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Altdeutsche Haus - und Familiennamen.


Von Karl Reiterer - Wettmannstätten.

Veröffentlicht 1915 in Peter Rosegger's:  Heimgarten.


Als ich im Jahre 1907 nach Trieben kam, fiel mir der Hausname Sardelli auf, man nannte eine Häusergruppe mitten im Überschwemmungsgebiete die Sardellihäuser. Nach einiger Zeit erfuhr ich, daß diese Häuser ein italienischer Maurermeister namens Sardelli erbaute. Nach hundert oder mehr Jahren wird sich, sann ich, dieser seltsame Hausname erhalten haben, ob man aber auch den Ursprung weiß? In Oberdorf bei Liezen fand ich 1897 den Hausnamen Krois.

Der Name ist urdeutsch. Das Wort Krois (für Krebs) fand ich schon im Sulmtale, meiner Heimat (1864—1885). Kroisen bedeutet krebsen. Der Kroisbach ist ein Bach, in dem sich Kroise (Krebse) befinden. Georg Gabler verkaufte seinen Weingarten in Khreusbpach (Kroisbach bei Graz) dem Christian Nürnberger. Wie alt der Ausdruck Krois ist, bezeigt, daß das Denkmal der Kreuspach (+ 1299) zu Baden in Niederösterreich daran erinnert, es hat im Wappen die Scheren eines Krebses. Ein Michael Kreuß von Kreußenhof wird in den Urbarien zu Wolkenstein (1622) (M.v.Platzer „Drei Flüssen entlang“) genannt. Wie volkstümlich der Ausdruck Krois ist, beweist der Vierzeiler:

Im Bach bin ih s gwaten,

A Krois hat mih zwickt,

Han Schuastapech gnommen

Und a Pflasterl aufpickt.


Als die Leute bemüßigt wurden, Familiennamen anzunehmen, griff man zu den sonderbarsten Mitteln, Namen zu finden.

Man ent­nahm Namen dem Tier-, Pflanzen- und Mineralreich. Es entstanden Vogel, Hirsch, Hahn, Löwe, Bär, Veigel, Pilz, Hanf, Lorbeer, Weichsel, Weichsler, Mandel, Diamant, Stein, Spat, Gold u.s.f. Durch die Eintragungen in die Matriken ergab sich die verschiedene Schreibung der Namen. Der eine schrieb Tschech, der andere Czech, der erste Bär, der zweite Peer, der dritte Vogel, ein anderer Vogl. Auch Ländernamen wurden bei der Namengebung zum Vorbild genommen. Man bekam einen Ungar (aus Ungarn), Böhm, Kroat, Schlesinger.

In der Chronik des Stiftes Göß (Theußl, „Das Benediktinerstift Göß“) bei Leoben steht: 1770: Eodem anno sind die Häuser in den kaiserlichen Erbländern zum erstenmal numeriert worden und gleich darauf wurden alle Leute in den Häusern beschrieben.

Hier ist also ebenfalls von der Namengebung die Rede. Wer noch keinen Familiennamen hatte, bekam ihn. Man sah auf die Größe dessen, dem ein Name gegeben werden mußte (Lang, Kurz) oder auf die Lage des Besitzes (Büheler, Bacher, Rainer), auch auf Ortsnamen wurde Rücksicht genommen (Schwanberger, Luttenberger, Nestelbacher, Limberger, Brucker).


Im Zahnschen Urkundenbuch ist von St. Peter am Lindenperche (Limberg) die Rede, es ist dies St. Peter im Sulmtale. Der Name Lindenperch hat sich in der Gemeinde „Limberg“ erhalten, der Berg (Hügel) auf dem St. Peter steht, hat zur Zeit keinen Namen, selbst in meiner Jugend (1864-1885 in St.Peter i.S.) traf ich ihn nicht mehr. Wie sich die Ortsnamen verändern, veränderten sich auch stark die Haus- und Familiennamen, zum Beispiel Kalß, Püchler, Gravenegger u.s.f. 1312—23 schrieb man Khalsen. 1380 Khunrat Kalß. 1511 Konrad Kalssen. 1587 Egidy Kallß, 1654 Hans von Kals, wie es den Matrikenführern eben gefiel, den Namen zu schreiben. 1343 existierte ein Heinrich Puechler. 1565—1705 war ein Christof Püchler lateinischer Schulmeister zu Gmunden. 1642 findet man eine Clara Puchlin.

