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Veröffentlich im Heimgarten, von Peter Rossegger


Über Volksheilmittel.

Von F. A. Kienast.


    Trotzdem wir Deutsche seit Jahrhunderten die Segnungen des Christusglaubens genießen und die Geistlichkeit zu allen Zeiten ihr Möglichstes getan hat, jedwede mit seinen Tendenzen in Widerspruch stehende Regung aus dem Bewußtsein des Volkes zu tilgen, trägt dessen Art, sich zu geben, doch noch unzählige Merkmale seines heidnischen Ursprunges zur Schau.

    Dasselbe Volk, das gläubigen Sinnes die Kirche besucht, glaubt gleichzeitig an die Existenz einer Berchtel, an Gnomen, Hexen, Druden, Wildfräuleins, kurz gute und böse Geister aller Art, an Drachen, Lindwürmer, Kronschlangen und anderes Fabelgetier - eine Verquickung von Katholizismus und Heidentum, die, einzig in ihrer Art, den Leuten nicht im Entferntesten als widersinnig gilt, was schon aus dem Einen erhellt, daß sie beispielsweise eben dieselben Palmenzweige, die sie am Palmsonntag in der Kirche weihen ließen, auch zur Abwehr gegen böse Geister, Hexen, Zauberer u. d. gl. verwenden, was doch dem Glauben des Christen, daß sowohl die lichten, als die dunklen Lose des Menschen einzig und allein im Schoße des dreieinigen Gottes ruhen und sich jeder fremden Einflußnahme entziehen, schnurstracks zuwiderläuft.

    Fast alles Ungemach in Haus und Hof gilt den Landleuten als Ausfluß des Übelwollens tückischer Geister, das auf die aller verschiedenste Weise: als Beschwören, Verhexen, Verschauen, Verschreien oder Vermeinen u. s. w. zu Tage treten kann, wie wir gleich aus ein paar Beispielen sehen werden.

    Wenn der Bauer einem Bettler die Türe weist, so rächt sich letzterer nicht selten dadurch, daß er ihm das Vieh verhext, was denn alle möglichen üblen Folgen nach sich zieht. So erzählte mir ein Bauer, daß seine Kühe rote Milch gäben und fragte mich, ob ich dagegen kein Mittel wüßte. Ich erklärte ihm natürlich, daß die Färbung der Milch (die oft auch blau ober gelb ist) von gewissen Beimengungen des Futters herrühre, ober durch Infusorien oder Schimmelpilze bedingt sein kann, und dies eben auch bei der Milch seiner Kühe der Fall sein werde. Umsonst! - Schließlich blieb mir nichts Anderes übrig: ich gab ihm irgend ein unschuldiges Medikament - und wirklich! - der Zauber schwand, freilich erst, nachdem das verunreinigte Futter zu Ende war.

    Ein andermal klagte mir eine Bäuerin, daß sie Abends ein altes Weib - natürlich eine Hexe! - vor der Türe ihres Stalles hocken gesehen. Da habe sie die Knechte gerufen: die mußten sie von dannen jagen. Aus Rache hat sie's nun dem gesamten Vieh "angetan." Etliche Stücke waren schon verendet; die Kühe gaben teils keine, teils nur spärliche Milch, die sich schon nach wenigen Stunden zersetzte und denen, die sie genossen, Unwohlsein verursachte. So etwas war ohne Hexerei undenkbar. Die Sache kam vor Gericht. Da stellte es sich denn heraus, daß bei der Stalldirne der Sinn für Reinlichkeit nicht genügend entwickelt war, daher sich sowohl an den Kübeln, aus denen das Vieh seine Tränke bekam, als auch an den Gefäßen in denen die Milch gemessen wurde, Grünspan angesetzt hatte. Hiermit war die ganze Hexerei auf höchst natürliche Weise erklärt, aber die Bäuerin verließ kopfschüttelnd den Gerichtssaal: "Und i laß ma's nit nehma, 's Vieach war halt do vahext!"

