eier untergebracht, so macht er sich an den toten  Wust, der auf dem Tuche zurückgeblieben ist. Aus diesem weiß er die wohlriechenden Harzkörner zu ziehen und kehrt sonach mit doppelter Beute in sein Dorf zurück, um im nächsten Jahre die Gegend wieder abzugehen, was etwa die Ameisen neuerdings beisammen hätten.

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