Von Pichler abgeleitet erscheint Ehrenpichl und Grünpichl. Sartori von Ehrenpichl lebte 1656, der Grünpichl ist bei Irdning, auf ihm steht das Schloß Gumpenstein, einst Eigentum des Freiherrn K. F. v. Welsersheimb, Herrn auf Grünpichl u.s.w. Unterhalb der Ruine Wolkenstein bei Wörschach ist ein Bauernhaus, genannt beim Purgstaller, einst die Stallung für die Herrenpferde in der Burg. Hema von Straßburg erbaute bei Admont die Burg Purgstall, was wieder eine zweite Deutung des Familiennamens zuläßt. Von der Ortschaft Ketten bei Aigen (Bezirk Irdning) weiß man, sie habe ihren Namen von einer Kette von Räubern, die sich einst dort aufhielt. Die Sage erzählt, ein Vater habe seinen eigenen Sohn, den er nicht erkannte, ermordet, um ihn zu berauben. Den Familiennamen Ketten trifft man in Ketten ebenfalls, ein Haus heißt das Ketten in der Ketten. Im Ennstalerischen traf ich die Blahberger. Auf der Blah ist eine Grundstückbezeichnung.

Der Hofkaplan Aribo (später Erzbischof von Mainz, 1021—1031), erwirkte für das Stift Göß Grundstücke „in der Blah“. Nach der Lage des bäuerlichen Gehöftes erfand man die Namen Rainer (am Rain), Leitner (auf der Leite), Ebner (auf der Ebene), Weinberger (am Weinberge), Wieser (auf der Wiese), Bruckner (bei der Brücke).

Auch Taufnamen verwendeten die Matrikenführer und Namengeber, die wahrhaft erfinderisch sein mußten. Otto, Karl, Friedrich, Lenz, Max sind Familiennamen geworden. Ebenso interessant ist die Verstümmlung einzelner Namen im Volksmunde, statt Irdninger sagte der Ennstaler „Irlinger“, statt Ardninger Arlinger, das spröde „Ning“ ist dem Älpler nicht passend, er verwandelt es in „Ling“. Auf ähnliche Weise wurden auch die Schreibnamen im Laufe der Zeiten verändert, man betrachte nur einmal folgende Ortsnamen: Chumptwitz (Kumpitz). Vantsdorf (Fohnsdorf), Roternstein (Rötelstein). Stiven (Stiefing), Chrugelach (Krieglach), Schärstorf (Schersdorf) u.s.w. Urdeutsche Familiennamen sind unter anderen die der Weichpold, Leitpold, Höpflinger, Weidhofer, Rudorfer, Reitegger, Maderebner, Boxbichler, Häusler, Reit, Gürtler u.s.w., Stainacher kommt von Gestein, Rohracher von Grör (Röhricht), Gstauderer (war ein Hausname in Weißenbach bei Liezen) von Gstauden (Gestrüpp), man hört noch heute den Ausdruck Gstauderschopf. Im Jahre 1896 kam ich nach Weißenbach bei Liezen.

Es fiel mir auf, daß ein Haus zwischen Weißenbach und Liezen d' Übermaß, in Oberdorf eines Mauthuber hieß. Später erfuhr ich, daß bei beiden Häusern eine Maut war. Die Übermaß war im 18. Jahrhundert eine landesfürstliche Steuer, welche als Maut eingehoben wurde.

Einzelne Besitzer hatten, wie heute noch, gewisse Geisteseigenschaften, nach denen man sie in der Zeit benannte. Der Sumperer kommt von sempern, ein Semperer ist ein unaufhörlich raunzender Mensch. „Was semperst denn immer?“ hört man im Volksmunde. Der Schnofler ist einer, der durch die Nase atmet. Die Verkleinerung lautet Schnoferl. Beim Schmauderer lautet ein anderer Hausname. Ein Schmauderer (Schmaundler) ist ein mundfauler Mensch. In Oberdorf bei Liezen ist der Hausname Scheppern zu treffen. Scheppern heißt Geräusch machen, klirren, rasseln. „Was schepperst denn so“? fragt die Bäuerin unwirsch, wenn die Dirn mit dem Küchengeschirr Lärm macht. Der Rucker, welcher Hausname in Liezen zu treffen ist kann von Ruck kommen. Der Ruck ist eine Rauchstelle, ein Herd alter Art. „Mit eigenem Ruck ein Haus“. Rucker könnte aber auch von nachrücken kommen. „Geh, ruck a weng nach“! sagt der Bauer, wenn er ins Wirtshaus kommt und neben einem Platz nehmen will. Der Schreibname Rechling erinnert an den Eierschwamm (Chantarellus cibarius), den man im Volksmunde Rechling nennt.