    Ein beliebtes Präservativ gegen Hexenkünste ist das Tragen von Amuletten. Es sind dies Säckchen, die entweder geweihte Gegenstände oder Arsenik und andere pharmazeutische Drogen enthalten und von den Leuten um den Hals gehängt auf der bloßen Brust getragen werden.Amulette, in denen sich Arsenik (Hüttenrauch oder "Hüdrach," wie das Volk ihn nennt) befindet, helfen überhaupt gegen allerlei Krankheiten, so z. B. gegen Rotlauf; Arsenik wird daher in Apotheken viel begehrt. Da jedoch Gifte nur nach Ordination eines Arztes oder gegen behördlichen Bezugsschein dispensirt werden dürfen, so wenden die Leute alle möglichen Diplomatenkünste an, um sich in den Besitz dieses Wundermittels zu setzen. Auch zu dem obigen Zweck wird Arsenik auch von den Roßhändlern in betrügerischer Weise verwendet. Sie geben nämlich den zu verkaufenden Pferden zwei oder drei Wochen vorher täglich 2-3 Ctgrm. dieses Giftes ein, damit sie glattes Haar und ein volles, feuriges Aussehen bekommen. In einigen Teilen der Steiermark ist bei der Landbevölkerung bekanntlich auch das Arsenikessen sehr in Schwung, eine gleich bedauerliche Gewohnheit als das Opium-Essen und -Rauchen der Orientalen. Ich habe während meines mehrjährigen Aufenthaltes in der Steiermark Arsenikesser von 30-80 Jahren kennen gelernt, darunter welches die es im Verlauf des Jahres dahin gebracht, von diesem starken Gifte als Tagesration eine Quantität zu sich zu nehmen, die einen des Genusses Ungewohnten absolut töten würde. Die Arsenikesser sehen prächtig aus, dürfen aber mit der Zusichnahme dieses Präservativ, die quantitativ von Jahr zu Jahr steigt, nicht aufhören, denn: mehr oder weniger rapid auftretende Abmagerung und Verfall der Kräfte sind die unausbleibliche Folge.

    Ein Mittel gegen Rotlauf ist, eine rote Zimmermanns - Schnur so lange um den Hals zu tragen, bis das Übel gewichen. Dabei sind aber zwei Umstände wohl zu beachten: Die Schnur muß schon gebraucht und gestohlen sein!Anders hilft sie nicht. Ein anderes Präservativ gegen die oben bezeichnete Krankheit ist, in die Stube eines mit Rotlauf Behafteten entweder einen Gimpel ober Krummschnabel zu bringen. Diese rotbefiederten Vögel haben nämlich die wahrhaft samaritanische Eigenschaft, den Rotlauf an sich zu ziehen, müssen aber dann selber sterben, falls ihnen nicht die fürsorgliche Hand des Besitzers ein Läppchen aus Scharlachtuch in den Bauer gehängt hat, an das sie den Ansteckungsstoff übertragen können. Auch die Federn besagter Vögel finden gegen Rotlauf Anwendung, wie denn die rote Farbe bei den Landleuten überhaupt, nicht nur in Bezug auf die Wahl gewisser Kleidungsstücke, sondern, wie wir gesehen haben, auch in der Heilkunst eine große Rolle spielt.

    "Übern G'sund steht halt nix!" sagt der obersteirische Bauer, und in seinem Bestreben, eine oder die andere Krankheit von der er befallen worden, zum Weichen zu bringen, entschließt er sich selbst die ekelhaftesten Dinge - sowohl innerlich als äußerlich - anzuwenden, was er mit dem in seinen Kreisen allgemein gültigen Grundsatz motiviert: "Übles Übel muß man mit Übel vertreiben." Die Zahl der Volksheilmittel ist begreiflicher Weise eine immense, von denen ich jedoch an dieser Stelle nur die gebräuchlichsten und solche, welche sich durch das Originelle ihrer Anwendungsweise auszeichnen, zur Sprache bringen will.

    Gegen Wassersucht werden Salben aus Attich-, Kreuz- und Wachholderbeeren entweder einzeln ober vermengt als sogenannte "gemischte Salse" angewendet; Meerzwiebelsaft und Wein dienen dem gleichen Zwecke.Die blauen Beeren des Wachholders (Kronawetten) werden von den Leuten auch in Wasser oder Wein zu einem Tee verkocht, oder auch in natürlichem Zustande gekaut. Auf nüchternen Magen genossen, gelten sie als Schutz gegen ansteckende Krankheiten, zu welchem Behufe man sie auch (so wie das Holz), auf glühende Kohlen gelegt, zu Räucherungen verwendet. Das ätherische Wachholderöl wird innerlich und äußerlich, eben so ätherisches "Küm" (Kümmel)-Oel, für sich allein innerlich, mit Grünöl gemengt, äußerlich gegen Kolik und Blähungen gebraucht. Gegen erstere Krankheit, sowie bei Lungenkrampf, gilt auch eine Abkochung von Edelweiß und Edelraute in Milch oder "Schottsuppe" als bewährtes Mittel. Gegen Bauchschmerzen werden Kamillenblüten als Tee in Gebrauch gezogen und zwar gibt es kleine von der gewöhnlichen und große von der römischen Kamille. Nun glauben aber die Leute, dieser Unterschied habe auch auf den Gebrauch Bezug und wenden die großen Kamillen nur bei Erwachsenen, die kleinen nur bei Kindern an.

