[Zum Index]

Der Stammbaum.


Von Hans Walser.

(Veröffentlicht  1907)

Er war Speerhalter des Germanenherzogs Rabolf  und hieß Wulfing. Sein Sohn Rabaug war Bärentöter.  Dessen Sohn Ham war Hautgärber.  Dessen  Sohn Bonifazius war Schollenbrecher.  Dessen Sohn Josua war Rossetreiber. Sein Sohn Christmann war Landwirt.  Sein Sohn Karl war Landwirt. Sein Sohn Gotthart war Wegelagerer und wurde am Pfahl erdrosselt.  Sein Sohn Wolf war Wildroder. Dessen Sohn Gutram war Handelsmann.  Dessen Sohn Rodolf war Führer einer Freischar. Sein Sohn Titus war Burgherr auf Runstein. Sein Sohn Atzel, das Kind einer Hirtin, war Eseltreiber. Sein Sohn Leonhart war Grobschmied. Sein Sohn Fridol war  Pfaffe.  Sein Sohn  Ulrich war Schafottmeister und richtete über dreihundert Übeltäter.  Sein Sohn Petrus war Landsknecht  und zog gegen die Türken. 
 
Sein Sohn Wahnfried war Wundarzt. Sein Sohn Hironi war Postillon. Sein Sohn Fidibus war Priester und wurde Erzabt zuFulda. Sein Sohn Aladar, das Kind einer Zigeunerin, war Hofnarr am Hofe zu Prag.  Sein Sohn Pretz war fürstlicher Vorreiter zu Prag.  Sein Sohn Hermann, das heimliche Kind einer Prinzessin, war Gutsherr auf Rabenstein.  Dessen Sohn Gotthart war Gutsherr auf Rabenstein.  Dessen Sohn Franziskus war Kaufmann und fiel zu Paris durch das Fallbrett. Dessen Sohn Otto war Advokat und königlich bayerischer Gesandter zu Wien.  Dessen Sohn Josef war Revolutionär und floh in die Schweiz. Dessen Sohn Gottfried war Landammann im Kanton Zürich. Dessen Sohn Anton war Hausierer mit Wanduhren, Vogelbauern und   Mausfallen in den Ländern Tirols und Kärnten.

Und der Sohn Antons heißt Röchele und ist Schriftgelehrter und Steinklopfer auf der Landstraße zwischen Stadt Steyr und Hieflau. Den Namen Schriftgelehrter konnte Röchele sich mit Fug und  Recht selber beilegen, denn wie könnte er sonst die Dokumente lesen, die er  in einer großen, einmal rot gewesenen Brieftasche immer am Leibe trägt. In dieser Brieftasche hatte er sein Vermögen und dasselbe bestand eben in den Dokumenten oder Bruchstücken von alten Schriften, auf Grund derer sein eben dargetaner Stammbaum zusammengeschrieben war. Wieso er zu den Urkunden gekommen, das war sein Geheimnis, aber mit seiner langen Ahnenreihe hielt er nicht zurück; prahlte sich aber auch nicht  damit. Was ist da viel dran? Jeder Mensch hat eine lange Ahnenreihe, nur daß sie die meisten nicht herzusagen wissen. Und wenn sein  Großvater, der Landammann, sich den Spaß gemacht hat, den Vorfahren nachzuforschen und ihre Reihenfolge  auf  ein Blatt Papier  zu bringen,  so war das für einen Bürger der freien Schweiz ein recht kindliches Vergnügen. Der erste bekannte Ahn war Speerhalter eines Herzogs gewesen; der letzte ist Steinklopfer an einer herzoglichen Landstraße,  das ist in Ordnung.

Weil er aber doch seinen stattlichen Stammbaum mit den verschiedenerlei Vätern manchmal herzeigte, so zogen ihn die Leute damit auf und er solle doch seinen alten Adel besser ausnützen. Nun war in der Reihe nur einer, auf den er sich etwas zu gute tat, und das war Gottfried, der Landammann, nachdem er sich auch schrieb. Röchele Landammann, ohne viel nach dem zusammenfassenden  Geschlechtsnamen der Alten zu fragen. Denn Grübler und Schnüffler  ist der Röchele keiner - wenn. er's linder hätte auf der Welt, wäre es ihm recht, doch wer einen guten Schlaf hat, für den ist auch der Steinhaufen ein Federbett. Eines Sonntagnachmittags, als er in heiterer Wirtshausgesellschaft saß, redete ihm der vorwitzige Rodelbauß von Sankt Gallen zu, er solle doch gescheit sein und auf Grund seines Stammbaumes um den Adel einkommen. Er bekäme ihn gewiß auf der Stelle; dann wäre er ein gemachter Mann und könne den künftigen  Jahrhunderten ein großes Geschlecht von Edelleuten erzeugen. Seine Vorfahren seien ja knapp an Herzögen und Königen vorbeigerutscht, aber seine Nachkommen würden es mitten hinein treffen.