In Schladming trifft man den Haus- und Familiennamen Rantner. Eine Rante ist eine kleine Fichte. Rantelholz ist dünnstämmiges Holz, wie der Waldbauer sich ausdrückt. Der Rant bezeichnet aber auch eine Zeitdauer. „Auf einen Rant ist er stark“, sagt man im Ennstale. Raffler sind Polterer, Lärmer. Ich traf diesen Namen in Aussee.

Im Gurktalerischen (Kärnten) ist häufig der Haus­name Leitgeb zu treffen, gewöhnlich sind oder waren es Wirte, unter einem Leitgeb verstand man seinerzeit immer einen Wirt, einen, der den Leiten (Leuten) zu essen und zu trinken gibt.

In Weißenbach trifft man Langanger, von Lahngänger, eine Behausung, die dort steht, wo Lahnen (Lawinen) häufig gingen. Im Bezirke Irdning findet sich der Hausname Kreisterer vor, Kreisterin bedeutet Wöchnerin, kreisten heißt stöhnen, vornehmlich bei der Entbindung.

Im Gegensatze zu den zusammengesetzten Taufnamen als Hausnamen gibt es auch einfache Taufnamen als Hausnamen, in St. Martin a. d. Salza kennt man das vulgo Huis (Matthias). Huis, wispelt der Älpler, mach' d' Suppen suiß. In St. Johann am Tauern gibt es einen Klackel; ein Klackach nannte man früher ein aus den Fugen gegangenes, halbzerbrochenes Handwerkszeug. In der nordwestlichen Steiermark gibt es ein Instrument aus Holz, das Klackel (oder Klöckel) genannt wird. Man nennt es auch Goasklackel, weil damit die Ziegen von der Weide herbeigerufen werden. In St. Martin a. d. E. sind die Kamp zu Hause. Ein Kamp ist ein Querholz, das Schweinen um den Hals gegeben wird, damit die Tiere nicht durch die Zäune zu schliefen vermögen. Ein Ochsenkummet nennt der Donnersbacher ebenfalls ein Kamp. Diese wenigen Proben dürften genügen, um zu zeigen, wie manche Namen auf einzelne altdeutsche Benennungen zurückzuführen sind.

Ein anderer sah bei Anlegung der Matriken auf die Profession oder das Gewerbe, das einer hatte; es wurde der Name des Gewerbes Familienname, z. B. Bäcker (auch Becker), Schuster, Schneider, Müller, Maurer, Schmied, Weber, Gürtler, Holzknecht. In Donnersbach hieß es vor vierzig Jahren beim heutigen Zettler gemeinhin beim Auschmied, beim Schmied in der Au (Donnersbachau); beim Grundbesitzer Ludwig Mandl in Weißenbach bei Liezen hieß es beim Aubauer, beim Bauer in der Au, und man hörte im Volksmunde: Der Bauer in der Au(n) tut mit der Goas düngen und mit der Katz bau(n), d.i. pflügen.

Selbst Gerätenamen und Spitznamen mußten als Hausnamen und später als Familiennamen herhalten; man kannte einen Hammer, Zangl, Löffler, Hohl, Lahrer, Notnagel, und in Donnersbachau erinnert daran das Witzwort: Der ist beim Hohl, Lahrer, Wenninger und Notnagel daheim, womit gesagt sein soll, der eine Bauer sei hohl, es sei nichts darinnen, der andere leer (Lahr), der dritte besitze weniger (Wenninger) und der letzte befinde sich in der Not, er sei ein Notnagel. Noch heute hört man von den Waldbauern (Donnersbachwald) die Redensart: „Der ist hohl ein­wendig“, das heißt, man will damit besagen: Inwendig besitze er nichts.

Es ist anzunehmen, daß die Hausnamen vor dem Familiennamen bestanden; die Ortschroniken bezeigen es. Hiebei möchte ich vorerst darauf hinweisen, wie jede Gegend ihre eigenen Hausnamen, die charakteristisch sind, besitzt.