    Schwarze Hollersalze, Holler- und Lindenblütentee werden als schweißtreibende Mittel angewendet. Mit gleicher Vorliebe gebrauchen die Leute Purgier- und Brechmittel und es sind mitunter (in des Wortes eigenster Bedeutung) wahre Roßkuren, denen sie sich unterziehen.

    "Machen Sie's nur recht scharf, damit's angreift" oder: "Thoans nur rund vil eini, i hab' sovil a starke Natur!" sind bei solchen Patienten, wenn sie ein ärztliches Rezept zur Bereitung in die Apotheke tragen, ständige Redensarten und ihr Mißtrauen in die moderne Heilkunde ist ein derartiges, daß sie sich selten an die Anordnungen des Doktors halten, sondern meist das Zwei- und Dreifache des ordinierten Medikamentes zu sich nehmen.

    Bei Zusichnahme von Hoffmannstropfen (einem Gemisch von Schwefeläther und Alkohol) und anderen medikamentösen Spirituosen, die normal gebaute Menschen nur tropfenweise auf Zucker nehmen, setzen sie ohne viel Umstände das Fläschchen an die Lippen und machen ein paar kräftige Züge. Geben sie doch den sogenannten Hirschhorngeist, eine ammonniakalische Flüssigkeit von penetrantem Geruch und Geschmack, sogar kleinen Kindern ein.

    Die Früchte vom ostindischen Tintenbaum (Semrcarpus Anacardium) werden von den Landleuten unter dem Namen "Elephantenläuse" als Amulet gegen Zahnschmerz und Gliederreißen getragen und zwar machen sie einen strengen Unterschied zwischen "Manderln" und "Weiberln." Auf derlei Unsinn muß der Apotheker unter allen Umständen eingehen, sonst kommt sein Geschäft in Verruf, wie denn in Bezug auf die Wertigkeit einer Apotheke auch bei so Manchen aus der Mittelklasse ein ganz origineller Maßstab in Anwendung kommt. Ist das Lokal, in der sie sich befindet, groß und starren dem Eintretenden eine recht imposante Anzahl von Gefäßen, Büchsen und Laden entgegen, so hat man es mit einer "ganzen" Apotheke zu tun, andernfalls kann sie nur auf das Prädikat: Dreiviertel, Halb ober Viertel Anspruch machen.

    Die Früchte von (Cubeba officinalis, einem ostindischen Kletterstrauch vom Volk Würfelkörner genannt werben  gekaut,   als Präservativ gegen Schwindel und Kopfschmerz angewendet.  -   In   ähnlicher   Weise findet der aus der Wurzel einer zwischen dem Aralsee und dem persischen Meerbusen heimischen Umbellifere gewonnene Asant oder Teufelsdreck, ein nach Knoblauch riechendes Harz, Verwendung.

    Eine große Rolle im Arzneischatz des Volkes spielen die Fette verschiedener warmblütiger Tiere, als Bären-, Dachs-, Fuchs-, Gänse-, Fasan-, Hunde-, Igel-, Katzenschmalz u. s. w..  Sie werden innerlich und äußerlich gegen alle möglichen Krankheiten, am häufigsten gegen Brust- und Lungenleiden angewendet. Alle diese Fette werden in den Apotheken fast durchwegs durch Schweinefett ersetzt, was den Leuten nur selten auffält. In einigen Apotheken tut man allerdings ein Übriges und sucht das Äußere und die Konsistenz des verlangten Fettes durch entsprechende Beimengungen nachzuahmen, aber meistenorts kommt Alles aus demselben Topf, ein Vorgehen, das durch den Umstand, daß die Wissenschaft längst in evidenter Weise nachgewiesen hat, daß all' diesen Fetten keine andere Wirkung als die des gewöhnlichen Schweinefetts innewohnt, seine volle Berechtigung hat.