Der Steinklopfer zupfte an dem Spitzchen seines falben Schnurrbartes, wackelte einiges mit dem Kopfe und meinte bescheidentlich, es sei ein zu großes Durcheinander: neben dem herzoglichen Speerhalter der Rossetreiber, neben dem Handelsmann der Wegelagerer, neben dem Prälaten der Zigeuner, neben dem Schloßherrn  der Schafottmeister, neben dem Sauhirten der Hofnarr. Diese Mischkulanz, es wäre eigentlich zum Lachen.

„Ja denk' einmal, Röchele“, sagte der Rodelbauß, „geht's den  übrigen Edelleuten viel anders? Wenn die in ihren Blutstropfen einmal  genau wollten nachgucken! Herr Jesseles!" „Ihre Alten sind zeitweise wenigstens Erzräuber gewesen oder so was“, antwortete der Röchele. „Meine Leute aber — so vielerlei sie auch  getrieben  —  haben  nicht viel Großartiges  aufzuweisen.“

„So. Nichts aufzuweisen!“ rief der Rodelbauß lustig. „Ich wollte, einer meiner Ahnen wäre nachweisbar herzoglicher Speerhalter gewesen in der Hermannsschlacht; da möchten mir die Leute mein heldenhaftes Soldatenherz schon lieber glauben. Oder ein Vorfahre wäre Hofnarr gewesen, da hätte ich Aussicht, am Ende noch Hofrat oder gar Minister zu werden. Und wenn dein Schafottmeister dreihundert Spitzbuben gehenkt hat — ja, was willst denn noch mehr! Allen Respekt, das nenne ich was geleistet! Ja, ja, Landammann, du mußt einkommen um den Adel, Du bekommst ihn, ich wette.“  Halb zum Scherz hatte es der Rodelbauß gesagt, halb glaubte er selbst dran, daß des Steinklopfers Stammbaum bei seinen reichen und vielartigen Früchten dem Kaiser nur vorgezeigt zu werden brauchte, um zum mindesten das Wörtlein „von“ zu bekommen. Steht man mal auf der ersten Stufe, dann trappelt sich's mit einiger Klugheit schon hinan.   Dem guten Kerl   möchte   er's wünschen.

So ging der Röchele eines Tages richtig zum Bürgermeister, um anzufragen, was in solcher Sache zu machen sei. Der Bürgermeister durchlas mit schwerfälliger Umständlichkeit die Schrift des Stammbaumes, zeigte aber dafür kein rechtes Verständnis. Besonders gegen zwei der Ahnen fand er etwas einzuwenden. Nicht zwar gegen den Schafottmeister, der die Leute gehangen hatte, wohl aber gegen den Wegelagerer, der gehangen worden, und gegen den Prälaten, der mit der Zigeunerin den Stammbaum fortgepflanzt hatte. Anderseits dachte er doch wieder, daß dergleichen bisweilen adeliger Brauch wäre. Er riet dem Steinklopfer, höherenorts, etwa bei der löblichen Bezirkshauptmannschaft, vorzusprechen, da würde er schon nähere Einschläge erfahren können. Der Bezirkshauptmann war selbst ein Baron, war's erst vor kurzem geworden. Der würde schon Ratschläge erteilen können, wie man das mache, und gewiß dem  beflissenen  neuen Standesgenossen gerne die Hand   reichen.
Aber dieser Bezirkshauptmann, als er die Stammtafel las, lächelte etwas unverschämt. Auf solche Weise, meinte er, wäre es freilich leicht, zu Ahnen zu kommen. Übrigens, wenn auch alles auf gut legitimem Wege vor sich gegangen wäre, so hätte nach seinem Ermessen ein solcher Stammbaum wenig Wert. Er selbst habe keinen Stammbaum aufzuweisen und den Adel, der ihm durch die Güte Seiner Majestät geworden, glaube er persönlich verdient zu haben. Solches rate er jedem, der hinauf wolle. — Derlei Aussprüche waren für Röchele von keinem Belang.