Im Sulmtalerischen (in St.Peter) trifft man sehr häufig Zusammen­setzungen von Taufnamen als Hausnamen, was auf ein hohes Alter dieser Namen hinweist, oder man verband mit dem Taufnamen einen professionellen Namen. z. B. Schneiderhuisel (in St. Peter). Weberlippi (in Lassenberg bei Wettmannstätten). In meinem Heimatsdorfe traf ich die Hausnamen: Gregerlippi, Marxltoni, Joggapeter (Jakobpeter); die einzelnen Taufnamen verband man auch mit den Ortsnamen. z. B. Moosmörtl (der Mörtl, Martin, im Moos). Korbinmörtl (der Mörtl in Korbin). Verbreitet sind im Sulmtale die Namen Fastl, Fauland, Jauk, Kniely, Pölzl, Koch u. dgl. In Wettmannstätten, meinem Domizile, sind Hausnamen: Neubauer, Amtmann, Gödl, Gerat, Stupper, Schwammer, Kurz, Klinger, Godner. In Zehndorf bei Wettmannstätten: Holzweber, Holzwenzel, Suppi, Fabi, Tofferl, Goller, Helferer, Grill. In Wohlsdorf: Postl, Blasl, Eibel, Fuchs, Horzl; ferner trifft man im Kirchensprengel einen Forstmichel, einen Forsthans, Forstjaggl, Hammer, Trifthiasel, Weberbauer, Weixler, Trattenhiesel u.s.f. Tratte wurde mit vielen Hausnamen in Ver­bindung gebracht. In Moos bei St. Peter ist ein Trattenweber, in Mariahof bei Neumarkt traf ich einen Kirchtrattler. den Kirchenwirt; ein eigener Ringplatz hieß dort die Ringtratte. Zur Zeit, wenn Wallfahrer kamen, wurde auf dieser Tratte gerungen; von Oberwölz, Murau, ja sogar vom Metnitztale in Kärnten traf ich 1866, wo ich in Mariahof war, Ringer auf der Tratte.

Als ich 1911 nach Wettmannstätten kam, machte ich einen Spaziergang ins herrliche Sausalweingebirge. Unterwegs redete mich ein Bäuerlein an: „San Sö nit der neue Teichhüter“? Meine Tochter Guggi, die mich auf meinem Spaziergange begleite, lächelte. Später erfuhr ich, daß ein Hausname lautet: Beim Teichhüter. Auf dem Hause waren seinerzeit in der Tat Bewohner, welche Teiche, die in der Nähe heute noch sind, zu beauf­sichtigen hatten. Kann der Name Teichhüter nicht zum Familiennamen geworden sein? Wenigstens kenne ich einen Teichmeister, dessen Voreltern jedenfalls Teiche in Obhut hatten.

Als ich 1896 nach Weißendorf bei Litzen kam, traf ich dort die Hausnamen Amerika und Mexiko und im Dorfe machte das Witzwort die Runde: „Amerika ist nicht weit von Mexiko“.
 
Der heute noch lebende Grundbesitzer Franz Platzer vulgo Schmied in Weißenbach erzählte mir, ein Besitzer des Dorfes habe sein Anwesen verkauft und sei jenseits des Bahngeleises, das sich südlich vom Orte befindet, übersiedelt, dort habe er sich aus Brettern ein Haus gebaut und sein Anwesen scherzweise Amerika genannt, weil er immer nach Amerika auswandern wollte, sich aber zum Schlusse doch eines Besseren besann und in der Heimat verblieb. Ein Zweiter erbaute sich unweit jenes Anwesens eine Hüte, die er Mexiko nannte.

In Weißenbach traf ich noch folgende Hausnamen: Schüttner, Zwirtner, Schweiger, Saler, Broderer, Angerer, Rot in Wald, Rot in Lampalten, Mar in Lampalten, Olsterer, Höpfl, Reitbauer u.s.w. Der Name Reitbauer ist darauf zurückzuführen, daß ein Besitzer im Gereite (Reite), teilweise baumbewachsenem Grund, ansässig wurde. Größere Reitbauern nannte man Reitmoarn, wie überhaupt das Wort Mor (Morhof) einen größeren Bauernhof bezeichnet. Ein vulgo Reitmor wurde von mir in Falkenburg bei Irdning betroffen; ein Mört Reitmeier schenkte der Kirche zu Trieben 1505 eine Wiese. Um auf den Ausdruck Reit zurückzukommen, sei erwähnt, daß der Waldbauernbub singt:

Beim Reiterer in Reit

Hab'n s' bärstarke Leit,

Hab'n s' a rappigi Goas

Übern Steg obikeit.