Die erwähnten Fette sind eben ein Überkommniß aus den Pharmocopäen früherer Jahrhunderte. Aufklärung erweckt bei dem Ungebildeten nur Mißtrauen und hat in den seltensten Fällen den beabsichtigten Erfolg, somit bleibt nur der Ausweg, scheinbar auf seine Wünsche einzugehen und ihn in seiner Illusion zu erhalten.

Mit besonderer Vorliebe treibt das Volk Schlangenkultus, wie ja schon Äskulap und seine Nachkommen, die Asklepiaden, die Schlangen in medizinischer Hinsicht hochhielten, so daß der schlangenumwundene Stab des Asklepiades noch heute als Emblem des medizinischen, wie des pharmazeutischen Standes gilt. So legen die Landleute als Präservativ gegen Rheuma Schlangenhäute auf glühende Kohlen und räuchern damit die Zimmer. Schlangenfleisch findet innerlich gegen Lungensucht, Schlangen- und Natternschmalz   äußerlich   bei   Beinbrüchen Anwendung, und pulverisirter Schlangenbalg wird bei Seuchen dem Vieh eingegeben. *)

Was für Anforderungen übrigens von den biederen Landleuten an die Apotheker gestellt werden, mögen zwei ergötzliche Beispiele dartun.

Da kommt einmal ein altes Männchen in die Apotheke. Befragt, was sein Begehr, will es lange nicht heraus mit der Farbe, sieht sich erst vorsichtig um, ob sonst Niemand anwesend, tritt schließlich ganz nahe an den Apotheker heran und sagt in einem wahren Sirenenton: "I hätt halt a recht a schöne Bitt'!" "Nun?" . . . "I brauchad a Haut von an Erhängten." "Was?" rief der Apotheker in gerechtem Erstaunen. "Ja, ja," fuhr das Männchen lebhaft fort, "i weiß schon, daß Sie's hab'n, awa hergeb'n than sie's nit gern." "Ja was fällt Ihnen denn nur ein?" "Wohl, wohl, that gar schön bitt'n, i hab' a kranks Büabel dahoam, dem that is gern eingeb'n, weil's halt fürd' Lungelsucht gar so heilsam is. I zahl Ihna dafür, was's woll'n." In dieser Weise ging der Dialog fort. Der sonderbare Kunde war nicht zu bekehren. Da kam dem Apotheker plötzlich ein rettender Gedanke. Er ging hinaus und brachte ihm das Verlangte. "Sehn's, i hab's gewußt, daß es hab'n. Vergelt Ihnas unsa liaba Herrgott!" Und freudestrahlend ging das Männchen mit seiner schwererkämpften - Speckschwarte von dannen.

In ähnlicher Weise half sich auch ein Apotheker aus der Schlinge, der von einem Bäuerlein in zudringlichster Weise um "Arm'-Sünderschmalz" angegangen wurde. Auch in diesem Falle mußte das edle Sus Scrofa mit seinem Fett als Deus ex machina herhalten.


Von fetten Ölen sind die folgenden gebräuchlich:

1. Lilienöl bei Brandwunden. In den Apotheken wird einfach Sesamöl
gegeben, da den Blumenblättern der Lilien, die man früher in Oel kochte,
absolut keine Heilkraft innewohnt.

2. Johanniskrautöl  bei Wunden, Rheuma u.s.w., wird aus dem selben Grunde   durch rotgefärbtes Baumöl ersetzt.

3.    Ameisen-,  Regenwurm-  und Skorpionöl gegen Gicht, Hexenschuß
u.s.w. Wird in allen  Apotheken durch  reines  Olivenöl  ersetzt. Nur
bei letzterem wird hie und da ein Übriges getan, indem man ganz kleine Krebse als Pseudoscorpione hineingibt. Auch Ameisen-   und  Regenwurmgift   sind beliebte Volksheilmittel.   

Andere gebräuchliche Öle sind: Speicköl, weißes, schwarzes und rotes Steinöl, Tannen- und Terpentinöl zu Einreibungen bei Hexenschuß.   Kampfer-, Salmiak-, Seifen- und Terpentingeist wird in ähnlicher Weise angewendet. Zu Pflastern und zum Auflegen auf Wunden  wird  auch fester Terpentin verwendet.

An Pflastern hat das Volk die schwere Menge.   Besonderer Beliebtheit  erfreuen sich   das   schwarze Rubenspflaster und das sogenannte Dörrband....