Er wußte mit ihnen nichts anzufangen, nur daß ihm leise eine Ahnung kam, er stünde mit seiner Adelssache hart an dem Punkte, wo der Mensch ausgelacht werde. Er ließ es daher gut sein. Er benutzte wie bisher seine Stammtafel nur dazu, um über die einzelnen Väter Betrachtungen anzustellen und zu bedenken, was der Mensch — und wäre es auch nur ein Steinklopfer — eigentlich für ein merkwürdiges Wesen sei, indem es eine Sammlung von Blutstropfen der verschiedenartigsten Vorfahren in sich hat. Alle guten und bösen Eigenschaften, alle möglichen Neigungen und Fähigkeiten sind im Keime vorhanden, den Edelmann wie den Lumpen trägt jeder in sich. Und  daß es eigentlich gut sei so. Wenn der Mensch nicht von allem etwas in sich hätte, stünde er ganz dumm da, könnte sich in keinen anderen hineindenken, niemanden verstehen. Dabei kam ihm aber nicht zu Sinne, daß er etwas anderes sein möchte, als Steinklopfer.   Keiner der Vorfahren war Steinklopfer gewesen, aber in einer Welt, wo Fahrer und Reiter gute Straßen haben wollen, müssen doch auch Steinklopfer sein. Wer weiß, ob ein bluteigener Nachkomme nicht als hoher Herr des Weges fahren wird, dem muß man eine schöne Straße bauen. Ja, Nachkomme!

Wie soll der Röchele Landammann denn Nachkommen erwarten können? Da müßte er wohl Näheres mit jenem Wirtstöchterlein zu Mooswiesen ausmachen. Es ist doch wahr, wer von jemandem hergegeben wird, der muß sich auch wieder weitergeben. Er darf sich nicht veruntreuen und wie ein schnöder Flüchtling sich nicht mit seinen tausend kostbaren Blutstropfen in die tote Grube verkriechen. Da hat der Röchele sich vorgenommen, an die schöne Wirtstochter einmal eine Frage zu stellen. Schotterhaufen, wie sie der Steinklopfer macht, sind zwar kein sehr begehrtes Heiratsgut, am wenigsten bei verwöhnten Wirtstöchtern. Anderseits wußte er von mancher Maid, die heimlich nach ihm ausgeguckt, dic er jedoch allemal wie zufallig übersehen hat, weil sie ihm nicht gefiel. Gerade entzückend schön, das wußte er, war auch er nicht, aber vom Stammbaume erhoffte er etwas, jetzt bei der stolzen Wirtstochter.

Mittlerweile war es geschehen, daß nach einem Wolkenbruche die Ortschaft Mooswiesen von der Überschwemmung verwüstet worden. Ein eigentliches Unglück gab es nicht, aber eine recht unangenehme Mißlichkeit. Da gab es nämlich einen gemauerten Kanal, der aus dem Dorfe die Abfallwässer und allen Unrat in den Bach hinausleitete. Dieser Kanal war nun durch das Hochwasser so gründlich verstopft worden, daß er anfing, oben allerorts überzugehen. Es war nötig, daß jemand hineinstiege, aber keiner wollte sich dazu hergeben. Wie nun der Steinklopfer Röchele von der wunderlichen Not hörte, in der das schöne Mooswiesen sich befand, überlegte er, daß sich irgend einer doch finden müsse, der mit einer festen Stange dem Unheil steuerte, die Wege des Ortes sowie die Leute und besonders die lieben Wirtstöchter von der Plage befreien. „Will's kein anderer tun, so tu' ich's.“ Fröhlich bot er sich an und stieg in den Kanal. Nach kurzer Zeit war der Durchlaß frei. Die Jauchen gurgelten wieder durch und der Rochele sprang in den Teich, um sich von dem Unwesen zu reinigen. Das tat er drei Tage nacheinander. Dann zog er sein Festgewand an und ging in das Wirtshaus. Lachend rückten die Leute von ihm seitab und ließen ihn allein sitzen und die schöne Wirtstochter hielt sich die Nase zu. Mehr brauchte er nicht zu  wissen.  Was hilft  der Stammbaum, wenn man im  üblen Gerüche  steht.  

Lachend ging er zu seinen Steinhaufen an der Straße. Von   dieser   kleinen Geschichte hatte auch der Bezirkshauptmann vernommen.   Und der soll   folgendes gesagt haben:    „Wenn   ich jetzt Landesfürst wäre, diesen Mann erhöbe ich in den Adelsstand. Aber nicht auf Grund seines Stammbaumes, vielmehr auf Grund seiner vornehmen Gesinnung, die auch den geringsten Stand und die niedrigste Arbeit zu adeln vermag.“  Ich weiß nicht, ob der Steinklopfer von diesem Ausspruche etwas erfahren hat. Wenn auch nicht, er spann Zukunftspläne wegen einer Lebensgefährtin und erfreute sich heiterer Träume. In einer Nacht sah er eine Tafel aus Marmorstein vor sich stehen, darauf zu lesen stand wie folgt: Der Sohn Rocheles, des Steinklopfers, hieß Gottfried und war Kanalräumer. Dessen Sohn Michel war Dachdecker. Dessen Sohn Johann war Holzhändler. Dessen Sohn Julius war Automobilfabrikant. Und dem sein Sohn Adolf war  Mechaniker und erfand das lenkbare Luftschiff im Jahre des Herrn zweitausend und siebzehn.

[Zum Index]