Hier heißt eine Gegend in Reit (Gegen Bleiberg zu).

Verschiedene Umstände trugen dazu bei, daß die Familiennamen später auch wieder Hausnamen wurden, ja, es ist erwiesen, daß aus einem Hausnamen ein Familienname und aus diesem wieder ein Haus­name wurde, wie ich es traf. Viele Hausnamen werden in der Dialektsprache derart entstellt, daß man ihre ursprüngliche Form kaum mehr erkennt. So heißt es bei einem Hause in Lossenberg bei Wettmannstätten Paungerz, Pongratz soll es heißen. Aus einem Jauk ist ein Jank ent­standen, weil der Matrikenführer vergaß, das U-Strichelchen zu machen; aus einem Irgbauer (Georg, Girgl, Jirgl) ein Irrbauer, aus einem Stühler ein Stirler u.s.f. Es hielten sich die Hausnamen oft, wenn auch die Besitzer wechselten, was zumal in Gebirgsgegenden zutrifft. In Donnersbachwald verblieb man beispielsweise immer beim Hausnamen, Brandl, Pötsch, Riesner, Goldbacher, Greiner, Schaffer, Ilsinger, Schauppen. Im benannten Dorfe fielen mir auch die Namen Herr und Unherr, zwei benachbarte Gehöfte, auf. Der eine dieser Bauern spielte seinerzeit einen „Herrn“, man hieß ihn „Herr“, was sich als Hausname erhielt. Der Nachbar war das Gegenteil von einem Herrenbauer, weshalb man ihn den Unherrn hieß, was sich ebenfalls als Spitzname erhielt. Haus- und Familiennamen decken sich fast nie, aus Gründen, die vorhin angedeutet wurden. In Donnersbach, wo viele Bauern hoch auf den Hängen liegen, trifft man einen Hochfasching, Hochperr, Obermoser, Oberklammer. Selbst in älplerischen Dichtungen trifft man Vulgarnamen. wie z. B.:

Beim Gamper, beim Retl,

Beim Färber, beim Getl,

Beim Mor und beim Bocha

Hab'n s' zipferte Kropfa.


Daß Familiennamen auf die Bäuerei weit zurückreichen, ist nicht uninteressant. So existierte im Ennstalerischen bis vor wenigen Jahren auf dem Großbauernhofe Mar in Steinkeller bei St. Martin an der Salza das Geschlecht der Meier durch vier Jahrhunderte. In der Gegend von Admont war auf einem Bauernhofe, wie erwiesen, noch länger das Geschlecht der Hollinger.
 

In den alten Taufmatriken zu St. Peter im Sulmtale traf ich den Familiennamen Reiterer schon 1650 siebenmal, ein Beweis, wie verzweigt bereits dieses Geschlecht vor diesem Jahre war. Jedenfalls hieß der Name ursprünglich Reiter. Wie ein Reiterer daraus wurde, wer könnte es heute feststellen? Uralte Bauerngeschlechter sind die Lechner (von Lehen), Häusler, Pointner (von Painte d.i. ein Weideplatz), Zechner (von Zeche). Gruber, Seibold, Luitpold, Kamper, Kendler, Moser u.s.w. Die Zusammensetzung mit Lechner ist häufig. In Sonnberg bei Trieben traf ich einen Vetterlechner, Rührlechner, Schmiedlechner und Bäckerlechner, alle in der Gemeinde Dietmannsdorf.

Zum Schlusse sei noch angeführt, daß Haus - und Familiennamen auch von Orts-, Berg- und Flußnamen abgeleitet wurden. Bei einem Hause in Trieben im Paltentale hieß es das Triebner, Edlacher kommt von Edlach, Sölkner von Sölk. Weißenbacher von Weißenbach, Schwarzenbacher von Schwarzenbach. Erstaunt war ich über den Bergnamen Tattermann in Donnersbachwald, eine altgermanische Bezeichnung, da Tattermann einen altheidnischen Hausgeist bezeichnet.