 Wenn ein oder das andere Glied  des Körpers in Folge durch Verwundung bedingter Untätigkeit den  andern an  Fülle   nachsteht oder zufolge einer Krankheit der ganze Körper in einem Abmagerungsprozeß begriffen ist  -  in beiden Fällen ersetzt sich die normale Fülle von selbst wieder; in ersterem Falle, sobald das betreffende  Glied  seine Beweglichkeit wieder erlangt hat, in letzterem Falle auch,  sobald die, wenn nicht unheilbare,  Krankheit gewichen ist)  - so nennen  das   die Leute   "Schwund." Als Gegenmittel nehmen sie Mumia vera ein,  deren angebliche Wirkung nur auf ihrem Gehalt an bituminösen Harzen, dem Hauptbestandteil der von den Ägyptern zur Mumifizierung ihrer Toten verwendeten Ingredienzien, beruhen könnte. Die heute in den Handel kommende Mumie ist gewöhnlich Artefact, doch hatte ich auch wiederholt echte Waare in den Händen, so unter andern Stücken einmal ein wohlerhaltenes Schädelfragment, dem noch Haare aufsaßen, wie ich auch nicht selten kleine Stückchen von Leinen und Byssusstreifen aus der zerkleinert bezogenen Waare  zu Tage  förderte.
    
Große Stücke hält das Volk auch auf seine "Geister und Tropfen," Namen, von denen die Landleute ein ungemein ausgedehnten, mit der Theorie des Pharmazeuten, der unter Geist ein spirituoses farbloses Destillat, unter Tropfen (fachmännisch Tinktur genannt) einen spirituosen Ansatz von der Farbe des hiezu verwendeten Stoffes verstanden wissen will, durchaus nicht übereinstimmenden Gebrauch machen.

Wenn die Leute auf die Alm gehen ober nach Maria-Zell wallfahrten, machen sie vorher in der Apotheke ihre Einkäufe, damit sie wenn ihnen was anfallt oder zustoßt, etwas bei der Hand haben." Da kaufen sie Melissengeist, Kümmelgeist, Lebensessenz und Wunderbalsam für Magenbeschwerden; Minzengeist, Hirschhorngeist, Hoffmannsgeist, Kamillentropfen, Zimmttropfen, Bibergeil-tropfen für Bauchschmerzen und Magenkrampf; Kölnerwasser, Vier-Räuber- oder Spitzbubenessig und das Gewürznelkenöl zum Riechen und Benetzen des Kopfes bei Üblichkeiten, Ohnmachten, Kopfschmerz u.s.w..  Nelkenöl und Kölnerwasser sind zugleich die einzigen Parfüms, deren sich die Bauerndirnen, und zwar mit Vorliebe bedienen.

Die echte Lebensessenz setzen sich Viele nach einem alten, unter der Landbevölkerung in unzähligen Abschriften kursierenden Rezepten selbst an. Wie  schon der Name dartut, hilft sie für Alles, daher ich mir nicht versagen kann, der leidenden Menschheit das Rezept vollinhaltlich mitzuteilen:

Theriak 1 Büchserl, Safran 1 Quintl, Aloe, Ingwerwurzen, Lerchschwamm, Manna, von jedem 1 Lot, Enzianwurzen, Calmuswurzen, Sennesblätter, Sternaneis, von jedem 2 Lot, Blaue Kronawetten 1/2 Seitel.

Dieses Alles schön klein zusammengeschnitten wird in einem Maß Gleger=
(Korn-)Branntwein angesetzt und 8 Tage stehen gelassen.

Hier mögen gleich noch ein paar Rezepte ihren Platz finden, die unter dem Bauernvolk allgemein verbreitet und von diesem, wie ein kostbarer Schatz gehütet und vor dem Auge des Laien auf das Sorgsamste verborgen gehalten werden, Überlieferungen, die, in ihrem Ursprung Jahrhunderte weit zurückreichend, von eminent kulturhistorischem Werte sind.

Für den Leibschaden: Hirschunschlitt, Gamsunschlitt, Fuchsschmalz, Hasenschmalz, Zirbenpech, Hollerfalse, Sanikelwurzen. Fein stoßen. Von jedem Stück gleichviel auf einem kleinen Feuer zerschleichen lassen, dann Alles durcheinander rühren und auf Irchleder aufstreichen. Über den Schaden und auf das Kreuz legen und alle drei Tage überstreichen.

Rezept von dem Pulver wieder den Schlag oder die schwere Not, wozu gewonnen wird:
3 Lot Päonienwurzel, 3 Lot Päonienkörner, 1 Lot Pfauendreck, 3 Quintl gebrannte, ohne Feuer präparierte Menschenhirnschale, 3 Quintl gebranntes, ohne Feuer präpariertes Hirschhorn, 1/2 Quintl Muskatnüsse, 1/2 Quintl rote Korallen.

Solches muß Alles sehr klein gemacht, gut durcheinander gemischt, in eine wohlverwahrte Schachtel getan und an einem trockenen Orte aufbewahrt werden.

Von diesem Pulver muß der Patient 12 Tage hintereinander nehmen, alle Tage zwei,  eins am Morgen, das andere am Abend in Maiblumenwasser. Den Tag danach, als der Mond voll geworben, muß angefangen und so in der Ordnung fortgefahren werden. Den sechsten Teil von einem Quintl nimmt man auf ein Pulver für eine erwachsene Person, sie mag männlichen oder weiblichen Geschlechtes sein. Einem Kinde, sobald es geboren wird, gibt man eine halbe Linse groß unter eben so viel Markgrafenpulver in der Muttermilch oder einem gebratenen Apfel ein, und damit wird 9 Tage fortgefahren, allemal in der Stunde, darinnen es geboren; wird mit der Hilfe Gottes helfen.

Es darf dieses Pulver auch außer dem abnehmenden Monde genommen werden, wenn es die Not erfordert, auch bei einem Kinde, so es im zunehmende Monde geboren ist, daß man nicht anders kann.

Der Patient muh sich während des Gebrauches der Milchspeisen und aller starken Getränke enthalten... Gottes Segen mit dem Pulver. -

Ein anderes als vortrefflich gerühmtes Mittel gegen die sogenannte "hinfallende Krankheit" oder den Veitstanz, sowie gegen Fraisen besteht darin, daß dem Kranken das von dem Geweih eines jungen, erst geschossenen Hirschen (Spießers) durch Abschaben - und zwar je näher dem Kopfe, desto besser - gewonnene Pulver messerspitzweise eingegeben wird.

Wie man sieht, spielt bei diesen beiden Mittel gegen Epilepsie die Fallsubstanz eine Hauptrolle, ebenso beim Markgrafen-, Muschel- und Korallenpulver**), die ebenfalls für die obenbezeichneten Krankheiten Anwendung finden.

Die pulverisierten Krebsaugen (Krebsaugen sind die bei den Krebsen zur Zeit der Häutung an den Seiten des Magens und am Grunde der Speiseröhre  vorfindlichen Kalkgebilde) werden den Kindern eingegeben, wenn sie an Fraisen leiden, und kleine Krebsaugen von der Größe einer Linse führen die Leute unter das Augenlid ein, um fremde in das Auge gefallene Körper daraus auf mechanischem Wege zu entfernen.

Gepulverte Krebsaugen und das aus Zinnober, Zimmt und Zucker zusammengesetzte Goldpulver, das seinen Namen von den ihm beigemengten Rauschgoldblättern hat, werden den Kindern bei den sogenannten hitzigen Krankheiten, der Schleim der Quittenkerne bei katarrhalischen Affectionen eingegeben.

Die Samen der Päonien an Schnüre gereiht und falzbeinartig zugeschnittene Iriswurzel (die Leute nennen sie "Veigelwurzen") werden den Kindern zur Erleichterung des Zahnens um den Hals gehängt. Iriswurzel wird auch von Erwachsenen gekaut, aber nicht zur Beförderung des Zahnens, sondern für Leiden, die absolut  keine Kinderkrankheiten sind.

Für das Frattsein finden die Sporen von Lycopodium clavatum (fälschlich Bärlappsame und vom Volke Graa-, Graaminas- ober Hexenstupp genannt) als Streupulver Anwendung.

Pulverisierte Eisenfeilspäne und Eisenoxyd werden - ersteres unter dem Namen Schlaglpulver, letzteres unter dem Namen Blutstein - gegen Bleichsucht und als sogenannte "Blutreinigung" in Gebrauch gezogen. Schlechtes Blut gilt beim gemeinem Mann als eine der Hauptquellen aller körperlichen Übel. Als Blutreinigungsmittel erfreut sich außer den allerorts üblichen Purgativen und Blutreinigungstropfen auch ein aus mehrerlei Holzgattungen bestehender Tee - großer Beliebtheit. -

Der Gebrauch des Gras- und Schwarzwurzel-Tees stammt noch aus jener Zeit, wo selbst in ärztlichen Kreisen die fromme Mythe von der blutreinigenden Wirkung gewisser Vegetabilien im Schwunge war. Heute legt man denselben nicht mehr Wert bei, als dem zur Abkochung derselben verwendeten Brunnenwasser.