Im Werke “Gräz" von Polsterer steht Seite 30, daß im Jahre 1532 ein ausgestopfter „Tartarmann“ am Johannisabende herumgetragen wurde, waß an die Tartaren (Türkenzeit) erinnert. 1774 aber abgestellt wurde.

In Vorderwald, Gemeinde Donnersbachwald, hieß es beim heutigen vulgo Stocker seinerzeit beim Schnauzen, weil der Besitzer, ein aus Italien stam­mender Maurer, namens Decasta, einen riesigen Schnurrbart trug. Im Volksmunde hieß man den Mann den Schnauzen. Als er starb, nannte man die Witwe die Schnauzenmirl. Der Name Schnauz war den Wald­bauern offenbar geläufiger als die welsche Bezeichnung Decasta. Ja, noch mehr, da die Schnauzenmirl Salben sott, hieß man diese Salben die Schnauzensalben. Wenn nach fünfzig Jahren bei den Waldbauern noch von dieser Salbe gesprochen werden sollte, wird die künftige Generation wohl keine Ahnung mehr haben, wie die Salbe zu dieser Benennung gekommen ist.

Einzelne Originale haben im Volksmunde ihre eigenen Namen erhalten. So kannte ich vor 28 Jahren, als ich nach Donnersbachwald kam, den Spinnradl Naz, Hülltrager Naz, krumpfingerlten Hias, Schlatthamer Michel u.a.m. Spinnradl Naz war ein Spinnrädererzeuger, der Hülltrager Naz trug immer eine Bettdecke (Hülle) bei sich, der krumpfingerlt Hias kroch eines Tages besoffen über den Putterer-See (Gemeinde Aigen) und erfror sich bei der strengen Winterkälte, die herrschte, alle Finger.

In Sonnberg bei Trieben ist das vulgo Hahnleitner. Der Hausname entstand durch ein Witzwort, es hieß, der Hahn müsse auf der Leiten, wo das Haus steht, Fußeisen anlegen, um nicht abzukollern, da das Haus in der Tat auf einem steilen Hange steht. In Donnersbach, wo es auch viele solch steil gelegene Gehöfte gibt, hört man die Bauern necken: „Gelt, bei euch ist die Henne auf m Ebenfeld abgwalgn und auf der Leiten liegen blieben. Bei euch müssen eh d Hoan Steigeisen anlegen“!

Den eigenartigsten Vulgarnamen, den ich im steirischen Oberlande während meines fünfundzwanzigjährigen Auf­enthaltes (1886—1911) traf, lernte ich im Waldlande kennen.

Er hieß Jagerpeterhannakathllenz. Der Lenz war der Mann der Jagerpeterhannakathl. Und die Kathl? Die war die Tochter der Jagerpeterhanna. Und die Hanna? War die unverehelichte Magd beim Jagerpeter, der Jagerpeter hingegen war ein Keuschler im Hinterwald.

Vier Generationen umfaßte der Name, zumindest vier Sippen: die des Lenz, der Kathl, der Hanna und des erbgesessenen Jagerpeter. In Donnersbach steht auf dem Ilgenberge ein altes Gemäuer. Das Bauerngehöft in der Nachbar­schaft heißt das vulgo Mesner. Die Besitzer dieses Hauses waren bis 1784, wo an Stelle des alten Gemäuers eine Kirche stand, Mesner, das ist Kirchendiener. Der Hausname Mesner hat sich bis auf unsere Zeit herauf erhalten.

Auch weibliche Taufnamen wurden als Hausnamen verwendet. In Weißenbach bei Liezen ist ein Gasthaus, s Agerl (Agatha), weil die Besitzerin Agerl hieß. Vordem hieß das Gasthaus zum Hinterwirt. Nun trat etwas Seltsames ein. Besagte Agerl heiratete einen Schmied, namens Hinterwirt, so daß der vorherige Hausname Hinterwirt zugleich Familienname geworden war.