Alle jene Vegetabilien, aus denen sich die Leute durch Kochen oder Überbrühen ein Heilgetränk bereiten, nennen sie gleich diesen selbst: Tee. Da haben sie ihren Brust-, Maicur-, Kramperl- (isländisches Moos), Spanisch Kräuter-, Wermut- (räumt den Magen aus und ist gut für die Brust!), Kardubenedikten-, Schafgarben- und Tausendguldenkraut-Tee.

Eben so unerschöpflich als die Reihe der vom Volke in Verwendung gezogenen Vegetabilien ist die Zahl der für die allerverschiedensten Krankheiten angewendeten Salben und Schmiermittel.

Der auch von den Ärzten bei Rheuma verordnete Opodeldok wird von den Leuten "fliegende" (statt flüchtige) "Schmiere" genannt... Theriak, ein aus verschiedenen aromatischen Spezies mit Honig angemachter Teig, wird äußerlich und innerlich gegen allerlei Übel angewendet.

Ein beliebtes, aus Harzen und Blüten zusammengesetztes Räuchermittel gegen Rheuma - rheumatische Leiden bezeichnet das Volk mit dem Namen: "Gicht und Gall" - begehren die Leute als Wald- oder "rheumatischen" Rauch. Auch Bernstein (Aggstein) wird als Räuchermittel gegen oberwähntes Übel benützt.

Destillierte Wässer aus den unterschiedlichsten Vegetabilien, als: Holler-, Kirschkern-, Lindenblüthen- und Rosenwasser u. f. w. finden gläubige Anwendung.

Letzteres mit gepulverter Tutia ober weißem Nix (Zinkoxyd) durchschüttelt gilt als bewährtes Augenwasser. Krenblätter auf den Hals gelegt, oder ein goldenes Ringlein (arme Leute nehmen eine mit gelber Seide übersponnene Darmseite) durch's Ohr gezogen, sind gleichfalls treffliche Augenheilmittel.

Spermazet (Walrath) und pulverisierte Alantwurzel finden innerlich bei Brust- und Lungenleiden zum "Ausheilen" Anwendung. Bei katarrhalischen Affectionen kauen die Leute Hirschwurzel und: "wann a Kind d'Esels-huast'n (!) hat," sagte mir einmal ein Bauernbursche, "legt ma Eselshaar auf die Gluat und thuat damit rauka, aft'n is 's g'schwind guat!" -
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Nunmehr kommen wir zu jenen Volksheilmitteln, die mehr oder weniger mystischen Beigeschmack haben.

Da ist z. B. gleich ein Rezept zur Vertreibung von Warzen: Man nimmt Äpfel, Zwiebel und Speck und reibt die Warze mit diesem Gemengsel ein, das man nach dem Gebrauch an eine Stelle vergräbt, auf welche die Dachtraufen herabfallen. Sobald es verfault ist, verschwindet das Übel.

Die Rosengallen (vom Volke Schlafäpfel genannt) werden sowohl Kindern als Erwachsenen unter den Kopfpolster gelegt, damit sie schnell und leicht einschlafen. -


Die getrockneten unentfalteten Blütenkörbchen von Artemisia cina (vom Volke fälschlich Zipper- oder Wurmsame genannt) werden den Kindern, wenn sie an Würmern leiden, mit Honig vermengt, und zwar Mittwoch und Freitag bei abnehmendem Monde eingegeben.

Dem Monde wird bekanntlich in Volkskreisen ein überaus mächtiger Einfluß zugeschrieben; so auch in Bezug auf das Wirkungsvermögen der Heilmittel. Im Allgemeinen gilt diesbezüglich die Regel: Alle Medikamente, die ein Zunehmen des Körpers zur Folge haben sollen (z. B. bei Brust- und Lungenleiden, Blutarmut, Schwund u.s.w.) im aufnehmenden, Medikamente, die eine Abnahme bezwecken, (z.B. Mittel gegen Kropf, Drüsenleiden u.f.w.) bei abnehmendem Mond, ober wie die Leute höchst bezeichnend sagen: "wenn der Mond krank ist" zu gebrauchen, denn würde man zum Exempel ein Mittel gegen Kropf zu der Zeit, in welcher der Mond im Wachsen ist, gebrauchen, so würde ersterer trotz Anwendung des Mittels in seiner Entwicklung ungestört fortfahren.

Der Glaube an die Despotie des Mondes wurzelt im Volksbewußtsein so tief, daß ich denselben bei allen Rücksicht für den bleichen Sternenfürsten unmöglich stillschweigend übergehen konnte.

Daß auch das Gebet von den Leuten in unzähligen Fällen als kräftige Beihilfe, oft auch als ausschließliches Heilmittel angewendet wird, ist bei dem frommen Sinn des Landvolkes nicht zu wundern. Hier ein paar darauf bezughabende Beispiele.


Blutstillung.

Sobald als du dich geschnitten hast oder gehauen, so sprich: Glückselige Wunde, glückselige Stunde, Glückselig ist der Tag, da Jesus Christus geboren ward. Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Für die Wurm.

Jesus und Petrus fuhren auf den Acker ackern. Vier Burschen ackern auf drei Würmer, der eine ist weiß, der andere ist schwarz, der dritte ist rot, - da sind alle Würmer tot im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. Sprich diese Worte dreimal und es wird helfen.


Für das Fieber:

Bete erstlich früh, aldann kehre das Hemd um, den linken Ärmel zuerst und sprich: Kehre dich um Hemd, und du Fieber, wende dich; dann nenne den Namen dessen, der das Fieber hat und sprich: Das sage ich dir zur Buß. Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Sprich diese Worte drei Tage nach einander, so vergeht es.


Interessant ist auch die folgende Beschwörungsformel:
"Ich tue dich anhauchen, drei Blutstropfen tue ich dir entziehen: den ersten aus deinem Herzen, den andern aus deiner Leber, den dritten aus deiner Lebenskraft. Damit nehme ich dir deine Stärke und Manneskraft."

     Auch für Akte der Rache suchen die Leute durch Beten den Himmel zum Bundesgenossen zu gewinnen, damit er ihnen Mittel an die Hand gebe, ihren Rachedurst zu stillen.

Man höre:

Einen Stecken zu schneiden, daß man Einen damit prügeln kann.

Merke: Wann der Mond neu wird, an einem Dienstag, so gehe vor Sonnenaufgang fort, tritt zu einem Stecken, den du dir vorher schon angesehen hast, stelle dich mit deinem Gesicht gegen Sonnenaufgang und sprich diese Worte:
Stecken, ich greife dich an im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. Nimm dann dein Messer in die Hand und sprich wiederum: Stecken, ich schneide dich im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.
Daß du mir sollest gehorsam sein, wenn ich Einen prügeln will, dessen Namen ich nenne. Darnach schneide auf zwei Orten vom Stecken etwas hinweg, damit du kannst diese Worte draufschreiben: Abia obia fabia. Lege dann einen Kittel auf einen Scheerhaufen, schlage mit deinem Stecken auf den Kittel und nenne des Menschen Namen, welchen du prügeln willst, schlage dann tapfer zu, so wirft du denselben eben so hart treffen, als wenn er selber darunter wäre, der doch viele Meilen von dem Orte entfernt ist.    

In dieselbe Kategorie als die eben erwähnten, gehören auch die sogenannten sympathetischen Mittel, das "Wendten" u.f.w.

Zum Schlusse hab' ich nur noch Eines zu erwähnen. Ehe die Leute vom Lande sich entschließen, zum Arzt zu gehen, versuchen sie erst alle die Hausmittel, welche ihnen entweder selbst geläufig, oder die ihnen von Nachbarsleuten   "verraten" worden.

Dieser unseligen Maxime fallen jährlich unzählige Individuen aus den niederen Volksschichten zum Opfer. Aber das Merkwürdigste an der Sache ist, daß alles Anstürmen gegen dieselbe sich als ein absolut vergebliches erweist, und jeder Versuch der Aufklärung an der Hartnäckigkeit, mit der die Leute am Althergebrachten, wenn es auch noch so widersinnig ist, festhalten, scheitern muß. Nun, so sei's. Der Glaube macht eben nicht blos - wie das Sprichwort sagt - Fromme selig - sondern auch Kranke gesund.


*Viele der hier aufgeführten, so z. B. die auf Schlangenkultus Bezug habenden Mittel, verdanke ich der freundlichen Mitteilung des steiermärkischen Schriftstellers Johann Krainz.


**) Die Leute sagen statt Pulver Stupp.
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