In St. Peter im Sulmtale gibt es in Karbin und in Hausleiten einen Hirzi, wie der Volksmund anstatt Herzog sagt. In Donnersbach und südlich von St. Johann am Tauern traf ich den Hausnamen Hübler, er kommt von Hübel, eine halbe Hube nannte man seinerzeit so. Eine halbe Hube hatte 18 Joch im Ausmaß. Hübler bezeichnet im steirischen Oberlande das, was man in Unter- und Mittelsteier Keuschler nennt. Dazu sei bemerkt, daß es auch Achtel-, Viertel- und Drittelhuben gab. Die ganze Hube konnte bis auf Achtel zerstückelt werden, wer einen solchen Teil besaß, war auch schon ein Hübler, aus diesem Teilbegriff hat sich später der Haus­name erhalten.

An einzelne Hausnamen knüpfen sich Sagen. So erzählte mir mein alter Freund Klarmann in Trieben, daß sich an die Huben Brotrinner und Brotjager am Tauern folgende Volksüberlieferung knüpft. Zur Zeit einer Teuerung, 1817, wo in der nordwestlichen Steiermark Hungersnot herrschte, ließ der Brotrinner einen Laib Brot abkollern, der Brotjager fing ihn hungrig auf. Beide Gehöfte sieht man von der Tauernstraße aus, sie hatten vor 1817 andere Haus­namen. Heute ist beim Brotjager ein Gasthaus, die Straße zweigt dort nach Triebental ab. Das Brotjager steht an der Reichsstraße, die über die Traun führt, das Brotrinner befindet sich unfern davon auf einer steilen Leite, der Brotlaib, von dem wir vorhin erzählten, konnte leicht vom Brotrinner bis zum Brotjager kollern.

Endlich sei noch erwähnt, daß auch an einzelne Almenhütten, die ihre eigenen Hüttennamen besitzen, sich Sagen knüpfen, welche mit der Namengebung im Zusammenhange stehen. Die Almhütte des Mar in Steinkeller bei Donnersbachwald bestand seinerzeit aus sieben Hütten, weshalb diese Alm im Volksmunde auch heute noch Siebenhütten heißt. Unfern der sieben Hütten ist die Alm Goldbach. Die Sage erzählt, es sei unterhalb der Hütte ein Bach geflossen, in dem sich Gold befand. Welsche trugen das Gold fort. In Hinterwald, Gemeinde Donnersbachwald, war bis vor ungefähr zehn Jahren auch ein stabiler Besitzer, dessen Hausname Goldbacher lautete. Den Schreibnamen Goldbacher traf ich ebenfalls. Ein Krankenkassensekretär in Leoben schrieb sich Goldbacher.

Nördlich von Triebental ist eine Almhütte, Bärenbüchel genannt, der Bühel, auf dem sich seinerzeit Bären der Sage nach aufgehalten haben sollen. Ein Bärental und eine Bärentalhütte ist auf der Koralpe. In ihrer Nähe wurde der letzte Bär von einem „krumpen“ Schneider aus Schwanberg geschossen. Das Tier soll im Joanneum ausgestopft zu sehen sein, mir zeigte man vor Jahren wenigstens im Joanneum den ausgestopften Bären, den „der krumpe Schneider gschossen hat“. Östlich von St. Johann ist ebenfalls ein Bärental, unweit davon ein Berg, namens Bärenkopf (2134 m). Den Namen Bärnkopf traf ich in Donnersbach als Haus- und Familien­namen, auch Bärentaler kommt als Familienname vor, ein Beweis, daß sich aus genannten Ortsbezeichnungen Haus- und Familiennamen bildeten. Auch Anekdoten knüpfen sich an einzelne Familiennamen.

In Pürgg bei Stainach (Ennstal) lebte um 1848 ein Pfarrer, namens Tod (Toth). Diesem stahl man, wie der Volksmund erzählt, einst über Nacht seine Krautköpfe und ließ einen Zettel zurück mit den Worten: „Für den Tod ist kein Kraut gewachsen“. Einen Jäger, namens Josef Löchner, der einst einen Speckbachen (Speckhaut nach der Schlachtung) stahl, nannten die Waldbauern, wie mir meine Frau erzählte, den Speckbachen Sepp. Als man ihn beim Dieb­stahl ertappte, hatte er den Speckbachen wie einen Rock angezogen, dort, wo die Vorderbeine des Schweines gewesen waren, fuhr er mit den Ärmeln hinaus, so daß er den Speckbachen, der sehr schwer war, leichter tragen konnte. Kann man sich denken, was das für ein Hallo bei den Bauern war, als man den Dieb in diesem „Aufzug“ ertappt hatte.



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